Montag, 23. Oktober 2017

Auf dem Sofa: Januar 2009

15. Januar: An diesem hellen Wintertag kamen zwei Bände, welche Großzügigkeit des Verlages!, WARLAM SCHALAMOW, seine ERZÄHLUNGEN AUS KOLYMA (Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Mit einem Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein. Matthes & Seitz 2007, 2008), kälteabstrahlend von der Transportfahrt durch den Januarfrost, und beim Aufblättern und Lesen der ersten Seiten hatte ich immer dieses kalte Papier in den Händen, als würde der Umschlag – der eine flache Schneelandschaft zeigt, verschneite Baracken am Horizont, einen Weg, der an einem Drahtweidezaun entlangführt, darauf eine auseinandergezogene Kolonne Männer, die Entferntesten nur ein, zwei Millimeter groß, die vorn zwei, fast drei Zentimeter, vermummt gegen die Kälte, in dicken Filzstiefeln, mit Schapkas tief über Stirn und Ohren, schwarzweiß das alles (Fotografie Tomasz Kizny, Wroclaw) – nicht nur den sibirischen Winter zeigen, sondern diesen Winter ausströmen, und fast erwartete ich, beim Lesen weiße Atemwölkchen auszustoßen, und die erste Erzählung hieß, wie der ganze Band 1: DURCH DEN SCHNEE. Aber es ist nicht nur eine Erzählung, die, wie die Kolonne der Männer, von den größeren vorn zu den millimeterkleinen vor den Baracken am Horizont, zum Lager führt, indem sie den Zyklus dieser Geschichten aus dem GULag eröffnet (insgesamt sind es sechs Bände), nicht nur ein Prolog . . .

DURCH DEN SCHNEE

Wie tritt man einen Weg in unberührten Schnee? Ein Mann geht voran, schwitzend und fluchend, setzt kaum einen Fuß vor den anderen und bleibt dauern stecken im lockeren Tiefschnee. Der Mann läuft weit vor und markiert seinen Weg mit ungleichen schwarzen Löchern. Er wird müde, legt sich in den Schnee, steckt sich eine Papirossa an, und Machorkarauch schwebt als blaues Wölkchen über dem weißen funkelnden Schnee. Der Mann ist schon weitergegangen, doch das Wölkchen steht noch immer dort, wo er verschnauft hat – die Luft ist beinahe unbewegt. Wege legt man stets an stillen Tagen an, damit die Winde die menschliche Arbeit nicht verwehen. Der Mann sucht sich seine Punkte in der Unendlichkeit des Schnees: einen Fels, einen hohen Baum – der Mann lenkt seinen Körper durch den Schnee, wie ein Steuermann sein Boot über den Fluß lenkt von Landzunge zu Landzunge.
Auf der schmalen und flüchtigen Spur folgen fünf, sechs andere, Schulter an Schulter. Sie treten um die Fußspur herum, nicht hinein. An der zuvor bezeichneten Stelle angekommen, machen sie kehrt und laufen wieder so, dass sie frischen Schnee berühren, eine Stelle, die der Fuß des Mannes noch nicht betreten hat. der Weg ist gebahnt. Nun können ihn Menschen, Schlittenzüge, Traktoren nehmen. Geht man den Weg des ersten in seinen Fußstapfen, entsteht eine erkennbare, doch kaum begehbare schmale Fährte, ein Fußpfad, kein Weg – Löcher, in denen es sich schwerer läuft als im unberührten Schnee. Der erste hat es am schwersten, und wenn seine Kräfte erschöpft sind, geht ein anderer vom selben Fünfertrupp voran. Von denen, die der Spur folgen, muß jeder, selbst der Kleinste und Schwächste, auf ein Stückchen unberührten Schnee treten, nicht in die fremden Fußspuren. Auf Traktoren und Pferden kommen nicht die Schriftsteller, sondern die Leser.

