Montag, 23. Oktober 2017

Nachdenken über Wörter

Das Herkunftswörterbuch des Duden verrät, das Wort «Neger» sei im 17. Jahrhundert erstmals in deutschen Texten aufgetaucht. Es stammt vom lateinischen «niger», «schwarz» ab. Schwarz wiederum ist verwandt mit der Sippe von lat. «sordere», was so viel wie «schmutzig sein» beziehungsweise «dunkel, schmutzfarbig» bedeutet. Die negative Bedeutung schwingt in vielen Ausdrücken und Redewendungen mit (anschwärzen, Schwarzmarkt, sich schwarz ärgern, Schwarzarbeit, schwarze Liste, schwarzes Schaf usw.).

Viele der Zeugen, die im Fall des erfrorenen, illegal in der Schweiz gewesenen Somaliers zu Wort kommen, reden von einem «Neger». Ein Stammtischler, so weiß die NZZ am Sonntag vom 8. Februar zu berichten, prophezeit im Restaurant Riedli in Zwischenflüh: «(…) je mehr in Lampedusa ankommen, desto mehr haben wir hier im Wald.»

Man nimmt an, dass der nach eigenen Angaben 30-jährige Somalier, um nicht ausgewiesen zu werden, monatelang im Diemtig- und Frutigtal lebte. Mehrmals wurde er gesehen. Als er in einer Skihütte im Skigebiet Wiriehorn einen Kaffee bestellt, ruft die Wirtin die Polizei. Dabei muss es sich um die berühmte Gastfreundschaft gehandelt haben, mit der das Berner Oberland im Internet wirbt. Immerhin weist der zuständige Polizist die Wirtin in die Schranken: In Afrika seien auch schon Weiße gesichtet worden. Später jedoch macht er dem Stammtischler in Bezug auf kluge Bemerkungen gefährlich Konkurrenz: «Dass die Schwarzen so in der Natur sind, das sieht man nicht oft.»

Der Somalier war seit November 2007, als er von der Polizei in Genf registriert wurde, fern seiner Heimat unterwegs. Er schlug sich in Jeans mit Rucksack und Schlafsack durch den kalten Schweizer Bergwinter. Er hatte niemanden zum Reden und starb an Unterkühlung vor einer Berghütte, in die er nicht hineinkam. Am 1. Februar wurde sein Leichnam gefunden. Was hat dieser Mann den Einheimischen getan, dass man ihn öffentlich «Neger» nennt – ein Wort, das laut Duden nicht mehr verwendet werden sollte, da es diskriminierend ist?

Solange ein Mensch, der nicht ausgewiesen werden will, sterben muss, ist die Menschlichkeit in Gefahr. Und wo sie in Gefahr ist, sieht man auch nicht einen Menschen, sondern einen «Neger». Erst wenn aus uns allen ein Mensch geworden ist, können wir uns berechtigt in der Tradition von Humanismus und Aufklärung sehen. Die Worte, derer wir uns bedienen, spielen dabei eine große Rolle. (Womit wir schon beim nächsten bedenkenswerten Fall wären: das Wort «Mensch» ist eine Substantivierung des gemeingermanischen Adjektivs des althochdeutschen «mennisc», des gotischen «mannisks» usw. und bedeutet «menschlich, männlich». Dieses Adjektiv ist vom Substantiv «*manu-» oder «*monu-» abgeleitet, was … sowohl «Mensch» wie auch «Mann» bedeutet – leider aber nicht Frau …)

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