Freitag, 24. November 2017

Ingo Schulze, Adam und Evelyn [2]

Adam und EvelynIngo Schulze muss nicht gerade entdeckt werden. Seit zehn Jahren gilt er als der ‚Wenderoman’- Autor, damals noch als Vorzeigeossi, heute als populärer Vertreter deutscher Gegenwartsliteratur. In ADAM UND EVELYN (2008) kommen nun «der Wenderoman» und schönste deutsche Gegenwartsliteratur zusammen, wobei Schulze sich regelrecht durch sein Thema und seine Sprache vorgearbeitet hat.  Dabei bleibt er zwar seinem Thema treu – erneut geht es um den Sommer 1989 und die an ihn anschliessenden Möglichkeiten und Hilflosigkeiten –, gleichzeitig findet er jedoch zu einer Sprache, in der „die Wende“ gleichzeitig normalisiert, dramatisiert und erotisiert wird.

„Die Wende“ wird nicht behauptet und eigentlich auch nicht erzählt, vielmehr finden sich die Figuren inmitten des Geschehens wieder und der Leser ist, trotzdem er mit seinem Wissen um die historischen Ereignisse am längeren Hebel sitzt, häufig genauso ratlos wie der in seinem Wartburg „Heinrich“ gen Ungarn zuckelnde Schneider Adam. Vor ihm fährt über weite Strecken der rote Passat-Kombi des schnittigen Hamburgers Michael, in dem auch Adams Freundin Evelyn sitzt, die, nachdem sie Adam in flagranti bei einem seiner zahllosen Seitensprünge ertappt hat, die gemeinsam geplanten Ferien am Balaton nun mit ihrer Freundin Simone und deren Cousin Michael verbringen will.

Adam fährt unverdrossen hinterher. Der Wartburg und der Passat, die im Laufe der Reise, die zu einem Roadmovie wird, beide ihre Dellen davontragen werden, können dabei als vorerst einfach zuzuordnende Symbole unterschiedlicher politischer Systeme und Bruttoinlandsprodukte gedeutet werden. Schwieriger und schöner jedoch wird es, wenn es um die Liebe und die Träume geht. Denn in Ungarn, bei den Eltern ihrer Freundin Pepi angekommen, fängt Evelyn etwas mit Michael an, derweil Adam im Zelt im Garten kampiert. Michael ist fürsorglich, hat Adam Evelyn doch die ganzen Jahre über immer wieder betrogen, Michael ist geil, kann doch niemand so unschuldig wie Evelyn „Steck ihn rein“ sagen, und Michael ist voller Pläne: „Zuerst machen wir ein paar Reisen, spätestens zu Weihnachten fliegen wir nach New York, in den Big Apple! Oder, wenn dir das lieber ist, nach Rio, de Strand von Ipanema, dort kannst du zu Weihnachten baden, und Wellen, wie du sie noch nie gesehen hast! Oder Mexiko. In Mexiko habe ich Freunde.“

Was als versonnenes Gebrummel eines gerade noch Liebesfreuden genossen habenden (westdeutschen) Angebers durchgehen mag, bekommt jedoch erst durch Evelyns Antwort ihren tatsächlichen Gehalt:

‚„Schneit es manchmal in Hamburg?“
„Warum nicht? Nicht so wie im Gebirge, aber manchmal ist alles weiß.“
„Weihnachtseinkäufe im Schnee sind das Schönste.“
„Was du willst.“
„Mir reicht es schon, sich da vorzustellen. Ich will es mir nur vorstellen können.“
„Es ist alles viel schöner, als du es dir überhaupt vorstellen kannst.“
„Weißt du doch gar nicht, was ich mir vorstelle.“

Was hier nur angedeutet wird, müsste man seitenlang ausschreiben: während Michael immer imposantere globale Eindruckskulissen aufschichtet, will Evelyn sich lediglich etwas vorstellen dürfen – Weihnachtseinkäufe im Schnee zum Beispiel, die sie natürlich auch „im Osten“ machen könnte. Es geht also nicht um die möglichst geographisch entrückte Grossartigkeit des Erlebnisses, sondern um das Glück der Vorstellung, an deren Rändern die Realisierung ruhig abwarten kann. Das ist keine ostdeutsche Eigenschaft, das kann man auch kapieren, wenn man aus dem Westen kommt – nur ist Michael so beseelt von seinem Glück, die ökonomischen Voraussetzungen für die Erfüllung aller Wünsche geschaffen zu haben, dass er sich aus Versehen überprofiliert: als Westheini nämlich, obwohl er doch eigentlich ein netter Kerl ist: ‚„Angeber“, sagte Evelyn, nahm ihr Handtuch und stand auf. ¨„Hey! Was ist denn los?“’

