Freitag, 24. November 2017

Richard Ford, Der Sportreporter

Der SportreporterAnkommen in der Gegenwart
Das Osterwochenende im Leben von Frank Bascombe kurz vor seinem 39. Geburtstag: Mit seinem ruhigen Alltag ist es vorbei. Seine Freundin Vicky verlässt ihn, sein Freund Walter (der nicht sein Freund ist) kommt mit dem Leben nicht mehr zurecht. Frank fängt an, sich Fragen zu stellen, und je mehr er genau hinsieht, desto seltsamer kommt ihm sein bisheriges Leben vor.

Frank Bascombe ist zu Beginn der Ansicht, er habe für sich «die innere und die äußere Welt in Übereinstimmung» gebracht. Er arbeitet nach einer erfolglosen Schriftstellerkarriere als Sportreporter («was eine recht oberflächliche Angelegenheit ist, deswegen aber noch lange kein schlechter Beruf») und ist nach seiner Scheidung von X (so nennt er seine Exfrau) und vielen Affären mit Vicky zusammen, einer Dreissigjährigen, die sich nicht unbedacht mit einem Mann einlässt, was Frank zu spüren bekommt. Er versucht nicht, in seinem Dasein etwas Besonderes zu sehen («Jedermann könnte in den meisten Punkten jeder andere sein»). Er geht wöchentlich zu Mrs. Miller, seiner Handleserin, die in einem Backsteinhaus zwischen der Exxon-Tankstelle und einem Rusty Jones wohnt, mit einem Leuchtschild wirbt («Guter Rat aus Ihrer Hand») und ihm in ihrem grünlichgelb beleuchteten Schlafzimmer für fünf Dollar einen Einblick in die nähere Zukunft gibt («Ich sehe ein langes Leben»).

Frank hängt nach wie vor an X (und steigt unabhängig davon gern mit anderen Frauen ins Bett). Nachdem Frank die Handtasche von Vicky unter die Lupe genommen hat und von ihr ertappt wurde, kriselt  es zwischen den beiden. Für sie ist es ein Vertrauensbruch. Er hat immerhin einige Minuten lang ein schlechtes Gewissen («Im Badezimmerspiegel gleiche ich einem miesen Sexualverbrecher – die zwischen meinen Fingern herabhängende Zigarette, der mit blauen Biesen besetzte Pyjama zerknittert, mein Gesicht vom heftigen Husten noch mitgenommen, meine Augen gegen das harte Licht zusammengekniffen und schmal. Es ist kein erfreulicher Anblick, und ich bin alles andere als glücklich darüber, mich hier zu sehen.»).

Nach dem missglückten Freitag und Samstag in Detroit, wo Frank einen querschnittsgelähmten Ex-Footballprofi für eine Reportage interviewen will (was gehörig schiefgeht) fliegen die beiden wieder zurück. Sein nachdenkliches Fazit zu seinem Trip mit Vicky und seinem Besuch bei Herb, dem ehemaligen Footballspieler: «Innerhalb von nur zwei Stunden ist es mir gelungen, zwei Menschen zum Weinen zu bringen. Irgendetwas mache ich falsch.»

Am Ostersonntag soll Frank Vickys Familie kennenlernen. Als er todmüde Samstagabend bei sich zu Hause ankommt, ist Walter da. Walter gehört wie Frank zum «Klub der Geschiedenen Männer», verstößt aber gegen die Regeln (keine Selbstdarstellung) und hat einen Narren an Frank gefressen, obwohl die beiden sich kaum kennen. Außerdem ist er schwul, und eine offenkundige Sympathiebezeugung Walters bekommt Frank in den falschen Hals («Lass das, Walter, ich will von dir keinen Kuss!»). Frank kann mit Walters Gefühlsausbruch nichts anfangen («Ich wüsste nicht, was irgendjemand – einschließlich ausgebildeter Experten – sagen sollte, außer: ‹Kommen Sie, junger Mann, am besten gehen Sie mit ins Landeskrankenhaus. Die Jungs dort werden Ihnen schon eine Spritze verpassen, und dann stimmt die Richtung wieder.›»).

Frank Bascombe hat einen zynischen Blick auf die Welt, aber er mag seine Mitmenschen und ist bereit, grundsätzlich vom Besten auszugehen. Allerdings erträgt er kein Schubladendenken, was auch der Grund war, sein Leben als Dozent aufzugeben, das er eine Zeit lang führte («Was mir jedoch wirklich zuwider war und mich schließlich veranlasste, am Ende des Semesters mitten in der Nacht aus der Stadt zu fliehen, war die Tatsache, dass es dort nur eingefleischte Gegner – und Gegnerinnen – des Unerklärlichen gab, alle erfahren in der Kunst des Erklärens, Erläuterns und Zerlegens, und dadurch Förderer der Beständigkeit.»). Frank Bascombe, äußerlich «irgendein Durchschnittstyp in einem Pullover mit rundem Ausschnitt, Baumwollhosen und einer Traktormütze von John Deere», hat eine Vorliebe für genaue Beobachtung und Details, kommt den Menschen aber nicht gern zu nah («Das Intimleben der Leute hat für mich nichts Unterhaltendes, nur ihr Leben in der Öffentlichkeit»). Die Welteinrichtung des Frank Bascombe scheint, um mit Kleist zu sprechen, zerbrechlich zu sein und muss unter allen Umständen gegen Außeneinwirkungen geschützt werden.

In vier oder fünf Tagen erlangt ein Mensch nur selten über alles Klarheit. Selten auch trifft man die Entscheidung, von nun an alles (oder manches) anders zu machen, in der einen Sekunde und lebt ab der nächsten für den Rest des Lebens danach. Aber es gibt doch Momente im Leben, die bedeutsam sind (ohne dass man genau sagen könnte, warum), und einen solchen Moment erlebt Frank Bascombe.

Er ist sich plötzlich seines Daseins bewusst und begreift sich als ein Mensch, der ganz im Jetzt lebt. Die Vergangenheit flüstert ihm zu, die Zukunft blitzt hier und da auf. Doch ganz in der Gegenwart ist sein Leben, «dieser glitzernde eine Augenblick». Frank Bascombe ist hier in bester Gesellschaft mit einem anderen prächtigen Gegenwartsmenschen: «Alles ist Gegenwart (…). Wir sitzen an einem Tisch im Schatten und essen Brot, bis der Fisch geröstet ist, ich greife mit der Hand um die Flasche, prüfend, ob der Wein auch kalt sei, Durst, dann Hunger, Leben gefällt mir –» Gantenbeins Worte – es könnten Bascombes Worte sein. Mit einem solchen zufriedenen Bei-sich-Sein wird man gern aus einem Buch entlassen.

Richard Ford, Der Sportreporter, Berliner Taschenbuch Verlag, 2006 (Original: The Sportswriter, 1986)

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