Montag, 23. Oktober 2017

Italo Svevo, Ein Mann wird älter [1]

senilita1 Die zweite Bedeutung der Liebe meines Lebens
Am Anfang steht die Enttäuschung einer Leseerwartung. Begeistert, berauscht, bezaubert von Svevos Selbstironieklassiker „Zeno Cosini“ (1923), dem hier noch einmal eine in ihrer Adjektivmonotonie alle Rezensionsgepflogenheiten düpierende Liebeserklärung gemacht werden muss, dauert es, bis es ins Lesebewusstsein gedrungen ist, hier mit etwas anderem konfrontiert zu sein.  Denn der Protagonist ist der gleiche: ein bis zum Exzess mit der Selbstbeobachtung seiner psychischen und physischen Zustände beschäftigter Müssiggänger, der permanent von Rührung über die eigenen Einsichten ergriffen ist  – und dabei ein nicht zu verleugnendes Identifikationspotential entfaltet. Wie Zeno und wie der Protagonist aus „Der alte Herr und das schöne Mädchen“, ist auch der hier agierende Emilio Brentini verliebt, und zwar in Angiolina, der er, genau wie seine literarischen Brüder, am laufenden Band Vorhaltungen über die moralische Verwerflichkeit ihrer Liebesbeziehung macht. Häufig schon beim ersten Rendezvous oder aber direkt nach dem Liebesakt pflegen diese männlichen Protagonisten ihren hingebenden Geliebten wertvolle pädagogische Ratschläge ins Ohr zu brüllen. Was sie nicht daran hindert, nach langen klärenden Erörterungen des psychologischen Sachverhalts mit sich selbst,  in diese hingebenden Arme zurückzukehren.

So auch hier. Zuhause sitzt die mauerblümelige Schwester Amalia, ab und zu trifft Emilio sich mit seinem Tunichtgutfreund, dem Bildhauer Stefano Balli, ansonsten kreuzt er durch Triest von Liebeshöhe- zu -tiefpunkten. Denn Angiolina ist the devil in disguise, deren engelhafter Name und goldlockiges Aussehen in den einschlägigen Etablissements und bei den Lebemännern der Stadt wohlbekannt sind. Ungeachtet Emilios allerersten Entschlusses, der auch der erste Satz des Romans ist – „Schon mit den ersten Worten, die er an sie richtete, wollte er sie darauf aufmerksam machen, dass er nicht die Absicht habe, das Risiko einer ernstlichen Liebesbeziehung einzugehen“ – ist er dennoch sogleich mitten drin im alten Reigen von Begehren, Abwehr, Verachtung, Hass, Vergebung, Vertröstung, neuerlichen Begehrens, der einerseits durch Emilios Selbstbeschreibungswut, zum anderen dadurch auf die Spitze getrieben wird, dass man die Grosse Liebe keinen Moment glaubt: Angiolina ist verlogen und kokett, Emilio feige, egozentrisch und herrschsüchtig, sekundiert zudem von Balli, der ihm den richtigen Umgangston mit Frauen beizubringen trachtet. Es gibt keine logische Handlungsfolge, keine Exposition und Höhepunkte des Liebens – statt dessen könnte man an irgendeiner Stelle zu lesen beginnen, so häufig durchläuft Emilio den Zyklus, Angiolina endlich ins Bett und anschliessend auf den richtigen moralischen Weg zu bringen. Und genauso häufig scheitert er dabei an ihrer naiven Verlogenheit und seiner eigenen Waschlappenhaftigkeit. Richtig lieben im konventionellen Verständnis tut nur Amalia, die zuhause sitzt und sich still nach dem Draufgänger Balli verzehrt – bis sie darüber dem Wahnsinn verfällt.

Hier ist es vorbei mit der amüsierten Mokierung über die vermeintlichen Verstrickungen, die man doch sogleich und im Bewusstsein der eigenen Untadeligkeit in Sachen Liebesverständnis als Eitelkeitsverstrickungen zu enttarnen vermocht hat, und es beginnt ein Drama, das man mit literaturgeschichtlichen Provenienzanalysen und Vergleichen nur so zuschütten könnte. Sei`s drum. Denn furioser als der sich buchstäblich in Richtung Todernst wandelnde Ton, furioser als die nun tatsächlich von Brutalität und Hass gekennzeichnete Abschiedsszene  mit Angiolina, der er indirekt die Schuld am anschliessenden Tod Amalias gibt, furioser ist das, was Svevo im letzten Kapitel quasi im Umkehrschluss aus der Geschichte macht, die sich damit von allen Kammerspielcharakteristika und Strindbergvergleichen weg direkt in das eigene Lebens- und Liebesverständnis bohrt.

