Montag, 11. Dezember 2017

Robert Ferguson, Knut Hamsun

ferguson_hamsun2Leben für Romane leben
Was unterscheidet einen Entwicklungsroman von einer Biographie? Beides sind Lebensgeschichten und evozieren die gleiche Intensität eines imaginierten Lebens – vorausgesetzt, man interessiert sich für den Protagonisten. Die 600-seitige Biographie Knut Hamsuns gelangte über den „Oh, über den wollte ich immer schon was wissen, kann ich das ausleihen“-Leseweg auf den Nachttisch und in die Rucksackvordertasche. Und dann opfert man viele Stunden der eigenen Biographie, um sich durch diesen Lebensroman zu lesen. Knut Hamsun gibt einen exzellenten Helden ab. Allein der Name, der doppelte Klang des u`s: hervorragend gewählt vom Helden selbst, der sich dorthin von Knud Petersen über Knud Pedersen Hamsund vorgearbeitet und sein Profil verfeinert hat – in die literarische Karriere hinein. Sich einen passenden Namen geben, eine Gestalt von Gold und Stroh mit eisblauen Augen: los gehts. Im Kramladen hat er gearbeitet und auf den Feldern grosser Landgüter, einen tyrannischen Onkel hat es gegeben, Schönschreiben und Bibellesen musste er, während draussen die Sonne im nordischen Dunkel versank; arme Eltern hat er gehabt, beim Strassenbau war er angestellt und auf grossen Bauernhöfen, über Land ist er gezogen und zweimal erfolglos nach Amerika ausgewandert. Gesoffen hat er, ha!, alle untern Tisch! und pflichtschuldigst viele Anekdoten produziert in den Kneipen von Kristiana. Vorträge hat er gehalten über die moderne Literatur, donnernd von der Kanzel herunter, gegen die Welt und das Establishment, in den Adern – so glaubte er, sein Autor, so glaube nun ich: flüssiges Feuer. Beladen und behängt mit dem, was einen später notwendig herausstehen lässt aus den anderen Geschichten: Geldnot und extrafeine Anzüge, eine Frau mit dem gleichfalls unnachahmlichen Namen Bergljot, einer zweiten Frau namens Marie, mehrere Kinder, ein abgeriegelter grosser weisser Hof – Norholm. Dazu Norwegen, Kristiana, Nordland: unschwer zu glauben, dass der Himmel die meiste Zeit über weinrot und dunkelblau geleuchtet hat oder meinetwegen eine kalte Sonne auf staubigen Strassen und leeren Feldern, die Hamsun, nach Bjornson zum Nationaldichter verklärt, mit Marie zu bewirtschaften beginnt. Bauer sei er, erklärt er im Jubelsturm der Nobelpreisübergabe 1920, Bauer, nicht Schriftsteller.

Also: Was für eine Figur! Am phänomenalsten die Selbstgerechtigkeit, der Fanatismus, ein leidenschaftlicher Genuss in der Rolle des Outlaws und Aussenseiters: auch das, gerade das! Früh fängt er an, sich unbeliebt zu machen mit seinen Hetzartikeln gegen Ibsen, gegen den technischen Fortschritt, gegen die Frauenbewegung, gegen die Engländer – und für den formidablen Nationalsozialismus des J.Goebbels und A. Hitler. Mit Verve widmet er sich dieser letzten tollen Hybris seines Lebens und wird nach 1945 aufwendig in der Psychiatrie untersucht, um dem norwegischen Volk zu erklären, wie sein grosser Dichter so irren und fehlen konnte. Dem Protagonisten tut das keinen Abbruch, nein, es macht ihn noch schimmernder:  flaw, downfall, Katastrophe und Katharsis in seinem letzten Buch „Auf überwachsenen Pfaden“.