In solch schnörkellosen und vielschichtigen Dialogen findet das ganze Geschehen statt. Sie lassen den Roman unter der Hand zu einem Drehbuch werden: aus ihnen allein muss man die Befindlichkeiten ziehen, denn es wird kein Gefühl beschrieben, kein stream of consciousness, es denkt eigentlich niemand nach und erinnert sich nicht lang und breit und reflektiert nicht und stellt sich auch niemand gross etwas vor. Auch wie Evelyn und Adam mit ihrer Lieb und ihrem Leid eigentlich umgehen, erfährt man nicht – am Anfang reibt sich Adam kurz die Brust, die wohl weh tut, als Evelyn ihn verlassen hat. All die Passagen, die doch für einen Roman solch respektheischenden Umfangs vermeintlich vonnöten sind, lösen sich bei Schulze in lakonische Dialoge auf: Geschehen und Gefühle scheinen in unaufhörlicher Gegenwart stattzufinden, ohne explizit beschrieben zu werden.

Hier liegt die Erotik des Romans: warum glaubt man eigentlich sofort, dass Adam ein Don Giovanni ist, ohne dass man mehr geboten bekäme als eine mässig verführerische Eingangsszene, in der Adam eine seiner Kundinnen, die er in ihren neuen Roben liebevoll photographiert, auf dem Schneidertisch recht sachlich begattet. Dass Evelyn danach aus dem Haus ist, kann man nachvollziehen, dass hier allerdings ein Wiederholungstäter am Werk ist, erschliesst sich nur aus Andeutungen; etwa wenn Adam in Beisein der Tramperin Katja, die er im Kofferraum über die Grenze nach Ungarn geschmuggelt hat, den Wartburg tankt:

‚„Bleib drin!“, presste Adam hervor, das Gesicht vor Anstrengung verzerrt. Sein Oberkörper bewegte sich im selben Rhythmus, in dem das Benzin herausgluckste und als ein Bum-Bum-Bum im Kanister hallte. Allmählich wurde das dumpfe Geräusch jedoch leiser, bis das Benzin fast lautlos in den Trichter floss und sich Adams Gesichtszüge entspannten. Selbst als nur noch Tropfen herauskamen, hielt Adam den Kanister weiter senkrecht.“ Und auch der Oberkörper von Frau Angyal, der ungarischen Gastgeberin, gerät in Adams Gegenwart in Bewegung, sie schlägt Milch, errötet und stöhnt leise.

Diese metaphorisch sich entfaltende Erotik ist die Begleitmelodie des virtuosen Spiels mit dem Adam&Eva Mythos:  von den eingangs genossenen Feigen, die Evelyn Adam zum Probieren hinreicht, über Adams Versuchung, mit Evelyn über die plötzlich offene Grenze in den Westen zu gehen, nachdem die Michael-Episode beendet ist, bis hin zum verriegelten Paradies, als die Nachbarn das Haus geplündert haben und eine Rückkehr für Adam, der in Westdeutschland apathisch und unglücklich wird, unmöglich geworden ist:

‚“Und wie sah es aus?“
„Schön, alles von Laub bedeckt, Rasen, Beete, Wege. Die Quitten haben geleuchtet, alles andere war kahl, und in der Nische unterm Vordach standen noch meine Gartenschuhe nebeneinander….“
Evelyn schob die zusammengeklebten Fotos und die Fotoreste auf eine Pappe und legte sie an das Fußende des freien Bettes. Sie hatte Adams Bericht erst einmal gehört, aber was er erzählte, war ihr so vertraut, als hätte sie es selbst erlebt. Sie sah all das vor sich, woran sie schon gar nicht mehr gedacht hatte, weil es kein Wiedersehen geben würde: Die Pforte, den Garten, das Haus, die drei Stufen hinauf zur Tür, sie hörte das Siegel reißen und spürte die Kälte die Adam entgegenschlug.“’

