Montag, 23. Oktober 2017

Unbeliebte Satzzeichen, Teil 1

Satzzeichen sind etwas Wunderbares. Ohne sie würde ein Text dahinplätschern wie das Gerede eines Menschen der weder Punkt noch Komma kennt und vom Hundertsten ins Tausendste kommt und dazwischen auch noch abschweift wobei man ganz aus den Augen verliert um was es eigentlich geht und was der Haupt- und was der Nebengedanke ist.

James Joyce schrieb das letzte Kapitel von «Ulysses» ohne Satzzeichen. Das ist legitim, wenn man den Eindruck endloser Gedankenketten vermitteln will, und ein Kunstgriff, der – leider, muss man an die Adresse rechtschreibgeplagter Schüler sagen – nur gelingt, wenn man das beherrscht, auf was man bewusst verzichtet: die Zeichensetzung. Viele Menschen fragen sich mehr als einmal im Leben, für was Satzzeichen gut sind und warum, zum Geier, man irgendwie nie so richtig weiß, wo sie genau hinkommen (ausgenommen den Satzpunkt, der etwas beendet, und wann etwas beendet ist, wissen die meisten Menschen).

Jedes Satzzeichen hat jedoch seine Aufgabe und seinen Zweck. Auch jenes, über das ich heute schreibe: das Ausrufezeichen. Es ist der Soldat unter den Satzzeichen, denn es ist der treue Begleiter von Befehlen. Diskussionen gibt es keine. Pro und Contra? Das Ausrufezeichen kennt keinen Diskurs. Schluss! Aus! Basta!

Das Ausrufezeichen wird allerdings oft auch gebraucht, um Sätzen Nachdruck zu verleihen, die nichts mit Befehlen zu tun haben. «Das Wochenende mit dir war so schön!» Einverstanden. Doch wo ein Ausrufezeichen ist, folgen meistens weitere, denn hat man es einmal verwendet, muss man es wieder verwenden, um andere Sätze nicht unbeabsichtigt herabzuwerten. «Das Wochenende mit dir war so schön! Du hattest alles wunderbar geplant! Ich wusste gar nicht, was für ein guter Tänzer du bist!» Wir haben es hier eindeutig mit einem Folgetäter zu tun. Mit jedem weiteren Fanfarenstoß wird einem unwohler. Irgendwas stimmt hier nicht. Jemand hat nicht verstanden, was es bedeutet, ein Highlight zu setzen. Die emotionale Zugedröhntheit ist so enorm, dass der Kontrollverlust Ausruf um Ausruf nach sich zieht.

Dabei kann man auf das Ausrufezeichen in einem solchen Fall gut verzichten. Lässt man es konsequent weg, wird es niemand vermissen. Möchte man seiner Begeisterung Aus- und Nachdruck verleihen, greife man getrost auf die Möglichkeiten der sprachlichen Akzentsetzung zurück. Wozu haben wir denn all die wunderschönen emphatischen Stilmittel? Doch wohl kaum, um ihnen von einem lumpigen Satzzeichen die Show stehlen zu lassen AUSRUFEZEICHEN

Kommentare

Eine Anmerkung to “Unbeliebte Satzzeichen, Teil 1”

  1. now » Satzzeichen sind etwas Wunderbares. Ohne sie würde ein Text... schreibt am Freitag, 27. Februar 2009

    […] um was es eigentlich geht und was der Haupt- und was der Nebengedanke ist. — Stein – Unbeliebte Satzzeichen, Teil 1[…]

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