Freitag, 24. November 2017

Fred Vargas, Die dritte Jungfrau

Die dritte JungfrauVon Leichen, Gespenstern und Katzen
Wie schön, dass sich manche Dinge nie ändern. Adamsberg wird immer der Kommissar sein, dessen Gedanken auf verschlungenen Wegen wandern, von denen er selbst meistens nicht sagen kann, wohin sie führen. Die Krimis von Fred Vargas scheinen nur vordergründig unkonstruiert. 

Die Geschichte setzt sich zusammen aus Irrtümern, Zufällen, Indiziensuche und – nach den Kriterien der klassischen Kriminalstory – kausalen Ketten. So entsteht ein Mosaik, das den Leser und die Leserin stirnrunzelnd, lachend, skeptisch, aber auch guten Willens voranschreiten lässt. Man wird immer wieder angehalten, sich zu fragen: Was ist das überhaupt, ein spannender Plot? Und: Ist der Leser und die Leserin nur ein Spielball der Autorin, oder hat er oder sie nicht vielmehr das Recht, sich zurückzulehnen und Distanz zwischen sich und die Geschichte zu bringen?

Für was soll diese Distanz gut sein? Sie erinnert uns daran, dass eine gute Geschichte wie das Leben ist: Voller Tücken und Gefahren, Heimsuchungen und Verführungen, Wahrheiten, aber auch Lügen, zärtlichen und poetischen Momenten, aber auch Zeiten, in denen man irgendetwas tut, ohne zu wissen, ob dieses Tun sinnvoll ist und ob es irgendwohin führen wird. Manchmal arbeitet man wochenlang an einem Projekt oder einer Idee, und dennoch ist das Ergebnis nicht befriedigend. Dann wieder hat man einen genialen Einfall, während man einfach nur aus dem Fenster sieht. Das Leben ist nicht gradlinig. Es folgt keiner Logik und schuldet niemandem etwas. Jeder von uns erlebt das Tag für Tag, Woche für Woche.

Jeder Kriminalroman dealt mit diesen Erkenntnissen: Menschen sind unberechenbar. Aus einem guten Menschen kann ein schlechter werden. Einem schlechten Menschen kann Gutes widerfahren. Oder, um es weniger wertend zu formulieren: Alles wandelt sich und ist im Fluss. Und oft liegt es an uns, den Dingen eine bestimmte Wende zu geben.

Dies verkörpert Adamsberg. Er geht spazieren und hängt seinen Gedanken nach. Er spinnt einen Strang an den nächsten, manchmal verfolgt er einen Gedanken, der in die Irre führt, manchmal findet er etwas, obwohl er gar nicht danach gesucht hat. Das Unwahrscheinliche oder Absurde und Skurrile wie die Verfolgung einer Katze von einem Hubschrauber heraus über fünfunddreißig Kilometer, um Retancourt zu finden (ein Mitglied von Adamsbergs Brigade, die ihm in einem anderen Vargas-Krimi das Leben gerettet hat) führt dennoch zum Ziel. Man fragt sich: Warum sollte eine Katze über eine solche Distanz einem Geruch folgen können; dem Geruch eines Körpers noch dazu, der höchstwahrscheinlich in einem Auto transportiert wurde?

Die Antwort lautet: Weil die Katze in diesem Moment Zeichenträger ist. Die Geschichte benötigt die Katze als Zeichen für das Unwahrscheinliche. Die Unwahrscheinlichkeit der Rettung Retancourts wird benötigt, um zu zeigen, warum in diesem Fall das perfekte Verbrechen nicht möglich war. Ein Mörder kann alles planen. Doch was wirklich geschieht, entzieht sich ihm. Ihm gleichermaßen wie Adamsberg, der seinem neuen Mitarbeiter nicht trauen kann bis zum Schluss, da die beiden eine alte Geschichte verbindet, die noch lange nicht abgeschlossen ist. So tut sich Persönliches mit dem Fall zusammen, Vernunft mit Irrationalität, Folgerichtigkeit mit Überraschung.

Es kann auch erleichternd sein, zu begreifen, dass nicht alles in unseren Händen liegt. In diesem Krimi machen mehrere Figuren diese Erfahrung. Für dieses Beiseitetreten-vom-Gewöhnlichen liebt man die Krimis von Fred Vargas, und dieser Krimi ist der liebenswerten einer mehr.

Fred Vargas, Die dritte Jungfrau, Aufbau Verlag 2008 (Original: Dans les bois éternels, 2006)

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