Freitag, 24. November 2017

Aravind Adiga, The white tiger [1]

The white tigerMan fühlt sich wie ein Klappentextschreiber und dennoch ist es tatsächlich das abgedroschene Wort „erstaunlich“, das Adigas Roman auszeichnet. Ein durch und durch erstaunliches Buch. Zunächst lässt es den Leser gut 150 Seiten lang im Dunkeln darüber, was es für eine Art von Buch sei: so munter quatscht der Erzähler daher, so zielsicher kommen seine Pointen, so deutlich scheint sich ein indisches Epos souveräner angelsächsischer Erzählprovenienz aufzubreiten. Der „Entrepeneur“ Balram, alias der weisse Tiger, sitzt in seinem Büro in Bangalore und berichtet dem chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao in sieben Nächten von seinem Leben. Diese etwas strapaziöse Ausgangslage dient vor allem dazu, Schimpf und Schmäh über Indien auszugiessen, von dem Jiabao, von dessen Besuch der weisse Tiger im Radio erfahren hat, sicherlich nichts mitbekommen würde ausser verlogenen Ghandi-Gadgets. Balram gedenkt, dieses Bild zu korrigieren. Nicht nur Indien kriegt dabei sein Fett weg, sondern nebenbei auch die Muslime, ohnehin alle Analphabeten, von Kopf bis Fuss in schwarze Schleier gehüllt und ganz scharf darauf, mal wieder etwas in die Luft zu jagen. Noch kann man sich an solch politischen Unkorrektheiten lüstern erfreuen, ebenso wie es seltsamerweise besonders gut tut, einen Autor der Dritten Welt über die Dritte Welt herziehen zu hören. Nun ist Adiga allerdings in Australien aufgewachsen, hat also nicht eine heimliche Autobiographie geschrieben und dementsprechend bekommt man ihn bei all den Pointen über Geschäftemacherei, Korruption und den eisernen Klammergriff der Familienhierarchie in den Verdacht, letztendlich doch nur eine lockere Story über einen Fahrer in Delhi am Billboard des kreativen Schreibens zusammengewitzelt zu haben.

Dann aber ändert sich das Buch fundamental. In dem Moment, in dem Balram für seinen Chef, Mr. Ashok, und dessen launige Ehefrau, Pinky Madame, die im besoffenen Zustand ein Kind überfahren haben, ins Gefängnis wandern soll, wird das Buch zur furiosen Anklageschrift eines very angry young man. Immer wieder beschreibt der Erzähler das Dasein in Indien als einen „fucking joke“, aber erst nach diesem Ereignis wird aus dem launigen Proletarierton bitterer Ernst. Den „fucking joke“, als den Balram seine Existenz in Zusammenhang mit „the rich“ zu begreifen lernt, kann nun nicht mehr hasserfüllt genug ausgesprochen werden:

«The jails of Delhi are full of drivers who are there behind bars because they are taking the blame for their good, solid middle-class masters. We have left the villages, but the masters still own us, body, soul, and arse. Yes, that`s right: we all live in the world`s greatest democracy here. What a fucking joke.»

Nicht nur wird die Demokratie in Indien als Lüge entlarvt, genauso werden “the rich” als korrupt und menschenverachtend dargestellt, denen das Leben und das Empfinden ihrer Angestellten nichts gilt. Adiga greift mitten hinein in vermeintlich antikes sozialkritisches Vokabular: von den Dorfbevölkerungen ist als Menschen „from the Darkness“ die Rede, der indische Ministerpräsident wird höhnisch als „the Great Socialist“ tituliert und immer wieder die unüberwindliche Schranke formuliert, die bis ins 21. Jahrhundert zwischen „the rich“ und „the poor“ aufgerichtet erscheint. Nichtsdestotrotz gelingt es Adiga gleichzeitig, einen grandiosen Entwicklungsroman zu schreiben, innerhalb dessen die Ermordung Ashoks durch seinen Fahrer mit dem Hals einer John Walker Flasche moralisch einwandfreie Lösung dessen bedrängter Lage ist. Balram hat es geschafft. Er ist aus der Massenschlachtfabrik, als das er sein Dasein zu verstehen gelernt hat, ausgebrochen und hat sich einen eigenen Taxibetrieb aufgebaut. Dass dafür wiederum Polizisten geschmiert werden mussten und auch mal menschliches Leben unter die Räder kommt – nun ja, that`s life in India. A fucking joke.

Aravind Adiga, The White Tiger, Atlantic 2008

Kommentare

Eine Anmerkung to “Aravind Adiga, The white tiger [1]”

  1. Stein schreibt am Samstag, 3. Januar 2009

    Ich fand es bemerkenswert, dass Balram nicht zum Gutmenschen wird, sondern Teil der im Roman als korrupt und hierarchisch geprägt beschriebenen indischen Gesellschaft bleibt. An seiner Figur werden die Mechanismen von Geld und Macht exerziert, zu denen gehört, dass er selbst sich dieser Mittel bedienen muss, um sich aus dem Schlamm zu ziehen. Andernfalls wäre er ein sozialkritischer Revolutionär geworden. Ich finde es folgerichtig, dass Balram über die gesellschaftlichen Verhältnisse nur in Bildern (Dunkelheit, Licht, Hühnerkäfig) sprechen kann; das macht ihn glaubwürdig. Die Glaubwürdigkeit entsteht auch aus der langen 1. Phase des Romans: Wie du schreibst braucht es etwa 150 Seiten, bis Balram zu begreifen beginnt, welche Rolle ihm zugedacht ist. In diesem Sinne stimme ich dir zu: Es ist ein imposanter Entwicklungsroman.

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