Freitag, 24. November 2017

Richard Ford, Unabhängigkeitstag

Unabhängigkeitstag589 Seiten Glück
589 Seiten scheinbaren Glücks sähen anders aus. Sie würden an unseren Gehirnwindungen festkleben wie Kaugummi auf dem S-Bahn-Sitz an unserem Hosenboden. Wir kennen die Scheinwelt, diesen medial ausgepolsterten Schonraum Glück; er nennt sich Happy End, Liebesgeschichte oder Komödie. Es gibt tolle Liebesgeschichten und Komödien; mit Realität haben die meisten Exemplare dieser Gattung jedoch oft herzlich wenig zu tun.

589 Seiten wirklichen Glücks habe ich in diesem Buch gefunden. Dieses Buch ist ein Freund in einer schlaflosen Nacht, die dann unwillkürlich zur glücklichen wird. Es begleitet einen auf der Fahrt zur Arbeit und auf der Fahrt nach Hause. Es öffnet auf jeder Seite eine Tür und lässt uns eintreten in eine Welt voller Realität, in der kein Platz ist für Kitsch, Klischees und hoffnungslose Träume. Dieses Buch holt uns ab, wo wir sind, und setzt und wieder dort ab, wo wir hingehören: bei uns selbst. Es ist schonungslos, aber voller Liebe zu seinen Figuren. Es ist detailversessen. Es ist reich an klugen Beobachtungen. Kurz: Es ist großartig, wunderbar, erstaunlich. Aus diesem Buch würde man am liebsten ständig jemandem vorlesen. Wie schafft es einer, das zu sagen, was man selbst ungefähr so schon einmal gedacht hat?

«Ich konnte nicht so tun, als ob das, womit Sally sich an diesem Abend herumgeschlagen hatte, mir unbekannt gewesen wäre – eine Leere, etwas, was fehlte. Vielleicht bin ich einfach kein Hauptgewinn, weder für sie noch für sonst jemanden, weil ich das Glöckchengeklingel zu Anfang einer Romanze zwar herrlich finde, aber absolut nicht das Bedürfnis habe, mehr zu tun, als wegzuhören, sobald dieser süße Klang droht, sich in etwas anderes zu verwandeln. Eine erfolgreiche Strategie meiner mittleren Jahre, einer Zeit, die ich für mich ‘Existenzperiode’ bezeichne, besteht darin, einen großen Teil dessen, was mir nicht gefällt oder mir beunruhigend oder verwirrend vorkommt, einfach zu ignorieren und zuzusehen, wie es sich für gewöhnlich von selbst erledigt. Aber ich bin mir der ‘Dinge’ ebenso bewusst wie Sally und könnte mir vorstellen, dass dieser Anruf das erste (oder vielleicht auch das siebenunddreißigste) Signal dafür ist, dass wir uns bald nicht mehr ‘sehen’ werden. Und ich empfinde Bedauern und würde gerne einen Weg finden, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Bloß dass ich entsprechend meiner Strategie eben bereit bin, die Dinge so laufen zu lassen, wie sie laufen, und abzuwarten, was passiert. Vielleicht wird’s sogar besser. Wär schließlich auch möglich.»

Wer hier spricht, ist Frank Bascombe, Vater zweier Kinder, Ex-Ehemann der Mutter seiner Kinder, Immobilienmakler, Amerikaner, Demokrat, Hausbesitzer. Dies ist eine Kostprobe für den unspektakulären Bericht aus seinem Leben, der sich vor Sentimentalitäten hütet und starken Gefühlen mit einem Augenzwinkern begegnet, ohne je flapsig oder klamaukig zu werden. Vier Tage können wir an Franks Leben teilnehmen, Freitag bis Montag, den 4. Juli –  den Unabhängigkeitstag, der dem Buch seinen Titel gibt. Getreu der Vorgabe, nichts zu erwähnen, was nicht an anderer Stelle wieder aufgenommen wird, hat Richard Ford einen langen Tauchgang in das Leben und die Gedankenwelt seiner Hauptfigur unternommen, der sich über drei Bände erstreckt (Band 1 heißt «Der Sportreporter» und Band 3 «Die Lage des Landes»).

Alle Menschen, die Frank Bascombe in irgendeiner Weise etwas bedeuten, finden in diesem Buch ihren Platz, und man ist hingerissen, wie viel jemand an einem verlängerten Wochenende erleben kann – und man mit ihm. Mit Erlebnis ist das Erfahren, das Reflektieren, das Nachdenken, das Erinnern und der Versuch, Gedanken zu formulieren gemeint; Ereignisse sind sparsam gestreut und spannen den Erlebnisrahmen für Frank Bascombe, statt eine Spannungskurve im klassischen Sinn zu erzeugen.

Richard Ford gilt zu Recht als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Amerikas. 1996 erhielt er für «Unabhängigkeitstag» sowohl den Pulitzer-Preis als auch den PEN/Faulkner Award. Legt man die 589 Seiten Glück ohne Zuckerguss beiseite, hat man ein großes Verlustgefühl. Ich für meinen Teil habe eines Nachts von Frank Bascombe geträumt. Nach dem Aufwachen hatte ich das angenehme Gefühl, einem guten Freund begegnet zu sein.

Richard Ford, Unabhängigkeitstag, Berliner Taschenbuch Verlag 2007 (Original: Independence Day, 1995)

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