. . . sondern eine Falle für den Leser, die eine ganze Poetik enthält. Und drei Tage zuvor, am 12. Januar, hatte ich bei ALAIN BADIOU (DAS JAHRHUNDERT, aus dem Französischen von Heinz Jatho, Diaphanes 2006) auf Seite 229 in Anmerkung 27 gelesen: „Im Hinblick auf den sibirischen Gulag sind die Novellen von Warlam Schalamow unerreicht. Sie gehören ohne jeden Zweifel zu den Meisterwerken des Jahrhunderts und sind den schwerfälligen Konstruktionen Solschenizyns weit überlegen.“ Das sind so die Glücksfälle – Vorbereitung, ein Bleistiftstrich am Rand, der dann eine Brücke schlägt, und auch wenn ich zu der SOLSCHENIZYN-Schelte nichts sagen kann, da ich seinen ARCHIPEL GULAG (noch) nicht gelesen habe, was das SCHALAMOW-Lob betrifft, kann ich nun, da zwei Bände der ERZÄHLUNGEN AUS KOLYMA vor mir liegen und ich eine ganze Reihe von ihnen gelesen habe, nur zustimmen. SCHALAMOW ist die Entdeckung des Jahres, sage ich jetzt mal, mutig, so früh an seinem Beginn. Nach meiner VIRGINIA-WOOLF-Großbestellung kommen nun die ersten Bücher, heute, am 29. Januar, das Bändchen SO GEHEIM UND VERTRAUT – VIRGINIA WOOLF UND VITA SACKVILLE WEST (von SUSANNE AMRAIN, Suhrkamp 1998), dessen erstes Kapitel heißt „Wen liebte sie? Und wie?“, und dann kommt schon die „Endzeit“, aber darauf folgen „Anfänge“, und so ist man getröstet. Und natürlich schaue ich als Erstes wieder die Fotos an (wie sie Lust aufs Lesen machen!), SACKVILLE-WEST mit leichtem, im Alter sich verdunkelnden Damenbart, das wuchtige „Hotel de la Poste“, mit letztem Schneepuder auf dem Dach (im Vordergrund riesige Pfützen, es taut!) in Saulieu, wohin man gleich reisen möchte, vor allem wenn man die Bildzeile zum Foto darunter liest: „Der Speisesaal des Hotel de la Poste, in dem ihnen die köstlichen, aber stets gleichen Mahlzeiten serviert wurden“ (und bei Wikipedia steht unter Saulieu, das, und das wollte ich wissen und habe deswegen dort gleich mal nachgesehen, im Département Côte d’Or in Burgund liegt, dass die Stadt vor allem als Standort von Lokalen der Spitzengastronomie bekannt sei – aha; übrigens ein sehr schönes Wappen hat sie, drei stilisierte Lilien auf rotem Grund, die mittlere über einem blitzenden Schwert schwebend. Und mir gefällt diese Bildunterschrift, die so tut, als würde der Leser den ganzen Band schon kennen, obwohl es doch sicher niemanden gibt, der zuerst den Text liest und dann erst die Fotos anschaut, das ist von familiärer Vertrautheit, wie beim Durchblättern des Familienalbums, sieh hier, das war da und da, erinnerst du dich noch?, die hundert Mal erzählten Geschichten, reduziert auf Pointen, die die Betrachter lächeln lassen – die aber wirkliches Sehen unmöglich machen. Diese mündlichen Erklärungen, was etwas darstellt und zu bedeuten hat, und dabei beginnt wirkliches Sehen doch erst, wenn keine solche Erklärung gegeben wird, wenn man alles vergessen hat und sich wieder Fragen stellt, wesentliche Fragen, wie in der Kunst, wenn „o. T.“ dasteht, ein Affront, der einen dann aber auf die Sache selbst und ihre sinnliche Wahrnehmung zurückwirft, was manchmal sogar physisch spürbar ist (wie eine Ohrfeige!, wie ein Schlag in den Magen!), und man sich dann entweder abwendet, weil einen diese rüde Geste kränkt, oder man sich neu einlässt, die Augen aufreißt, ins Bild zieht, es erforscht, Kälteschauer, Hitzewallungen, Rauschen in den Ohren, betäubende Gerüche, Lähmung, Beglückung, das alles kann einem dann geschehen. Aber beim Anschauen des Fotos frage ich mich, weshalb ich so wenig von Frankreich kenne, außer Paris im Grunde nichts, nichts von der Provinz, ohne die (sagen alle) man Frankreich doch nicht verstehen kann, und das, obwohl ich mich für dieses Land interessiere, seine Autoren lese, PROUST liebe, der beides in sich vereint, Paris und die Provinz, und das auch immer thematisiert (was ist die Herzogin von Guermantes anderes als dieser Gegensatz?), vor allem aber in der Sprache, ländliches Französisch, Dialekte, Pariser Hochfranzösisch, mit seiner Neigung zur Überkultiviertheit, Dekadenz. Aber die Apfelbäume, die Lavendelfelder, die Kathedrale von Amiens, das Seebad Cherbourg – muss ich da hin? Ich fühle da ganz anders als bei Italien, als ginge mich das alles im Grunde nichts an, keine innere Berührung, kein Kennenlernwollen, als