Montag, 23. Oktober 2017

Georges Simenon, Maigret, die Tänzerin und die Gräfin

simenon_tanzerinEine überraschte Anmerkung zum Sexappeal
Maigret klärt einen Fall auf. Darin geht es um die Tänzerin Arlette, die auf der Polizeiwache von einem Verdacht erzählt und ein paar Stunden später ermordet aufgefunden wird. Das Ganze spielt auf Montmartre zwischen Nachtlichtgestalten und Spelunken und ist so unterhaltsam, wie ein Maigret-Krimi per definitionem unterhaltsam ist. Das Tollste in doppelter Bedeutung aber ist der Sex, der hastenichgesehn die Handlung dominiert oder vielmehr: unterminiert. Immer wieder wird von der erotischen Ausstrahlung der 20-jährigen Arlette berichtet, die im armseligen Nachtlokal „Picratt`s“ eine Stripshow vorführt, wo sie vom Mordplan an einer Gräfin erfährt und anschliessend von einem geheimnisvollen Mann erwürgt wird. Aber nicht nur hier bringt sie die Männer um den Verstand; sie hat ihn einfach, den reinen Sex.

„Man kann es nicht beschreiben. Alle Männer wollten sie. Wenn sie ihren Auftritt hatte….“, versucht der junge Polizist Albert Lapointe, der Arlette in einer klassischen Jünglingsphantasie „da raus“ holen wollte, Maigret zu erklären, was ihn gleich vielen anderen Männern in den Bann geschlagen hat. Faszinierenderweise erfährt man dabei kaum etwas über die Tänzerin; die Erinnerung an sie besteht aus nichts als aus einer zurückgelassenen sehr ordentlichen Wohnung, übermässigem Alkoholkonsum – und dem Sexappeal. Der abgebrühte Nachtclubbesitzer Fred, der Arlette vor oder nach ihren Auftritten auf sexuelle Qualitäten abgecheckt hat, formuliert es so:

„Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich habe Hunderte von Frauen in meinem Leben gehabt, wahrscheinlich Tausende. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, sie zu zählen. Aber es war keine darunter wie sie. (…) Ich weiss nicht, wer sie in das Geschäft eingeweiht hat, aber ich ziehe meinen Hut vor ihm. Wie gesagt, ich kenne mich aus, und wenn ich Ihnen sage, dass ich nie eine wie sie getroffen habe, dann können Sie mir das glauben. Er hat ihr nicht nur alles beigebracht, sondern, wie ich festgestellt habe, auch Tricks, die ich selber nicht kannte.“

Man kriegt es nicht zu fassen. Ein ganzer erlernbarer Katalog geheimnisvoller sexueller Petitessen wird hier im Verborgenen aufgeboten und der atemlose Leser fragt sich, ob das nun alles echt Sexgöttin oder alles echt Aufschneiderei ist: dass sie „alle Tricks“ kannte, wird gleich zweimal und von verschiedenen Männern betont und unwillkürlich fängt man an, eher über die Natur dieser Tricks zu grübeln als über Namen und Motiv des Mörders. Der Sex dominiert geheimnisvoll das ganze Buch, der Plot um die tote morphiumsüchtige Gräfin und ihre Ermordung kommt sowohl Simenon als auch dem Leser einigermassen abhanden. Stattdessen werden Vergewaltigungen en passant erlitten und beschrieben, erotische Photos kursieren in Schubladen und Schaukästen, Mädchen stehen nackt im Scheinwerferlicht – nur das, was Arlette ausmacht, das, was sich nicht beschreiben lässt, das, was „einige Frauen eben haben“: das bleibt im Dunkeln. Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass der Mörder, der natürlich gefasst wird, beim Showdown genauso schattenhaft und gesichtslos bleibt, wie er es das ganze Buch über war.

Georges Simenon, Maigret, die Tänzerin und die Gräfin, Diogenes Verlag 1986 (Original: Maigret au Picratt`s, 1951)

Kommentare

5 Anmerkungen to “Georges Simenon, Maigret, die Tänzerin und die Gräfin”

  1. Stein schreibt am Donnerstag, 8. Januar 2009

    Ein männlicher Autor, ein männlicher Ermittler, viele männliche Zeugen: Das muss nicht abdriften in eine klischeehafte Beschreibung der weiblichen Figur, kann aber. Dass die Tänzerin konturlos bleibt, wundert mich nicht, denn das geschieht, wenn eine Figur nicht selbst sprechen, fühlen und handeln kann. Da rettet sich ein Autor gern in die Formulierung «das gewisse Etwas», und so, wie ich dich verstanden habe, wird dies nicht auf einer anderen Ebene gebrochen. Schade eigentlich, denn das Schönste für einen Leser ist doch, wenn man es spürt, das gewisse Etwas, und einem nicht groß erzählt werden muss, dass es da ist! Ich habe trotzdem Lust, das Buch zu lesen – allerdings unter den Gesichtspunkten der gender-Forschung …