„‚Seltsam’, dachte er, ‚es sieht so aus, als sei die eine Hälfte der Menschheit dazu da, um zu leben, und die andere, um erlebt zu werden.’ Sogleich wandten sich seine Gedanken seinem eigenen konkreten Fall zu: ‚Vielleicht ist Angiolina nur dazu da, damit ich lebe.’“

Das ist der Zweck der Beziehungswirren von Emilio und Angiolina, die doch, man hätte drauf geschworen, sich weder wirklich kannten, noch überhaupt mochten, noch überhaupt je was zu sagen hatten. Aber das, worum es geht, ist etwas anderes: das Gefühl für die eigene Lebendigkeit, das, so legt Svevos Roman nahe, stärkste menschliche Bedürfnis überhaupt. Als Emilio erfährt, dass Angiolina mit einem korrupten Bankkassierer davon gelaufen sei, ist das für ihn nur im ersten Moment eine „sehr schmerzliche Enttäuschung“ (im Modus des konventionellen Liebesgefühls). Er sagt sich (im Modus des konventionellen Liebesgefühls):

„‚Mein Leben ist mir davongelaufen.’ In Wahrheit aber versetzte ihn Angiolinas Flucht für eine Zeitlang mitten ins Leben zurück, Schmerz und Zorn beherrschten ihn wieder ganz. Er träumte von Rache und Liebe, wie damals, als er Angiolina das erste Mal verliess.“

Die Träume von Rache und Liebe, von Besitz und Vernichtung in endloser Wiederholung , und inmitten all dessen das Empfinden der eigenen Lebendigkeit machen, so wird hier deutlich, „in Wahrheit“ das Wesen der Liebe aus – nicht die jeweiligen Angiolinas oder Amalias, Emilios oder Stefanos. In diesem Schlusskapitel und rückwirkend für den ganzen Roman offenbart Svevo die  atemverschlagende Doppeldeutigkeit des Kosewort-Evergreens „Liebe meines Lebens“, das nicht etwa ein anderes Individuum zum Gegenstand hat – weit gefehlt –, sondern die Notwendigkeit der Liebesprojektion für den Wert des eigenen Lebens.

(Italo Svevo, Ein Mann wird älter, Reinbek/Hamburg 1985;  Original: Senilità, Triest 1898)

Kommentare

3 Anmerkungen to “Italo Svevo, Ein Mann wird älter [1]”

  1. Stein schreibt am Montag, 26. Januar 2009

    Und das Fazit, das Svevo aus dieser Notwendigkeit der Liebesprojektion zieht, ist ein ziemlich trauriges, wenn man sich Emilios Ende (bzw. das Romanende) ansieht. Er ist allein und vergnügt sich mit seinem selbst zusammengebastelten Erinnerungsschatz, statt endlich den Dreh zu bekommen, sich der Wirklichkeit zuzuwenden.

  2. Silberberg schreibt am Montag, 26. Januar 2009

    Nein, Stein, das sehe ich ganz anders. Genau diese vermeintlich klare Trennung zwischen «selbst gebasteltem Erinnerungsschatz», wie du es nennst, und der «Wirklichkeit» ist ja das, was in diesem wahrhaft weltliteraturgrossen letzten Kapitel ins Oszillieren gerät (Alice Munro, die grosse kanadische Kurzgeschichtenerzählerin, beschreibt das an irgendeiner Stelle so schön, wenn die Leute ihrer Heimatprovinz das Schreiben skeptisch als «to make things up» wahrnehmen, das mit der richtig echten Wirklichkeit nun mal nichts zu tun habe.) Doch wie Emilio mit seinen Träumen und auch seinem Schreiben von Angiolina zeigt, ist dieses Träumen-von, dieses Phantasieren-über, dieses So-tun-als-ob, dieses Auskosten jeder Empfindung genauso wirklich wie das Leben -sie sind das Leben. Was wäre denn «endlich der Dreh», den du von ihm einforderst? Dieses so eigenartige letzte Kapitel wechselt doch unaufhörlich hin und her zwischen Gegenwart und Rückblick, als lote es die Möglichkeiten der Erinnerung schon in der Gegenwart aus und untersuche das Potential des Lebendigen in der gegenwärtigen Situation – schliesslich heisst es dann: «Viele Jahre später blickte er auf diesen Abschnitt seines Lebens bewundernd und verzückt zurück. Er empfand ihn als seinen wichtigsten, seinen leuchtendsten Lebensabschnitt.» Nach verpasster Wirklichkeit klingt das nicht, oder?

  3. Stein schreibt am Dienstag, 27. Januar 2009

    Es stellt sich natürlich die Frage, was man unter «Wirklichkeit» versteht. Für mich hat das Verschmelzen zweier im Roman realer Personen bzw. Figuren (Angiolina und Amalia) zu einer fiktiven nichts mit Wirklichkeit zu tun. Ich fordere den Dreh, sich der Wirklichkeit zuzuwenden, nicht von Emilio; aber dass er eben nicht begreift, dass er Amalia gequält hat und dass er Angiolina zur «Dirne» gemacht hat, habe ich als Augenverschließen interpretiert. Das hat schon was mit verpasster Wirklichkeit zu tun. Dass Emilio in seiner eigenen Welt lebt, die nicht an die der anderen Menschen ranreicht, ist eine andere Frage; natürlich kannst du von «seiner Wirklichkeit» sprechen. Wahrscheinlich muss man hier Innen- und Außensicht trennen. Übrigens (weil du es ansprichst): Emilio kann nicht über Angiolina schreiben, nach dem ersten Kapitel leidet er unter einer Art Schreibhemmung: «Sobald er schreiben wollte, fühlte er sein Hirn einrosten (…).» Er ist nicht in der Lage, «die eigene Unfähigkeit zu analysieren», die da ist: «Der Mann glich ihm überhaupt nicht, die Frau (…) war keine Figur aus Fleisch und Blut.» Hier ist er mit seinem Ungenügen konfrontiert, seine Wirklichkeit in Worte zu fassen, und flüchtet sich in Träumereien.

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