genügte der Postkartenblick, Loire-Schlösser, Versailles, Reims, Chartres, Aix, Arles, Avignon, die Île de Ré. Muss man das mit eigenen Augen gesehen haben? Wie anders: Sizilien). Aber zurück zu den Fotos. Wieder eins von WOOLF, das ich noch nicht kenne, auf einem Gartenweg in Long Barn, mit hilflos-elegant auf dem großen Zeh balancierendem rechten Fuß (die Gleichzeitigkeit von Scheu/Schüchternheit und Arroganz bei VIRGINIA WOOLF wie bei niemandem sonst), 40 Jahre alt, dann SACKVILLE-WEST mit Ehemann Harold und den beiden halbwüchsigen Söhnen Ben und Nigel (wie nur kann man seinen Sohn Nigel nennen?), die Männer aufrecht und frontal, hell gekleidet (Sommeranzüge), SACKVILLE-WEST im dunklen Zweiteiler, an der Seite, an einen Tisch gelehnt, den Blick zu Boden gerichtet, 1927, Fremdheit, Ferne, Unzugehörigkeit. Dann weiter vorn Sissinghurst und Monk’s House, zwei Fotos untereinander, Sissinghurst – der absurde scheunenartige Langstreckenbau mit dem Doppelturmmonster, Monk’s House – ein idyllisches Cottage inmitten eines wild wuchernden Gartens. Keine Frage, was ich wählen würde. Und immer wieder fällt auf: Die ungeheure Magerkeit, Stockhaftigkeit der Frauen (VIRGINIA WOOLF, VITA SACKVILLE-WEST) und Männer (LEONARD WOOLF, LYTTON STRACHEY) – zu der, große Ausnahme, JOHN MAYNARD KEYNES mit im Alter zunehmender Leibesfülle einen abrundenden Kontrast darstellt. Und dann kam noch: INSPIRATION BLOOMSBURY. DER KREIS UM VIRGINIA WOOLF (herausgegeben und aus dem Englischen von CHRISTINE FRICK-GERKE, S. Fischer 2003). Das habe ich schon vor zwei Jahren gelesen, erschüttert damals über den Neid, die Machtkämpfe, den grausamen Klatsch, die Konkurrenz, die Affären, die Minderwertigkeitskomplexe gepaart mit Arroganz, die Angst – 68er avant la lettre. Der Umschlag wirkt so heiter, ein bedrucktes Leinwandmuster von Vanessa Bell und Alan Walton wiedergebend, und dann das. Geht mit den Bloomsburies ganz anders um als die sonnentrunkenen, gartenblumenverliebten Bildbände und beugt jeder Verklärung von Künstlerkolonie vor – insofern: eine heilsame Lektüre. Wie auch HELMUT WINTERs: VIRGINIA UND LEONARD WOOLF (Rowohlt Berlin 1999, leider mit scheußlich wolkigem Vorsatzpapier, signalgelbgrünem Einband; zum Glück ist der Schutzumschlag klar und farblich ruhig, gibt es ein dunkelrotes Lesebändchen, und das Papier ist von dieser dicken, fasrigen Art wie bei den Bibliothek-Suhrkamp-Bänden), das einem wieder den Glauben an eine gelungene Ehe nimmt, die doch immer zwischen beiden, VIRGINIA und LEONARD, behauptet wird, aber LEONARD ist so ein schrecklicher Pedant, und man hat nicht den Eindruck, dass er versteht, wer da mit ihm oder neben ihm lebt, denn ein Miteinander, in dem man so viel verbirgt und die Einsamkeit von beiden so sehr zu spüren ist, kann man das als ein solches bezeichnen – und es gar gelungen nennen? Aber vielleicht geht es nicht anders, wenn beide Egomanen sind – denn das sind sie, und Angst haben, sich preiszugeben, verletzt zu werden. Und in einem Buchpaket aus der Schweiz war ein mir völlig unbekannter ANATOL VON STEIGER mit seinen gesammelten Gedichten: DIESES LEBEN (Russisch und Deutsch, übersetzt, eingeleitet und herausgegeben von Felix Philipp Ingold, Ammann 2008). Großes Format, 450 Seiten stark, Halbleinenband beige, blaugrau, mit Folienschutzumschlag, den ich sicher bald wegwerfe (rutscht immer und bekommt hässliche Falten, außerdem ist das ja kein Frischhalteprodukt) – diese Folie scheint eine Spezialität von Ammann zu sein, bei der PESSOA-Werkausgabe verwenden sie die auch. Ebenso unpraktisch und scheußlich. Das Buch lag zusammen mit JACQUES PICARDs: GEBROCHENE ZEIT. JÜDISCHE PAARE IM EXIL (gleichfalls Ammann 2009) in einem riesigen Karton, war in ein dickes Velinpapier eingeschlagen, das viel berückender war als diese Folie, denn es ließ durch die stark geminderte Transparenz das Buch nur erahnen, spann sogleich ein Geheimnis darum und machte es zu einer Kostbarkeit. Dieses Papier knistert nun immer noch im Papierkorb, und ich wünschte, ich hätte einen Ofen, wenigstens so einen kleinen eisernen, worin es dann morgen oder übermorgen zusammengeknüllt sich am Streichholz entzündet und unter der Flamme sich zusammenkrümmt, einsinkt, das Holz entfacht und dieses, später, die Bricketts.