Adam weiss natürlich nicht, was das bedeuten soll: als ostsozialisiert müssen er und Evely sich überhaupt erst einmal mit der christlichen Schöpfungsgeschichte vertraut machen und in einer in einem süddeutschen Nachtschrank gefundenen Bibel die eigene Geschichte nachlesen, als sie längst mitten drin stecken. Doch was für Evelyn und Katja die ersehnte Flucht bedeutet, ist für Adam die Vertreibung:  er findet sich in der neuen Welt nicht mehr zurecht und kann doch auch nicht mehr zurück. In einem Autodafè verbrennt er zum Schluss die ohnehin schon zerrissenen Photographien seiner einstigen Eroberungen und seines einstigen unschuldigen Glückes:  „Das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.“Wer hätte gedacht, dass es ein Autor vermag, Kleists weltberühmtes Diktum aus dem „Marionettentheater“ noch einmal so genau und schön auszugestalten.

Ingo Schulze, Adam und Evelyn, Berlin Verlag 2008

Kommentare

Eine Anmerkung to “Ingo Schulze, Adam und Evelyn [2]”

  1. Christoph schreibt am Freitag, 8. Mai 2009

    «In (…)schnörkellosen und vielschichtigen Dialogen findet das ganze Geschehen statt. (…) denn es wird kein Gefühl beschrieben (…) es denkt eigentlich niemand nach und erinnert sich nicht lang und breit und reflektiert nicht und stellt sich auch niemand gross etwas vor. (…) All die Passagen, die doch für einen Roman solch respektheischenden Umfangs vermeintlich vonnöten sind, lösen sich bei Schulze in lakonische Dialoge auf: Geschehen und Gefühle scheinen in unaufhörlicher Gegenwart stattzufinden, ohne explizit beschrieben zu werden.»
    …hier kann ich nur zustimmen, und genau dies hat für mich den ‹Zauber› dieses Buchs ausgemacht: seine poetische Unaufgeregtheit. Es wird nicht groß beschrieben, sondern es findet einfach statt – und dies auch noch in immer angenehm kurzen Kapiteln, womit man jedes Wort nur noch umso mehr zu schätzen weiß, so behutsam gesetzt, wie es wirkt…Dabei gelingt es Schulze mit seiner einfachen (Urs Jenny hat im SPIEGEL geschrieben: «zärtlichen») Sprache, viel mehr zu beschreiben, als es alle ausufernden Gefühlsbekenntnisse in der Lage wären.
    ‹Adam lachte. Katja sagte etwas. Evelyn hatte die Brote belegt, in Viertel geschnitten und garnierte sie nun mit Schnittlauch, Meerettich und Senf, dazwischen legte sie im Wechsel Gewürz- und Senfgurken.›
    Solche Sätze zu schreiben, ohne dass sie weder a) trivial noch b) kitschig wirken, muss man erstmal hinbekommen. Und genau diese Beschreibungen waren es, für die ich das Buch so gern mochte (aber ich bin ja auch nach wie vor ein großer Fan von Judith Hermann).
    …»Der Wenderoman» ist aber doch wohl seit dem letzten Jahr Uwe Tellkamps ‹Der Turm›, womit er Schulzes wechselnde Wenderomane abgelöst hat. Aber das tut «Adam und Evelyn» ja keinen Abstrich!
    Nur bei der ersten Kritik muss ich dann doch noch ein wenig mehr divergieren…Adam sehe ich in viel positiverem Licht! Natürlich liebt er Evelyn, er liebt Evelyn immer nur, auch wenn er sie betrügt…somit ist es «Adam und Evelyn» natürlich auch eine Liebesgeschichte, ’sommerleicht› trifft es hier doch ganz gut… Und mit Frau Angyal hat er sich meiner Meinung nach überhaupt nicht vergnügt?!
    Und inwiefern es mit dem Namen «Adam» in der DDR leicht aufzuwachsen war oder nicht, ist für uns schwer zu beurteilen, da Adam ja nur sein inoffizieller Name war…
    Von einer «brodelnden» oder «hochgekochten» Umbruchsstimmung in politischer Hinsicht kann aber, abschließend, in keinem Fall Rede sein, diese verblasst ja eben vor den persönlichen Geschichten der ProtagonistInnen. Zarte Poesie gewinnt hier über Politik. -

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