Montag, 11. Dezember 2017

Nino Haratischwili, Das achte Leben (für Brilka)

Gedächtnis und Erkenntnis   

Unbewusst ist die Vorstellung wohl die eines altertümlichen Fotoapparates: Aufbau, Kopf des Fotografen unter der Decke, Blitz, zufrieden-munteres Klopfen auf den Apparat, «im Kasten». Abgesehen davon, dass sich die technischen und ästhetischen Voraussetzungen der Fotografie so grundlegend gewandelt haben, hegt man nicht grundsätzlich den Wunsch, mit Büchern ebenso verfahren zu können – gelesen, im Kasten? Nino Haratischwilis riesiges Epos jedenfalls wirft diese Frage einmal mehr auf, was also mit den gelesenen Welten geschieht, sobald sie durch unseren Kopf gezogen sind. » Weiter im Text

Mathias Énard, Der Alkohol und die Wehmut

Lieben, Trinken und Zugfahren

Eine Menage à trois zwischen Paris und Moskau: der Erzähler, Mathias, seine Freudin Jeanne, und Wladimir, den sie bei einem Auslandssemester in Russland kennenlernt. Die drei trinken zusammen, sie erleben diese vom Neonlicht billiger Restaurants beleuchteten Glücksmomente von Jugendlichkeit und Nicht-Wissen-Wohin, Sex, Freundschaft und Literatur sind die Eckpfeiler ihres Zusammenseins. Wenn man den pathetischen Monolog Jeannes am Ende liest, in dem sie den Erzähler in einem Krankenhaus in Nowosibirsk wieder zum Leben erwecken will, bestätigt sich der Verdacht, dass hier, in der Entscheidung zwischen Mathias und Wladimir, rasch noch dramatisches Potential freigesetzt werden soll, um das es im Grunde gar nicht geht. » Weiter im Text

Thomas Melle, Die Welt im Rücken

Muss denn alles Literatur sein? 

In der Bibliothek war das Buch unter medizinischer Fachliteratur eingeordnet, mit dem Kürzel Med-mandep, manisch-depressiv. Zugleich gelangte es auf die Shortlist des Buchpreises 2016, und galt lange als Favorit, «Roman des Jahres» zu werden. Wieder einmal Zeit also, um sich zu fragen, was ein Roman bzw. was Literatur ist. Denn auch wenn das Buch ohne die Gattungsbezeichnung Roman auskommt, tritt Melle nicht etwa bei medizinischen Fachkongressen, sondern in Literaturhäusern und Bibliotheken auf; auch in den Rezensionen wird das Wort «Roman» zumeist vermieden, doch erscheinen sie natürlich im Feuilleton – und nicht bei «Wissen und Forschung» – und laborieren mit Behelfsbezeichnungen wie »kein Roman, sondern der Hammer», «kein Roman, aber blitzhelle Stroboskop-Prosa», «kräftezehrende Lektüre», «eindringliches Dokument», «existentielles Buch» etc. » Weiter im Text

Bettina Baltschev, Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Die deutsche Exilliteratur ist weidlich erforscht worden, und einer der immer wiederholten und vermeintlich überraschenden Befunde ist, dass sie sich so auffällig mit historischen Stoffen befasst hat. Die kursorisch von Bettina Baltschev zusammengetragenen Publikationen des Querido-Verlags zwischen 1933 und 1950 zeigen dies deutlich: Cervantes, Peter der Große, Die Jugend des Königs Henri Quatre, Ignatius von Loyola, Cleopatra, um nur einige der bekannteren zu nennen – ganz zu schweigen von den populären historischen Großromanen eines Stefan Zweig, der mit Marie Antoinette und Erasmus von Rotterdam befasst war, während seine Bücher in Deutschland schon verbrannt wurden. » Weiter im Text

Robert Byron, Der Weg nach Oxiana

Byron

Durch den Orient: zeitlos, konzentriert und amused

Was ist ein guter Reisebericht? Das beschäftigt mich seit Jahren, und bis heute kann ich es nicht sagen. Eine Orientierung war Ryszard Kapuscinski, in dessen Texten man spürt, wie sehr er sich selbst seinem Reisen aussetzt, wie er unter der Textoberfläche mit seinen Eindrücken ringt, um schließlich aus dieser Hingabe und diesem Ringen eine große Erzählung zu machen, die geprägt ist von einer in beinahe jedem Satz spürbaren Humanität. » Weiter im Text

Michail Prischwin, Der irdische Kelch

Der Roman ist ein Gedichtmichail_prischwin_der_irdische_kelch

Im Prolog beschreibt der Erzähler in einem Absatz, wie der Tschistik  - unser «ruhmreicher Moossumpf, die Mutter des großen russischen Stroms» – von der Moderne verwüstet wird, entwaldet, leergefischt, totgebombt. Dann fragt er sich: «Wird es ein Jüngstes Gericht geben?» Und weiter: «Ich hatte mir eine Rechtfertigung zurechtgelegt für dieses Gericht, nämlich dass ich die irdischen Einfassungen immer heilig gehalten habe. Und sie sind alle zertreten. Womit rechtfertige ich dann jetzt mein Dasein?» Und er gibt zu: «In schweren Augenblicken fragst du dich: Was will ich?, und antwortest: Einen anständigen Tee mit Zucker.»  » Weiter im Text

Donna Tartt, Der Distelfink 2

Der Distelfink von Donna TarttWiederholungen von Ereignislosigkeit

Alles beginnt mit einem Museumsbesuch. Eine Mutter will ihrem 13-jährigen Sohn ein Gemälde zeigen, das ihr sehr gefällt – den „Distelfink“ des Malers Carel Fabritius. Im Museum explodiert jedoch just an diesem Tag eine Bombe. Mutter und Sohn sind im Chaos nach der Explosion getrennt. Ein älterer Herr, der schwer verletzt im Sterben liegt, bringt den Jungen dazu, das Bild mit dem Distelfink zu entwenden, und gibt ihm seinen Ring. Stunden später erfährt der Junge, dass seine Mutter bei der Explosion ums Leben kam. Der Junge heisst Theo Decker, und er erzählt auf 1000 Seiten seine Lebensgeschichte. » Weiter im Text

Donna Tartt, The Goldfinch 1

Alles Drogen, Kunst, Liebe, Leinwand   ows_138203116777579.jgp

Wenn man keinerlei Erfahrung mit Drogen hat, die über Alkohol und Marihuana hinausgehen, dann ist man nach der Lektüre dieses Buches einen Schritt weiter: man wird detailliert informiert über den Konsum verschiedenster chemischer Substanzen, ihre Wirkungen und Nebenwirkungen, ihre Beschaffung und ihre Kosten, ihren Abhängigkeitsfaktor und ihre Hilfe bei der Bewältigung eines ansonsten als unbewältigbar empfundenen Alltags. » Weiter im Text

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