Freitag, 24. November 2017

L.P. Hartley, The Go-Between

The Go-BetweenVom Ende einer Kindheit
Ein heißer Sommer. Ein Schloss auf dem Land. Eine schöne junge Frau und zwei Männer, die beide in sie verliebt sind. Ein 13-jähriger Junge, der zum Boten zwischen den dreien wird.

Zugegeben: Aus solchem Stoff strickt normalerweise Rosamunde Pilcher ihre Storys. Wer dieses Buch zur Hand nimmt, sollte auch nicht ganz immun sein gegen Liebesgeschichten, die ein wenig zum Tragischen und Klischeehaften neigen. Denn die schöne Marian hat ihr Herz Ted Burgess geschenkt, einem 25-jährigen gutausehenden Burschen, der ein Stück Land gepachtet hat und dort Landwirtschaft betreibt. Als Gegenspieler tritt Lord Trimingham auf, ebenfalls ein junger Mann, der zwar sehr vermögend ist, dem jedoch als Folge eines Kriegseinsatzes das halbe Gesicht fehlt, das nur ungenügend wieder rekonstruiert werden konnte.

Die äußere Handlung ist schnell umrissen: Leo, der Ich-Erzähler, ist zu Gast auf dem Schloss, das den Eltern seines Schulkameraden Marcus gehört, und verbringt dort einen Teil der Sommerferien des Jahres 1900. Auf der Grenze zwischen Kind und Pubertierendem geben sich die zwei Jungs einerseits kindlichen Vergnügungen hin (Rutschen von Heuhaufen, durch die Gegend streifen und alte Schuppen untersuchen und so weiter), andererseits beobachtet Leo sehr genau das Verhalten der Erwachsenen und möchte an ihren Gesprächen und Rollenspielen teilhaben. Daher wird er zum Überbringer (Go-Between) geheimer Botschaften zwischen Ted und Marian, die sich nur heimlich sehen können, da Marian Lord Trimingham heiraten soll. Wie das so ist, kann eine solche Liebschaft auf die Dauer nicht geheim gehalten werden. Die Ereignisse spitzen sich zu und entwickeln sich tragisch.

Beschränkte sich die Geschichte auf diesen Erzählstrang, so wäre sie kaum eine Empfehlung wert. Sie besteht jedoch nur zum Teil aus dieser äußeren Handlung, die von Leo in seinem Tagebuch festgehalten wird, das ihm als altem Mann in die Hände fällt und das als Anstoß für seine Erinnerung an diesen Sommer dient. Der Teil der Geschichte, der sich zu lesen lohnt, ist die detaillierte Beschreibung der Gefühle und Gedanken Leos. Akzentuiert wird dies durch seine niedrigere soziale und gesellschaftliche Stellung, die er unter allen Umständen geheim halten will. Dies geht so weit, dass er den Winteranzug, den er im Juli trägt, damit erklärt, seine Mutter habe vergessen, ihm die Sommeranzüge einzupacken. Hin- und her gerissen zwischen dem Wunsch, zur adligen Gesellschaft zu gehören und dem Bewusstsein seiner tatsächlichen sozialen Stellung entwickelt er nach und nach ein Gespür für Verrat und Verleumdung.

Er muss begreifen, dass Marian ihm nicht aus reiner Zuneigung einen Sommeranzug kauft, wie er zuerst dachte, sondern dass sie Kooperation und Stillschweigen als Gegenleistung erwartet. Das Fahrrad, das er zu seinem 13. Geburtstag von ihr geschenkt bekommt, wird er daher nicht fahren, obwohl er sich sehnlich ein Rad gewünscht hat. Es wird für ihn zum Symbol für Berechnung und Bestechung und damit für eine Welt jenseits der Kindheit. Zu dieser Welt gehört aber auch, dass Leo lernt, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Er begreift, dass sich die Situation durch seine Botengänge zuspitzt, denn erst durch sie können Marian und Ted sich regelmäßig verabreden, und durch sie wird die Verlobung zwischen Marian und Lord Trimingham gefährdet. Allerdings fehlt ihm die nötige Souveränität, mit seinen Botengängen aufzuhören.

Der 1953 erschienene Roman liegt seit 2008 in einer überarbeiteten Ausgabe der Edition Epoca vor, ein ausführliches Vorwort liefert nützliches Hintergrundwissen. Dass es sich um «guten Stoff» handelt, kann man auch an der Editionsgeschichte des Werkes erahnen (1955 bei Piper und 1990 als unveränderte Taschenbuchausgabe bei Diogenes erschienen). Fazit: Trotz relativ hohem Kitschfaktor und trotz einer relativ ereignisarmen Handlung ist der Roman lesenswert.

L.P. Hartley, The Go-Between, Edition Epoca, 2008 (Original: The Go-Between, 1953)

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