Freitag, 16. November 2018

Leonardo Padura, Der Nebel von gestern

Padura_Der Nebel von gesternMario Condes sechster Fall 
Es ist ein Glück für den Leser und die Leserin, dass Mario Conde, die Hauptfigur der Kriminalromane von Leonardo Padura, nach dem letzten Buch «Adios Hemingway» nicht von der Bildfläche verschwunden ist. Obwohl er den Polizeidienst quittiert hat, rutscht er wieder in einen Fall hinein, bei dem er zu Beginn sogar als einer der Hauptverdächtigen gilt:

Er soll Dionisio Ferrero ermordet haben, Hüter einer Bibliothek randvoll mit bibliophilen Schätzen, die im Kuba der 1990er-Jahre ein Vermögen einbringen können. Der belesene Conde, umgestiegen auf den An- und Verkauf von Büchern, findet diese Bibliothek zufällig auf einer seiner Touren durch die ehemals wohlhabenden Viertel Havannas. Als ihm aus einem Buch ein alter Zeitungsausschnitt über eine schöne Sängerin namens Violeta del Río entgegenflattert, hat er zum ersten Mal so eine Ahnung. Einmal mehr ist die Ahnung Mario Condes Auftakt zu einer mitreißenden Geschichte.

Immer tiefer begibt sich Conde in den Sog der Vergangenheit. Er riskiert sein Leben dafür, herauszufinden, welche Verbindung zwischen der Sängerin und der Bibliothek besteht und wer der Mörder von Dionisio Ferrero ist. Spannung wird durch die Verflechtung dreier Erzählebenen erzeugt: Viel erfährt der Leser aus der Perspektive Condes, aber auch aus der Sicht von Figuren, die dem Ex-Teniente zu Informationen für die Lösung des Falles verhelfen. Zwischen diese beiden Ebenen sind Briefe eingeschoben, von einer anonymen Verfasserin geschrieben an einen Geliebten, die anfangs vage gehalten sind und von einer großen, aber unglücklichen Liebe zeugen und im Verlauf des Buches konkreter werden, bis man schließlich ahnt, wer der Mörder von Dionisio Ferrero sein könnte.

Zwar lässt sich der Roman 150 Seiten Zeit, um zu einem Kriminalroman zu werden, doch bis dahin erfährt man Wissenswertes über die Literaturgeschichte Kubas und nimmt Teil am Leben Mario Condes, der seinen Alltag vordergründig poethologisch zweckfrei verbringen darf: Die Figur entwickelt ein Eigenleben und wird immer mehr Mensch aus Fleisch und Blut. Das macht ihn glaubhaft. Wegen der Nahrungsmittelknappheit auf Kuba ist sein Kühlschrank leer und sind seine Kleider zu weit. Weil er seine Nase fast nur noch zwischen Buchdeckel steckt, verliert er den Blick für die brisanten gesellschaftlichen Entwicklungen um sich herum. Auch bleiben einem weit verbreitete Klischees des Detektivgenres erspart: Er hört nicht zwanghaft klassische Musik. Er unterscheidet sich von den «einsamen Wölfen» durch seine stabile soziale Verwurzelung; sein Freundeskreis ist aus den Conde-Romanen nicht wegzudenken. Auch räsoniert er nicht ständig über das Böse der Welt und die immer brutaler und schwachsinniger werdende Menschheit, wie man es etwa von dem zur Melancholie neigenden Kurt Wallander gewohnt ist.

Paduras «Havanna-Quartett», vier Kriminalromane mit Mario Conde als Ermittler, wurde auf Kuba und international ausgezeichnet. Seine literarische Laufbahn begann Padura als Journalist; seine Reportagen gehören, so gibt die Homepage des Unionsverlags Auskunft, zu den meistgelesenen Kubas. Die Literatur ist für Padura jedoch kein Vehikel, um gesellschafts- und sozialkritische Haltungen unters Publikum zu bringen. Die Schauplätze seiner Romane riechen, leuchten und klingen, die Figuren haben Gesichter und Lebensgeschichten, die Sprache bezaubert immer wieder durch ihre poetische Kraft. Letzteres verdanken die im Original spanischen Bücher nicht zuletzt dem renommierten Übersetzer Hans-Joachim Hartstein. Leonardo Padura schreibt Krimis, die viel über die kubanische Gesellschaft erzählen. «Der Nebel von gestern» ist daher nicht nur für eingefleischte Krimifans ein Lesegenuss. Wer noch keinen der Mario-Conde-Romane gelesen hat, kann problemlos mit diesem Buch einsteigen.

Leonardo Padura, Der Nebel von gestern, Unionsverlag, 2008 (Original: La neblina del ayer, 2005)

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