So geschieht es nur zur Nacht,
So geschieht’s im Frühling und sonst nicht,
Auf die Augen sinkt mir leicht der Schlaf,
Und im Traum wird Leben zum Gedicht.

Auch wieder Fotos hinten im Band, denn STEIGER, ANATOL VON, kennt keiner, muss vorgestellt werden, stellt sich vor, posierend, ein hübsches Bürschchen, dandyhaft, leider mit der Angewohnheit, den Mund halb offen zu lassen (er muss das verführerisch gefunden haben), als bekäme er durch die Nase (Polypen?) nicht ausreichend Luft. Schöne Aufnahmen mit anderen hübschen, zarten Jungs in Nizza und Venedig (taubenfütternd, taubenhaltend vorm Markusdom – das gibt’s auch mit GERTRUDE STEIN und ALICE B. TOKLAS (und weiteren zwei, drei (?) Milliarden Menschen, toten und lebenden) . . .

  • GS&ABT_1
  • . . . aber nicht alle hocken sich auch auf die Stufen des Fahnenstangensockels vorm Dom . . .

  • GS&ABT_2
  • . . . das machen nur die Damen, und wie sich da die Tauben zu ihren Füßen sammeln und GERTRUDE STEINs Glockenrock, als brüte sie was aus, darunter, Spracheier, keine tauben, bauscht – – Bei STEIGER schaut man dagegen immer auf die Schuhe, und, weil er so eine Neigung hat, Knickerbocker zu tragen, auch auf die eleganten Strümpfe, und nun kommt doch schon ein Zitat aus SO GEHEIM UND VERTRAUT, gleich von der ersten richtigen Seite (Seite 9): „Virginia Woolf las leidenschaftlich gern Biographien und war doch oft unzufrieden mit dem, was sie daraus erfuhr. Sie hat sehr präzise definiert, was ihr lieber gewesen wäre: ‚. . . nüchterne Tatsachen, jene ›authentische Information‹, aus der . . . gute Biographie gemacht ist. Wann und wo hat die reale Person gelebt, wie sah sie aus, trug sie Schnürstiefel, oder solche mit elastischem Seitenteil, wer waren ihre Tanten und ihre Freunde, wie putzte sie sich die Nase, wen liebte sie, und wie?‘“ Und damit wären wir bei REINER STACHs KAFKA-Biographie (KAFKA. DIE JAHRE DER ERKENNTNIS, S. Fischer 2008), in der es von „Wohls“ und „Gewiss-auchs“ nur so wimmelt und man immerzu Sätze lesen muss wie diesen: „Doch die Gegenkräfte sind übermächtig, und es hilft ihm nichts, dass er den Kampf mit den eigenen Skrupeln für diesmal gewonnen und seinen Willen selbstbewusst artikuliert hat. Den langen Urlaub wird er bekommen, mehrfach sogar [mehrfach?, wie das denn?, in parallelen Welten?] – wenngleich aus Gründen, die er noch nicht ahnen kann [. . . – nein, denn er ist ja nicht der schlaue Biograph, der mit seiner Nachgeborenenweisheit protzt]“ (Seite 74) – ist das auszuhalten, dieser Besserwisserton, dieses Sich-Erheben, dieses oberlehrerhafte Antizipieren der folgenden Lebensstationen? Der Biograph weiß nicht nur immer schon, was kommt, sondern auch, was