Montag, 23. Oktober 2017

Italo Svevo, Senilità [2]

Svevo_Senilita_2Das Scheitern des Projektes Männlichkeit
Dieser Roman kam 1898 zur richtigen Zeit. In Wien begründet Sigmund Freud die Psychoanalyse und Arthur Schnitzler legte mit seiner Novelle «Leutnant Gustl» 1900 das Porträt eines wankelmütigen, beziehungsunfähigen und weinerlichen Mannes vor, der als einer der ersten männlichen Hysteriker Einzug in die moderne Literatur erhielt.

Italo Svevo entwirft mit Emilio Brentani bereits zwei Jahre vor Schnitzlers berühmtem Text eine männliche hysterische Figur. 35 Jahre alt, ist Emilio zum ersten Mal in seinem Leben verliebt. Im Lauf der Affäre mit Angiolina, einer hübschen und koketten Blondine, verstrickt er sich immer mehr in einen Strudel aus starken ambivalenten Gefühlen und verliert die Kontrolle über sein Handeln und Fühlen.

Es ist wirklich bedauerlich, dass dieser Roman aufgrund seiner Originalsprache (er wurde in Italienisch geschrieben, obwohl Italo Svevo auch deutsch sprach) von der deutschsprachigen Literaturwissenschaft nicht berücksichtigt wird. Denn dieser Text entwirft ein außerordentlich elegant und psychologisch raffiniert gestaltetes Bild eines Mannes, dem alle männlichen Attribute seiner Zeit fehlen. Emilio verfügt zwar über eine gute Beobachtungsgabe, ist jedoch seinen Gefühlen willenlos unterworfen. Er ist selbstmitleidig und wankelmütig; ein «Schwächling», wie sein bester Freund Stefano Balli bemerkt, da in seinem Handeln inkonsequent. Diese Eigenschaften schrieb man damals «der Frau» zu, die das gefühlsbetonte «Wesen» war. Ein «normaler» Mann hatte um 1900 energisch und voller Willens- und Tatkraft zu sein; ihm wurden Festigkeit, Standhaftigkeit, Tapferkeit, Kühnheit und Durchsetzungsvermögen zugeschrieben. Er galt als selbstständig, zielgerichtet, erwerbend und gebend, allgemein verkörperte er Attribute wie Geist, Vernunft, Verstand, Denken, Wissen und Abstrahieren. All dies ist bei der Figur Emilios als Sollbruchstelle angelegt – und es ist faszinierend, dabei zuzusehen, wie es bricht und bricht.

Emilios verantwortungsloses Tun manifestiert sich am deutlichsten in seinem dringlichsten Wunsch: Er will mit Angiolina ins Bett. Gleichzeitig aber will er sie nicht heiraten; als Gründe schürzt er seine Schwester Amalia vor, die er versorgen muss, und seine «Karriere» (mit der weniger seine einfache Stellung bei einer Versicherungsgesellschaft gemeint ist, sondern die als Schriftsteller, die jedoch ad absurdum geführt wird, da er unter Schreibhemmungen leidet). Angiolina schlägt ihm vor, sich mit einem anderen zu verheiraten, um dann ohne Gefährdung ihrer Ehre (womit ihre Jungfräulichkeit gemeint ist) Emilios Geliebte sein zu können. Seine anfängliche Freude über diese praktische Lösung verwandelt sich jedoch schnell in große Pein.

Noch größer wird diese Pein, als sich im Laufe der Zeit herausstellt, wer in dieser Beziehung das Sagen hat: Angiolina ist diejenige, die den Zeitpunkt ihrer Rendezvous bestimmt und ihn ohne ein Wimpernzucken durch einen anderen ersetzt, als er sich zeitweilig von ihr distanziert. Sie kreiert sich verschiedene Identitäten, um sich parallel mit anderen Männern treffen zu können. Jungfrau ist sie schon lange nicht mehr – und entlarvt dadurch Emilios Doppelmoral, der darüber entrüstet ist, obwohl er selbst nichts anderes im Sinne hatte, als sich auf ihre Kosten zu vergnügen. «Du bist eine -» brüllt er sie bei seinem letzten Treffen an. Der Leser muss das Wort ergänzen und fragt sich, wer sie denn dazu gemacht hat.

Mit Amalia, seiner blassen und sich aufopfernden Schwester, hat Svevo eine Gegenfigur zu Angiolina entworfen. Sie erträgt ihr Unglück still und flüchtet sich in den Ätherrausch, als Emilio seinen Freund Balli von ihr fernhält, in den sie verliebt ist. Am Ende stirbt sie delirierend; sie hat die Gemeinheit des Bruders, der sie bewusst quält, als ihr Schicksal hingenommen. In seiner Erinnerung verschmilzt Emilio diese beiden Frauen zu einer Figur, die alle Schönheitsattribute Angiolinas, hingegen alle Tugenden Amalias in sich vereint. Diese Figur ist seine Schöpfung, und nur diese; mit diesem Gespenst lebt er – man kann es vermuten – bis zum Ende seiner Tage. Der geheimnisvolle Titel spielt darauf an, dass Emilio nicht über die Flexibilität und Empathie verfügt, die man von einem Mann seines Alters erwarten würde. Die praktizierte Übersetzung des Titels («Ein Mann wird älter») wird diesem Aspekt hingegen nicht gerecht.

Zuletzt sollte nicht verschwiegen werden, dass dieser Roman geprägt ist vom Sprechen der männlichen Figuren über die weiblichen. Hätte Svevo die Figur der Angiolina mit einer gleichberechtigten Innenperspektive ausgestattet, wäre der Lesegenuss für den heutigen Leser und die heutige Leserin noch größer.

Italo Svevo, Senilità, Manesse 2003 (Original: Senilità, 1898)

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