Robert Ferguson, redlicher Autor dieser schillernden Figur, gibt sich alle Mühe, diese Lebensverfehlung Hamsuns wo nicht zu erklären, so doch zu „rekonstruieren“. Dieser Versuch der „Rekonstruktion“ ist dabei das, was sich wohl am ehesten als Biographenhandwerk skizzieren lässt: im Unterschied zum Roman hat die erzählte Geschichte ein zartes Anliegen, sie wirbt um Verständnis. Ferguson „zeichnet also nach“ (auch das gehört zum Vokabular biographischer Tätigkeit), wie Hamsun sich immer schon berserkerartig gerierte und gegen alles und jedes teufelte, solange er nur so richtig im Unrecht sein konnte. Ferguson „trägt zusammen“ (s.o.), was Hamsun im Lauf seines langen Lebens alles gegen die Engländer vorzubringen hatte und was er dem deutschen Lesepublikum verdankte, um so Hamsuns Naziverfallenheit „im Kontext darzustellen“ (s.o.): „Konnte der empfindsame, verträumte Genius, der so herrliche Liebesgeschichten wie Pan und Victoria geschaffen hatte, wirklich ein Nazi gewesen sein?“ (13) Ferguson differenziert nicht, was er hier eigentlich meint und auf den folgenden 600 Seiten unter solch fragwürdiger Prämisse herausfinden will; er umschifft diese Klippe mit der „Neugier“, die er diesem Leben entgegenbringt,  das er näher beleuchten will: „Eines ist gewiss: Hamsun war ein mehrfaches Paradoxon, ein lebendes Rätsel, ein Fragezeichen in Menschengestalt“ (14) – eine richtig gute Romanfigur also, die Ferguson im Folgenden als solche ausgestaltet. Und das ist  gut vor allem deswegen, weil ihm sein „Versuch einer Rekonstruktion“ im breiten epischen Fluss des Geschehens um den Helden Knut Hamsun in den Hintergrund gerät und stattdessen die Psychologie der Figur ganz von selbst, zumindest in Umrissen, erkennbar wird.
Hamsuns Bücher spielen dabei keine Rolle; ihre aufwendigen und inkompetenten Beschreibungen stören vielmehr und lassen dadurch den aufregend ambivalenten Charakter der Biographie ex negativo noch deutlicher hervortreten. Natürlich kann der Protagonist Hamsun Schriftsteller sein, das ist gewissermassen und nicht zuletzt Aufhänger des Buches. Doch die Analyse seines Werks gehört dahin, wo sie sich schon findet, in die Literaturwissenschaft und, wenn es denn sein soll, in die Psychologie, die Sozial- und Kulturgeschichte. Die Art und Weise, in welcher Ferguson an diesen Stellen ins Schlingern kommt, gibt den falschen Ort dieser Analysen dementsprechend offen zu erkennen, indem er sich prompt nicht entscheiden kann, ob die Protagonisten in Hamsuns Romanen nicht doch eigentlich auch Hamsun seien: eine Unsicherheit, die zwangsläufig mit der Geschichte kollidiert, die er selbst erzählt. Sein Held ist ja schon Knut Hamsun, nun zieht er jedoch mit jedem Roman neue Metaebenen ein, in denen dieser Held sich ebenfalls manifestiert.  Ferguson fehlt hier nicht nur ein klares Konzept für den Zusammenhang von Leben und Werk, sondern auch sein eigenes  Unterfangen, die Lebensgeschichte Knut Hamsuns zu schreiben, erscheint im toten Winkel seiner Wahrnehmung.  Sie schreiben einen Roman, Mr. Ferguson! Denken Sie an Ihre Hauptfigur! Einem zwei- und dreifach potenzierten Protagonisten auf verschiedenen Ebenen will und kann man nicht folgen:, es sei denn, man kaprizierte sich hier auf ein ganz anderes Genre. Doch Seiten um Seiten erzählt Ferguson erst die Romane nach und spinnt dann Fäden zu den Eindrücken und der Psyche seines Protagonisten, versucht Schreibimpulse und die «Vorlagen im wirklichen Leben» zu deuten, ohne zu merken, dass er sich dabei unentwegt selbst ins Gehege kommt. Das ist, abgesehen von der sich hier einstellenden Leseunlust, natürlich dennoch spannend, weil es deutlich macht, was es bedeutet, ein Leben zu schreiben – und was eine solche Beschreibung dann doch nicht leisten kann.
Fazit? Nieder mit der Rekonstruktion und Für selbstbewusste Lebensromane? Oder aber: wie würde eine autorisierte Biographie Heinrich Lees oder Anton Reisers aussehen?

Robert Ferguson, Knut Hamsun. Leben gegen den Strom, Biographie, dtv 1992 (Original: Enigma. The Life of Knut Hamsun, 1987)

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