in Kafka vorging, wie es um ihn bestellt war, was er fühlte, was er dachte. Auch wenn das Tagebuch schweigt, auch wenn es keine Briefe gibt. Also bei höchst prekärer Quellenlage, um nicht zu sagen: bei überhaupt nicht vorhandenen Quellen. Das macht einem, bei aller Drumrumgescheitheit und interessanten Ausführungen zu Krieg und Literaturbetrieb und Tuberkuloseheilungschancen etc. die Lektüre doch sehr, sehr schwer und unangenehm, und ich frage mich, warum die Rezensenten, die sich im Loben dieser Biographie geradezu überschlugen, dafür kein Sensorium hatten. Ich bin, erst mal, nur bis Seite 120 gekommen. Nun aber endlich zu PICARDs jüdischen Paaren im Exil, ein Buch, das auch einen sehr schönen Umschlag hat, die vierfache Wiedergabe eines Modigliani-Doppelporträts vom Ehepaar Lipchitz, um das es in dem Buch aber gar nicht geht, sondern um Léon Reich und Ruth Reich-Stul, Mary und Hermann Levin Goldschmidt, Ruth und Simche Schwarz-Hepner sowie Lotte und Herbert A. Strauss (warum steht bei Paar eins der Mann an erster Stelle?). Einmal in den Originalfarben, und dann im Duoton, Rot, Grün, Blau. Wunderschön und das Blau des Umschlags aufgreifend (wie das Vorsatzpapier das Grün) der Buchbezug, etwas zwischen Papier- und Leinenkaschierung, fasst sich sehr gut an! Lesebändchen (das aber zu leuchtend blau ist). Leider kann der Inhalt des Buchs dann mit der Ausstattung nicht mithalten, schon das Vorwort ist eine Qual (wozu immer diese Vor- und Nachworte, bei Filmen gibt’s das doch auch nicht – nun ja, jetzt, auf den DVDs auch das, Bonusmaterial), schrammt der Autor doch allzu oft an dem, was er sagen will, leider nicht nur haarscharf, sondern in Taudicke vorbei:

    Eine Gemeinsamkeit der Porträts ist, daß diese Überlebenden und Entronnenen in der Zeit nach Erniedrigung, Flucht oder Konzentrationslager aus ihrem Leben neue Zuversicht gewinnen konnten. [Eine Gemeinsamkeit der Porträts – oder der Leben?] Sie schufen bemerkenswerte Dinge und brachten außergewöhnliche Ideen hervor – in Form von Kunst, technischen Erfindungen, Wissenschaft oder sozialer Arbeit. [Wie bitte?] Meine biographischen Skizzen gelten diesen Ideen und Formen, die ich als Ausdrucksweisen des Überlebens deute. Sie werden nicht immer linear, nicht immer chronologisch erzählt, überhaupt nicht umfassend berichtet [es sind Skizzen!], sondern fragmentarisch an Brüchen und Brücken des Lebens skizziert. [Man stelle sich vor, die Skizzen werden skizziert! und dann noch fragmentarisch und an Brüchen und Brücken entlang – wer, bitte, hat das lektoriert?! Ein ganz langer Strich, vom ersten Wort der Einleitung bis zum letzten, das wäre eine kühne, aber notwendige Tat gewesen.]

