Montag, 23. Oktober 2017

Markus Orths, Das Zimmermädchen

Markus Orths, Das Zimmermädchen«Unterm Bett öffnet sich die Kehrseite der Welt»
«Eins ist sicher: Nach der Lektüre des ‹Zimmermädchens› wird man nie wieder in einem Hotel übernachten, ohne vorher unters Bett zu schauen», so der Verlag Schöffling & Co. über das neuste Buch von Markus Orths. Wer nun aber einen Psychothriller erwartet, wartet vergebens. Lynn liegt zwar unter fremden Betten, erschrecken will sie aber niemanden.

Linda Maria «Lynn» Zapatek, Zimmermädchen im Hotel Eden, um die 30 Jahre alt, ist hin- und hergerissen zwischen ihren psychischen Störungen und der Sehnsucht nach einem «normalen» Leben. Sechs Monate war sie in einer Klinik, therapiert werden sollte sie vom zwanghaften Stehlen. In der Anfangsszene des Romans sehen wir Lynn die Klinik verlassen. Verloren steht sie an der Bushaltestelle.

Einige Wochen später hat sie sich eine Festung aus regelmäßigen Abläufen und Strukturen aufgebaut, hinter der sie sich verschanzt. Den Putzjob im Hotel hat ihr Heinz verschafft, den sie jeden Montag zu einem kurzen sexuellen Intermezzo trifft, bei dem nur er auf seine Kosten kommt. Außerdem gibt es da noch den Termin beim Therapeuten, den wöchentlichen Anruf bei der Mutter: Unannehmlichkeiten, die sie auf sich nimmt, um ein Minimum an sozialer Normalität an den Tag zu legen.

Die Abende verbringt sie auf dem Sofa, ihre Nächte sind traumlos. Als Leser kann man über ihre Entscheidungsunfähigkeit hier und da auch schmunzeln: Im Supermarkt schaut sie bei anderen Kunden ab, was sie einkaufen soll. Doch manchmal durchbricht eine améliehafte Faszination für die kleinen Dinge des Lebens ihre Lustlosigkeit, etwa, wenn sie die Radieschen schält, weil sie die am schönsten findet, wenn sie weiß und nackt sind.

Die Realität lässt Lynn kalt, denn diese enttäuscht sie meistens. Desillusionierungen gehören bei den meisten Menschen zum Erwachsenwerden; Lynn leidet jedoch immer noch unter der Ermordung des Weihnachtsmanns: Sie fühlt sich betrogen, als sie merkt, dass Wassergläser genauso rauschen wie Muscheln, und seitdem sie weiß, dass Paare sich morgens nach dem Aufwachen nicht küssen, sondern sich gegenseitig zum Zähneputzen auffordern, hat sie für «die Liebe» nur noch ein müdes Lächeln übrig. Ihre erkenntnis- und wahrnehmungstheoretischen Überlegungen (Wie kann man wissen, dass eine Kanne rund ist, wenn man sie nur von vorne sieht?) zerstückeln Stück für Stück die reale Welt. Nur ihre Imaginationskraft erschafft etwas Ganzes; die Realität hingegen ist für Lynn immer Bruchstück.

Deswegen liebt sie es, dienstags unter das Bett eines Hotelgastes zu kriechen und dort die Nacht zu verbringen. Hier, wo sie anhand der Geräusche imaginieren kann, was sich im Hotelzimmer abspielt, ist sie ganz in ihrem Metier: Sie ist nicht allein, muss sich jedoch auch nicht mit einem anderen Menschen auseinandersetzen, und sie kann ihrer Vorstellungskraft freien Lauf lassen, ohne von der Wirklichkeit ausgebremst zu werden.

Lynns Beziehung zur Mutter, die es bezeichnenderweise am Herzen hat, ist problematisch. Als Lynn sie nach deren Infarkt besucht, hat sie den ersten Rückfall seit dem Ende ihrer Therapie: Ohne es zu merken steckt sie die Schachtel ein, in der die Medikamente für die Mutter portioniert sind, und offenbart damit einen heimlichen Vernichtungswunsch, den sie dann gegen sich selbst kehrt, indem sie, weil Abend ist, die Pille für den Abend schluckt, was nicht einer gewissen Komik entbehrt. Die Gespräche zwischen der Mutter und Lynn sind Musterbeispiele fehlgeschlagener Kommunikation: Worte verkommen zu Worthülsen, Annäherung findet allenfalls im Gespräch über Putzmittel und -methoden statt. Lynn wünscht sich einen «Gefühlsdolmetscher». «Gespräche» kann man das Hin- und Her von Worten und Satzfetzen ohnehin nicht nennen. «Mach’s noch» ist die Abschiedsfloskel von Mutter und Tochter; «noch», Ersatz für das typische «gut» und nach einer Ergänzung verlangend, die einem nicht einfallen will. Das schwierige Verhältnis zwischen den beiden spiegelt sich im Roman auf sprachlicher Ebene wider.

Einmal wöchentlich trifft Lynn Chiara, die als selbstständige Prostituierte arbeitet und deren Telefonnummer Lynn von dem Visitenkärtchen abschreibt, das neben dem Bett eines Hotelgastes liegt. Mit Chiara erlebt sie zum ersten Mal guten Sex und Geborgenheit, und um sich die wöchentlichen Treffen leisten zu können, verkauft sie Teile ihrer Wohnungs-einrichtung. Sie meint, dass zwischen ihnen mehr ist als ein Dienstleister-Kunden-Verhältnis, doch Chiara entscheidet sich dagegen, mit Lynn in den Urlaub zu fahren.

Einen Menschen zu lieben bedeutet für Lynn, sich selbst kennenzulernen. Dass man Liebe jedoch nicht kaufen kann, muss sie schmerzhaft lernen, als sie mit gepacktem Koffer vergeblich auf Chiara wartet. Was wird sie machen aus ihrem Leben? Markus Orths verrät es uns nicht. Gerne wüsste man es.

Lynn ist einem ans Herz gewachsen, woran die kunstvolle sprachliche Gestaltung des Romans einen großen Anteil hat. Einzig zu kritisieren ist der Preis des Buches, der mit 16,90 Euro für 138 mit sehr großer Schrift bedruckte Seiten definitiv zu hoch ist. Gute Literatur soll ihren Preis haben, doch eine gewisse Verhältnismäßigkeit sollte gewahrt bleiben.

Markus Orths, Das Zimmermädchen, Schöffling & Co 2008

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