  2. Silberberg schreibt am Freitag, 9. Januar 2009

    Du hast recht, was den Gender-Aspekt angeht: hier geht es um Männer, die eine Frau beschreiben. Allerdings glaube ich nicht, dass Klischee es trifft, denn dafür hätte Simenon noch viel tiefer in die Tänzerinnen-Mottenkiste greifen können; doch könnte ein feministischer Vorwurf die tatsächlich durchsexualisierte Beschreibung aufgreifen. Um den Täter geht es dabei nicht, der hat auch mit dem gewissen Etwas nichts zu tun – ist eher eine dunkle Bedrohung im Hintergrund und damit das, was der Sexappeal Arlettes auch ist. Was ich unterschlagen habe, ist, dass die Männer durchaus ambivalent über sie berichten. Laut Fred hatte sie eine Menge Spass am Sex, laut Lapointe hingegen hat sie nur gezwungenermassen mitgemacht. Dadurch allerdings, das ist wahr, ergibt sich noch keine komplexere Figur. Faszinierend fand ich in erster Linie, dass der Sex bei aller Beschwörung gleichzeitig so dunkel bleibt, nicht klar ist, was eigentlich gemeint sein soll mit all den delikaten Ankündigungen – und das genau dadurch auch die Krimistruktur in Gefahr gerät. Vielleicht ist das Klischee – die Frau mit dem gewissen Etwas – , vielleicht aber auch ein besonders guter Krimi, der sich durch das geheimnisvolle Element Sex buchstäblich aus der Fassung bringen lässt. Ich bin gespannt auf deine Gegenrede!

  3. emberiza schreibt am Freitag, 9. Januar 2009

    Unabhängig von der Sex-Frage (habe das Buch nicht gelesen) möchte ich doch vehement der Behauptung widersprechen, Maigret-Krimis seien per definitionem unterhaltsam. Bei aller Bewunderung für Autor und Figur (und die ist hier durchaus vorhanden) muss man doch feststellen, dass bei wasweissichwievielen Maigrets auch eine ganze Menge ödester Dutzendware dabei ist.

  4. Stein schreibt am Freitag, 9. Januar 2009

    Ich meinte eigentlich weniger einen feministischen Blick auf das Ganze; Vorwurf ohnehin nicht. Ich sehe gender-Gesichtspunkte als eine mögliche Kategorie, diesen Text genauer unter die Lupe zu nehmen: Wer spricht (vor allem wohl Männer?)? Über wen wird gesprochen (über eine Frau)? Haben wir es mit einem Autor oder einer Autorin zu tun (Autor)? Usw. Mehr nach der genauen Analyse!

  5. Silberberg schreibt am Samstag, 10. Januar 2009

    Ok, touchè!, wohl nicht alle Maigrets sind unterhaltsam im Sinne atemloser Krimilektüre. Trotz Massenware (bei Diogenes ist die bis September 2009 erscheinende Gesamtausgabe der Krimis mit 75 Bänden angegeben, wobei vermutlich noch einige im Tresor lagern, die dann nach und nach lanciert werden) und sicherlich nicht immer gleich überzeugenden Plots, fasziniert mich bei der Lektüre beinahe jedesmal die lakonische Art der Konstruktion, die wie ein Drehbuch die Spannung vor allem in Dialogen immer weiter hochschraubt. Unterhaltsam also in dem Sinne, dass vermeinlich alles Konstruktionsbesteck vor dem Leser zu liegen scheint, kaum was passiert – in «Der Verrückte von Bergerac» liegt Maigret tatsächlich die ganze Zeit in einem Hotelbett, kuckt auf die Piazza und löst so den Fall – und man dennoch zumeist in einem Rutsch gespannt liest (die Krimis sind ja fast alle gleich lang, auf einer Bahnfahrt oder ein paar schlaflosen Stunden zu bewältigen). Hier würde ich gerne wissen, wie das funktioniert – dieses Lesen gewissermassen wider des besseren Wissens, es hier mit Konfektionsware zu tun zu haben!
    Spannend wäre in diesem Zusammenhang aber auch, das Buch gegen den Krimistrich zu lesen – und hier freue ich mich auf die Gender-Perspektive, wenngleich ich natürlich ganz genderpolitisch unkorrekt immer noch gerne wissen würde, wie das mit dem Sex im Buch genau geht.

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