    (Es geht immer so weiter, egal, wo man das Buch aufschlägt, sofort stößt man auf absurde, tautologische, naive oder einfach überflüssige Sätze. Jacques Picard ist Professor in Basel – ach, du arme Schweiz.) Und am 28. Januar schon kam RENATE WIGGERSHAUS: VIRGINIA WOOLF. LEBEN UND WERK IN TEXTEN UND BILDERN (Insel 1987), ein Büchlein, das ich erst mal einer gründlichen Reinigung unterziehen musste (weißes Insel-Tb.!), denn ich habe an meinen Büchern gern meinen eigenen Dreck, meine eigenen Saft- und Kaffeeflecke, meine eigenen Krümel zwischen den Seiten, meine eigenen Fingerabdrücke, nicht fremde. Das ist der beste Weg, vergessen zu machen, dass das Buch nicht schon immer meines war, sondern von irgendjemandem kam, irgendjemandem, den ich nicht kenne und von dem ich folglich nichts weiß und dessen Flecken ich deshalb beim Lesen nicht unter der Nase haben möchte. Und wenn das hier so GERTRUDE-STEIN-haft daherkommt, dann liegt das daran, dass heute, am 28. Januar, auch ein altes, schon leicht vergilbtes (innen und außen) Bändchen von Suhrkamp eingetroffen ist, elegant mit dem blassblauen Streifen (der, mitten im Winter, wie ein Hauch Vorfrühling ist), SHERWOOD ANDERSON / GERTRUDE STEIN: BRIEFWECHSEL UND AUSGEWÄHLTE ESSAYS (Bibliothek Suhrkamp 1985), in dem ich natürlich gleich gelesen habe (wie sollte man das aushalten, ein Buch auspacken und nicht sofort darin lesen?), und darin nun, auf Seite 34 f. , der Brief vom April 1923 an ANDERSON:

    Mein lieber Sherwood,
    all die lange Zeit erwartete ich von Ihnen zu hören und hörte nichts: und nun ist Ihr Buch da. Dafür recht vielen Dank. Ich habe es gerade zuendegelesen und was ich darüber denke ist dies . . . weder fällt es in Einzelteile auseinander noch hält es künstlich zusammen, auf der anderen Seite ist nach meinem Verständnis die Neigung ein wenig zu ausgeprägt den Schluß allzu häufig durchscheinen zu lassen soll heißen Sie als Autor wissen ein wenig zu oft daß es ein Ende gibt. Vielleicht darf ich sagen es sollte einen Anfang eine Mitte und ein Ende geben, während Sie dazu neigen einem Anfang ein Ende ein Ende und ein Ende folgen zu lassen.

