Freitag, 24. November 2017

Aravind Adiga, Der weiße Tiger [2]

Der Weisse TigerIn der Tradition des Schelmenromans erzählt hier einer sein Leben, der es von ganz unten, aus der «Finsternis», nach oben, ans Licht schafft. Aus dem Kohle knackenden Betelkauer Balram, der zwar lesen und schreiben kann, jedoch, wie er es selbst ausdrückt, «halb gar» ist, da er nur kurz die Schule besuchte, entwickelt sich der Uniform tragende und als Fahrer für den wohlhabenden Mr Ashok arbeitende Weiße Tiger, der die gesellschaftlichen und sozialen Mechanismen des heutigen Indiens mehr und mehr durchschaut.
In Anlehnung an den American Dream wird hier die Geschichte von einem erzählt, der sein Glück selbst in die Hand nimmt und den sozialen Aufstieg schafft. Aber einer wie Balram hat eigentlich keine Chance auf diesen Aufstieg – außer er begeht ein Verbrechen.

Der weiße Tiger ist «das seltenste Tier in jedem Dschungel – ein Lebewesen, das in jeder Generation nur einmal auftaucht». Mit diesem König des Dschungels vergleicht ein Schulinspektor den kleinen Balram, da dieser der einzige in seiner Klasse ist, der lesen gelernt hat: «Genau das bist du in diesem Dschungel hier.» Gute 170 Seiten der deutschen Ausgabe später wird diese Metapher wieder aufgenommen. Balram, der von Mr Ashok als Fahrer mit nach Delhi genommen wurde, wird immer mehr bewusst, wie weit die Schere der sozialen Ungleichheit zwischen Reichen und Armen auseinanderklafft: Nachdem Pinky Madam, die Ehefrau Mr Ashoks, nachts betrunken mit dem Auto durch Delhi rast und dabei ein Kind überfährt, soll er die Schuld auf sich nehmen und für seine Arbeitgeber ins Gefängnis gehen. Zwar kommt es nicht dazu. Bei Balram jedoch findet eine entscheidende Bewusstwerdung statt: Die indische Gesellschaft funktioniert nach dem Prinzip des Hühnerkäfigs, in dem die Hühner eingepfercht auf ihren Tod warten. Immer wieder greift eine Hand in den Käfig, schneidet einem Huhn den Kopf ab, und Organe und Blut der getöteten Artgenossen fallen und tropfen in den Käfig. Die Hühner haben Angst, aber sie rebellieren nicht und wagen keinen Ausbruchversuch.

Balram, bisher ein Huhn im großen indischen Hühnerkäfig, besinnt sich auf seinen – vordergründig naiven – gesunden Menschenverstand. Wer es wagt, aus dem Käfig auszubrechen, riskiert, dass an seiner Familie Rache genommen und er aus der Gesellschaft ausgestoßen wird. Nur ein weißer Tiger, «ein Abartiger, ein Anormaler, eine Laune der Natur» ist zu so etwas fähig.

Balram wird zum Mörder, um in Bangalore ein neues Leben beginnen zu können. Mit dem nötigen Startkapital gründet er ein Taxiunternehmen, das die Angestellten von Callcentern zu jeder Tages- und Nachtzeit zum Arbeitsplatz bringt und zurück nach Hause. Schnell hat Balram gelernt, dass jeder Teil des Spiels ist, auch er. Er schmiert Polizisten und kauft sich aus einem Verkehrsunfall mit tödlicher Folge frei. Doch obwohl er immer zuerst an sich denkt, sind ihm andere Menschen nicht gleichgültig. Seinen kleinen Neffen nimmt er zu sich, obwohl ihn dieser verraten könnte und er erpressbar wird; der Familie des Unfallopfers lässt er Geld zukommen. Balram ist keine Schwarzweiß-Figur, er hat die Sympathie des Lesers, aber er macht sich auch selbst schuldig. Für seinen Aufstieg nach oben geht er im sprichwörtlichen Sinn über Leichen.

«Die Träume der Reichen und die Träume der Armen – die überschneiden sich nie, stimmt’s?», fragt Balram. «Die Armen träumen nämlich ihr ganzes Leben lang davon, genug zu essen zu haben und wie die Reichen auszusehen. Und wovon träumen die Reichen? Abzunehmen und wie die Armen auszusehen.» Ohne moralinsaure Untertöne bringt dieser Roman einen zum Nachdenken über die Beschaffenheit der indischen Demokratie und die große Kluft zwischen Reichtum und Armut. Die Erzählweise – der Ich-Erzähler Balram erzählt dem chinesischen Ministerpräsidenten in Briefen sein Leben – ist gut gewählt. Hier kommt einer zu Wort, der durch seine Naivität ein bezeichnendes Licht auf die Realität wirft. Er zeigt, indem er beschreibt, und nicht, indem er wertet.

Das Buch entfaltet bis zur letzten Seite einen beeindruckenden Facettenreichtum, der angenehm unaufgeregt daherkommt. Es ist Adigas Debutroman, für den er 2008 den Booker-Preis erhielt. Kritiker monieren, das Buch werfe ein schlechtes Licht auf Indien, da es ein überholtes Bild des Landes zeichne. Vielleicht tut es das teilweise. Diese Geschichte könnte aber genauso gut in anderen Nationen spielen. Es ist ein Buch über Indien, aber es ist vor allem ein Buch über gesellschaftliche, politische und soziale Missstände und den Versuch eines Einzelnen, für sich das Beste herauszuholen.

Aravind Adiga, Der weiße Tiger, C.H. Beck 2008 (Original: The White Tiger, 2008)

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