Freitag, 24. November 2017

Ingo Schulze, Adam und Evelyn [1]

Adam und Evelyn

Adam und Evelyn leben im Jahr 1989 in der DDR. Geplant ist eine gemeinsame sommerliche Urlaubsreise, aber wie das im Leben öfter so ist, kommt alles ganz anders. Als Evelyn Adam mit einer anderen erwischt, macht sie sich zusammen mit ihrer Freundin Simone und deren Westcousin Michael auf in die Ferien. Adam reist ihnen hinterher. In Ungarn geraten sie in die brodelnde Umbruchstimmung einer zu Ende gehenden Ära.

Wenn einer Adam heißt und in der DDR wohnt, hat er es vermutlich nicht leicht. Doch Adam führt kein schlechtes Leben. Abseits von der Politik werkelt er in seinem Atelier an Kostümen für und den Körpern von seinen Kundinnen herum, verdient damit ganz gut und kommt sexuell auf seine Kosten. Adam ist einer, der mit jeder ins Bett geht, die ihm gefällt. An Evelyn, seine 21-jährige Freundin, denkt der fast 33-Jährige dabei nicht. Dass sie ihm jedoch davonrennt (die Papiertüte mit den Feigen, ein Geschenk des «Westlers» Michael, fällt dabei auf den Boden) und ohne ihn in den Urlaub fährt, ist ihm auch nicht recht. Brav trägt er ihr auf seiner Verfolgungsjagd ihren Strohhut hinterher. Dieser Hut avanciert zu einem Symbol des Unter-der-Haube-Seins. Evi will ihn nicht, dafür setzt ihn Katja auf, die er im Kofferraum über die Grenze nach Ungarn schmuggelt, und um die Schildkröte Elfi, das Haustier von Adam und Evelyn, das in einer Kiste mitreist,  kümmert sie sich auch.

Schließlich baut Adam sein Zelt im Garten der ungarischen Familie Angyal auf. Geplant war, dass er und Evi dort im Zimmer von Pepi schlafen, einer Freundin, die momentan nicht zu Hause ist. In diesem Zimmer schlafen nun aber Evi und Michael miteinander. Adam vergnügt sich derweil mit Frau Angyal, womit er wunderbar sensibel beweist, dass Sex absolut nichts mit Liebe zu tun haben muss. Denn lieben tut er nur …

Evi. Diese jedoch spielt mit dem Gedanken, Michael in den Westen nach Hamburg zu folgen. Als sei das Privatleben aller Beteiligten nicht schon schwierig genug, ist es in der politisch hochgekochten Atmosphäre ein paar Wochen vor dem Niedergang der DDR gar nicht so einfach, in Ungarn normal Ferien zu machen. Weswegen sich die Gespräche meistens um das Für und Wider der Flucht in den Westen drehen und dabei neue Lebensentwürfe anreißen.

Wie könnte man bei diesem Buchtitel nicht die biblische Vertreibung aus dem Paradies mitdenken. Spätestens nachdem Adam in einer Hotelschublade eine Bibel findet und die besagten Stellen Evi vorliest, ist es zwischen den Zeilen anwesend: das biblische Urpaar. Dem aufmerksamen Leser ist die Schöpfungsgeschichte schon an früherer Stelle begegnet, nämlich als Michael Eve, wie er sie nennt, frei nach Stanislaw Lem von den Wesen erzählt, die aus eigenem Willen die Form einer Kugel annahmen, um sich weitmöglichst von ihren Schöpfern zu unterscheiden, von denen sie sich losgesagt haben. Die Moral von der Geschichte? – Der freie Mensch kann wählen und ist somit selbst verantwortlich für sein Leben.

Doch so einfach ist es nicht, denn der Mensch kann zwar wählen, doch kann er – zumindest nicht immer – das beeinflussen, was aus seiner Wahl resultiert. Ingo Schulze flicht wunderbar unaufdringlich aus den schweren biblischen Motiven und den bedeutungsvollen Entscheidungen eine sommerleichte Geschichte. Ist es eine Liebesgeschichte? Dies zu beantworten ist auf den zweiten Blick nicht so einfach, zu sehr dominieren Täuschung und Enttäuschung die Beziehung zwischen Evelyn und Adam. Das fängt bei einem ganz vordergründigen Sachverhalt an: dem Namen.

Adam heißt in Wirklichkeit Lutz Frenzel und wird nur wegen seines prägnanten Kehlkopfes so genannt. Wer vom «Adamsapfel» eine Parallele zur biblischen Geschichte ziehen will, wird aber enttäuscht: Von einem Apfel ist in der Bibel nicht die Rede. Dafür von der Vertreibung aus dem Paradies, «einem Garten in Eden gegen Osten hin». Sollte das die DDR sein, das Land im Osten? Das vermeintliche Paradies entpuppt sich nach und nach als Wackelbild. So muss Evi kellnern, weil sie nicht studieren darf. Auch herrscht zwischen den meisten Beteiligten dieser Geschichte eine Stimmung des wechselseitigen Misstrauens. Theoretisch kann jeder für die Stasi arbeiten; Spione und Verräter werden im engsten Freundes- und Familienkreis vermutet. Das könnte auch ein Grund dafür sein, dass sich in diesem Buch die Momente reihen, in denen Adam fotografieren will, die anderen jedoch nicht fotografiert werden wollen. Das Erkennen bzw. die Erkenntnis ist ein zweischneidiges Schwert. Wer erkennt, verliert eine Illusion. Wer erkannt wird, ist unter Umständen schutzlos preisgegeben. (Den Fotoapparat verliert Adam später im Westen, die doch noch geschossenen Bilder sind verloren.)

Adam ist mit seinem Leben in der DDR zufrieden. Als Vertriebener aus dem Paradies muss er dann erkennen, dass im Westen Damenschneider nicht mehr gebraucht werden, da frau von der Stange kauft. Durch den Systemwechsel wird aus einem Meister ein Arbeitsloser. Die Nachfrage bestimmt hüben wie drüben den Markt. Auch Evi hat Mühe damit, im Westen anzukommen. Wieder wackelt das Bild, und der vermeintliche locus amoenus verliert an Kontur. Finden die beiden gemeinsam einen Weg in ein neues Leben?

Adam verbrennt die Fotos von seinen Modellen. Evi erkennt sich selbst in der Spiegelung eines Fensters. Elfi, die Schildkröte, wird ihren ersten Münchner Winter im Gemüsefach des WG-Kühlschranks verbringen, bei 6 Grad Celsius. Das Ende bleibt offen. Alles ist möglich.

Ingo Schulze, Adam und Evelyn, Berlin Verlag 2008

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