    Das trifft ganz genau auf FABIO STASSI zu, bei dessen Roman, DIE LETZTE PARTIE (aus dem Italienischen von Monika Köpfer, Kein & Aber 2009), man von der ersten Zeile an spürt, dass er auf eine Pointe hinausläuft; alles, was erzählt wird, hat keinen Wert in sich selbst, verführt den Leser nicht zum Verweilen, sondern ist nur retardierendes Moment für den Show-down. Noch eine jugendliche Affäre, noch eine Kindheitserinnerung, noch ein Glas Whisky an der Bar, bevor endlich das Ende kommt, der große Moment, der Knalleffekt. Alles glatt und ohne jede Innovation erzählt, well made, todlangweilig. Creative writing-Prosa. Wofür hat STASSI (geb. 1962) den Vittorini-Debütpreis bekommen? Für diesen Roman? Aber ist das überhaupt ein angesehener, bedeutender Preis? Schade, schönes Buch, das gut in der Hand liegt – aber vielleicht auch zu glatt, zu well made. Und so habe ich, nach ein paar Seiten, zwanzig, dreißig, keine Lust mehr – und mir fällt nicht mal jemand ein, dem ich damit eine Freude machen könnte. Aber zurück zu GERTRUDE STEIN und SHERWOOD ANDERSON, von dem ich nur die, allerdings großartige, Erzählung ICH MÖCHTE WISSEN WARUM kenne, die in der Anthologie AMERIKANISCHE SHORT STORIES DES 20. JAHRHUNDERTS (Reclam 1998) abgedruckt ist, ein grandioser Text, der an HEMINGWAY und vor allem SALINGER erinnert, was natürlich heißen muss, dass HEMINGWAY und vor allem SALINGER an ihn erinnern, denn schließlich ging SHERWOOD ANDERSON ihnen voran und haben sie von ihm gelernt und ihn kopiert, und der in seiner mündlichen Schnoddrigkeit eine große Verletzlichkeit des Erzählers, eines jugendlichen Pferdenarrs, zeigt, die anrührt (wie dann später im FÄNGER IM ROGGEN der sechzehnjährige Holden Caulfield). Hier im Briefwechsel geht es auch ziemlich schnoddrig zu, was bei SHERWOOD ANDERSON leider, im Gegensatz zu GERTRUDE STEIN, etwas gewollt wirkt, als würde jemand mit steifen Hüften und Schultern Boogie-Woogie tanzen – sie schreiben über ihre Bücher, die fertigen und die unfertigen, beschweren sich über Verleger und Zeitschriftenredakteure, etwas, was unter Schriftstellern so normal ist, dass man es gar nicht erwähnen muss, denn hier kommt es, wie in der Literatur, nicht auf das Was an, sondern auf das Wie. Und das Wie ist, wie gesagt, bei GERTRUDE STEIN häufig sehr köstlich, ein Rehrücken mit Preiselbeerkonfitüre, eine Eisbombe, ein Soufflé, das wunderbar aufgegangen ist und in das man nun voll Behagen hineinsticht. Und auch wenn das jetzt recht unvermittelt hier auftaucht und auch wenn Zitate natürlich keine Literaturkritik sind – muss ich, weil ich fürchte, es passt an anderem Ort nicht besser, jetzt doch einen meiner STEINschen Lieblingssätze (aus JEDERMANNS AUTOBIOGRAPHIE) wiedergeben: „Man sollte immer das jüngste Mitglied der Familie sein. Es erspart einem eine Menge Ärger jeder kümmert sich um einen.“ „Denken Sie darüber nach und Sie werden sehen daß es Ihnen klar wird“, lautet ein weiterer Lieblingssatz (diesmal aus GERTRUDE STEIN: ERZÄHLEN. VIER VORTRÄGE, Einleitung von Thornton Wilder, übertragen von Ernst Jandl, Bibliothek Suhrkamp 1971), aber dazu komme ich noch, am 7. Februar). Stattdessen kurz zu STEFANA SABIN: GERTRUDE STEIN (Rowohlt Tb. 1996, rowohlt monographie 530), ein weiteres Bändchen für die STEIN-Bibliothek, sehr gut geschrieben, mit kritischem Blick auf die Verehrte, deren Entwicklung vom umhätschelten Kleinkind zum selbsternannten Genie, das in der Sprache einer anderen (nämlich der von ALICE B. TOKLAS) seine eigene Legende schreibt und mit diesem, in fremder Sprache geschriebenen Buch (der AUTOBIOGRAPHIE VON ALICE B. TOKLAS, dazu mehr unter dem 5. Februar) Triumphe feiert – wie grausam ist die Welt! Bei SABIN nun gibt es eine schöne Erklärung für den reduzierten Wortschatz und von Wiederholungen geprägten Stil GERTRUDE STEINs: „Fünf Jahre war sie alt, als sie zum erstenmal mit der amerikanischen Wirklichkeit und auch dem amerikanischen Englisch konfrontiert wurde. Das Englisch, das sie im Haus der Keysers [der Familie ihrer Mutter, die in Baltimore lebte] hörte, war eine Immigrantensprache, mit reduziertem Wortschatz und elementarer Syntax – Merkmale, die ihr literarisches Werk kennzeichnen sollten.“ Bei Virginia Woolf gibt es manche Bissigkeit gegen STEIN – Genies mögen sich nicht, beäugen sich gern aus sicherem Abstand –, und so wundert einen auch das Folgende nicht: „Und Edith Sitwell, Redakteurin bei der Vogue in London, die Gertrude Stein in Paris besucht hatte und zu einer richtigen Verehrerin geworden war, gelang es auch nicht, Virginia und Leonard Woolf zu überzeugen, eine englische Ausgabe von The Making of Americans in ihrer Hogarth Press zu veröffentlichen.“ Auch JOYCEULYSSES wollte VIRGINIA WOOLF nicht verlegen, und vielleicht zu Recht. Bei PROUST aber hätte sie nicht gezögert – ihn vergöttert sie (allerdings schreibt er auch nicht auf Englisch). Sie und ETHEL SMYTH sind übrigens in dem unter dem 29. Januar erwähnten Band von SUSANNE AMRAIN, SO GEHEIM UND VERTRAUT. VIRGINIA WOOLF UND VITA SACKVILLE WEST, auf einem Foto zu sehen: ETHEL SMYTH mit Höhrrohr, und beide gucken wie die Spukgestalten.

