Montag, 23. Oktober 2017

Fred Vargas, Die schöne Diva von Saint-Jacques

Vargas_Die schöne DivaVon einer verschwundenen Opernsängerin, drei Historikern und einem rätselhaften Baum
Heute war in der NZZ zu lesen, dass George W. Bush 2006 ganze 95 Bücher gelesen hat, 51 im Jahre 2007 und 2008 immerhin noch 40. Hinzu kommt, dass er außerdem einmal pro Jahr die Bibel von A bis Z durchackert. Diese Information geht zurück auf Karl Rove, bis 2007 Stratege im Weißen Haus und Freund des Präsidenten, mit dem er jährlich um die Wette liest. Diese Neuigkeit muss man erst einmal verdauen.

Man fragt sich erstens, woher um alles in der Welt ein amerikanischer Präsident die Zeit nimmt, 95 Bücher in einem Jahr zu lesen (das ist mehr als ein Buch pro Woche), und zweitens, was Mr Bush dabei wohl falsch macht, denn offensichtlich hat diese Tätigkeit keinerlei Einfluss auf sein intellektuelles Basismaterial. Doch anstatt solchen Gedanken nachzuhängen, sollten wir uns wenigstens einmal an ihm ein Beispiel nehmen. Was ein amerikanischer Präsident kann, können wir schon lange!

Mein Buch Nr. 1 im Jahr 2009 ist «Die schöne Diva von Saint-Jacques». Fred Vargas hat diesen Krimi bereits 1995 auf Französisch veröffentlicht, 1999 erschien er auf Deutsch. In ihm werden Marc, Lucien und Matthias eingeführt, auch «die drei Evangelisten» genannt, die zusammen mit dem ehemaligen Polizisten Vandoosler in einer Pariser Bruchbude wohnen und durch das spurlose Verschwinden ihrer Nachbarin unfreiwillig zu einem Ermittlerteam werden.

Alles beginnt mit einer jungen Buche, die eines Morgens wie durch Zauberhand im Garten der Nachbarin Sophia Simeonidis steht. Dieser Baum, ein unerhörtes Ereignis, wird im Verlauf der Geschichte noch seine Rolle zu spielen haben. Zweimal wird unter ihm gegraben, ohne dass etwas gefunden wird – beim dritten Mal jedoch macht er seiner Leitmotivfunktion alle Ehre.

Die drei Evangelisten setzten sich zusammen aus einem Prähistoriker, einem Mediävisten und einem Erster-Weltkrieg-Experten, und es ist überhaupt keine Lesezeitverschwendung, ihnen fast 100 Seiten lang dabei zuzusehen, wie sie in die Bruchbude einziehen, sie herrichten, über das Forschungsgebiet der jeweils anderen herziehen und sich dennoch mögen. Die Autorin, selbst Historikerin von Hause aus, entwirft drei Persönlichkeiten, deren Charaktere eng mit ihren Berufen verknüpft sind und die einem in Erinnerung bleiben werden.

Fred Vargas spinnt ein immer dichter werdendes Netz aus Verdächtigen, Indizien und Irrtümern, in das man sich als Leser bald mitfiebernd verheddert. Wer denn nun der Mörder ist, weiß man bis zum Ende nicht, was erstaunlich ist bei dem kleinen Kreis an Verdächtigen. In ihrer Fähigkeit, eine Story bis zum Ende spannend zu halten, gleicht Vargas Agatha Christie. Wie die Grande Dame der englischsprachigen Kriminalliteratur konzentriert sich Vargas überdies auf intelligente und witzige Dialoge, zugunsten derer sie metierübliche Handlungen wie Verfolgungsjagden und Schusswechsel auf das Nötige eindampft.

Das ist nicht nur ein Krimi mit großartiger Spannungskurve, sondern auch einer mit Witz und klugem Plot, der Lust macht auf ein Mehr, das es auch gibt: «Das Orakel von Port Nicolas» und «Der untröstliche Witwer von Montparnasse» versprechen eine Wiederbegegnung mit den drei Historikern und dem Expolizisten Vandoosler.

Fred Vargas, Die schöne Diva von Saint-Jacques, Aufbau Verlag 2008; 26. Auflage (Original: Debout les morts, 1995)

Kommentare

2 Anmerkungen to “Fred Vargas, Die schöne Diva von Saint-Jacques”

  1. mux schreibt am Dienstag, 6. Januar 2009

    Ich meine es sei eine Buche gewesen, keine Birke wie du in dem Artikel schreibst.

  2. Stein schreibt am Dienstag, 6. Januar 2009

    Stimmt, du liest ja genau!

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