  • VW&ES
  • Ich gebe zu, dass ich eine Schwäche für die englischen Exzentriker habe – und dass es davon auch schon ausreichend vor Bloomsbury gegeben hat, beweist VIRGINIA WOOLFs Komödie FRESHWATER, die in der Neuen Rundschau, Jg. 91 1980, H. 1. abgedruckt ist (deutsch von Hilde Spiel). Zum Schießen. Die Nuancen der Ironie. Die Parodie der Bloomsbury-Welt, der Partys in Garsington. Der britische Humor, der aus dem Understatement und der Skurrilität und Exzentrik kommt. Das hat, Herr ARNO SCHMIDT, nichts mit Ihrer krümelkackerischer Besserwisserei, die so gerne Bildung wäre, zu tun, Ihren BERECHNUNGEN III, die sich, leider sehr zu Ihrem Nachteil, im selben Heft finden. Was für ein Klugscheißer. SCHMIDT ist kein bisschen komisch – denn eine Komik, die mit dem Finger auf sich zeigt und sich auf die Brust klopft und sagt, guck mal, das weiß ich noch und das und das, ist so öde. Und jetzt ist das Tagebuch seiner Frau ALICE erschienen: ALICE SCHMIDT: TAGEBUCH AUS DEM JAHR 1955 (herausgegeben von Susanne Fischer, eine Edition der Arno-Schmidt-Stiftung im Suhrkamp Verlag, mit zahlreichen Fotografien von Arno und Alice Schmidt, 2009), und es bestätigt und übertrifft die schlimmsten Befürchtungen. Wieder eine kein Maß kennende Ausbeutung der angetrauten weiblichen Arbeitskraft. Größenwahn und Jämmerlichkeit bei ihm, Demut und Unterwürfigkeit und Aufgabe aller eigenen literarischen Produktivität bei ihr (sie bedankt sich, dass sie einmal kein Mittagessen kochen muss!, es tut weh, das zu lesen). SCHMIDT erinnert mich immer an eine dieser kleinbürgerlichen, spießigen Spitzweg-Figuren, keine Größe, keine Schönheit, da wo der Geiz, materieller wie geistiger, regiert (er lässt keine Poesie zu, und ohne Poesie gibt es keine Schönheit) – und dafür hat sich seine Frau mit dem beflügelnden Namen, ALICE, aufgerieben! Und nie werden wir wissen, was aus ihr hätte werden können. Was für eine Anmaßung, was für eine Arroganz, über das Leben eines anderen so zu verfügen, ihn nicht Seins machen zu lassen. Da war die Ehe der WOOLFs doch von ganz anderer Qualität, Pedanterie hin oder her. Am 22. Januar weitere Buchzuwächse, nämlich LÁSZLÓ F. FÖLDÉNYI: DOSTOJEWSKI LIEST HEGEL IN SIBIRIEN UND BRICHT IN TRÄNEN AUS (aus dem Ungarischen von Hans Skirecki, mit einem Vorwort von Alberto Manguel, Matthes & Seitz 2008). Ein lila Bändchen, das bei Shakespeare & Co. auf dem Kassentischchen lag, und beim Gespräch mit Ulrich Haupt, dem Inhaber, fiel mein Blick darauf, und da ich schon immer ein Exemplar dieser Reihe haben wollte und der Titel so großartig ist und ich FÖLDÉNYI (sein KLEIST-Buch!) mag, musste ich einfach danach greifen; in der U-Bahn habe ich dann gleich angefangen zu lesen – [Fortsetzung 26. Februar]

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