Freitag, 24. November 2017

Christian Scholz, Schweizer Wörter

Scholz_Schweizer WörterWas einer meint, wenn er was sagt
In der Schweiz leben viele Deutsche, was gerne kommentiert wird, auch in Buchform: «Gebrauchsanweisung für die Schweiz», «Grüezi und Willkommen» und wie sie alle heißen, immer geht es um den feinen Unterschied, und nicht selten wird auf Klischees herumgeritten, anstatt sie differenziert zu betrachten. In der Zwischenzeit wissen wir, dass «die Deutschen» laut und unhöflich und «die Schweizer» zurückhaltend und verklemmt sind. Das Büchlein von Christian Scholz, bereits 1998 erschienen, schwimmt nicht auf dieser Welle und ist durchweg angenehmer Lesestoff. «Angenehm» klingt etwas seltsam, aber das Wort trifft es: sachlich, knapp, gut geschrieben. Nur manchmal wünscht man sich, der Autor würde etwas leichter, lustiger, augenzwinkernder über sein Thema sprechen, denn die Sprache ist nichts Todernstes, und das Schweizerdeutsche erst recht nicht.

In kleinen Episoden werden Besonderheiten des Schweizerdeutschen dargelegt und hier und da mit der Mentalität beider Nationen verknüpft, etwa wenn es um «Nidel, Rahm und Sahne» geht. Die Verwendung der Schlagsahne beim sonntäglichen «Kaffe und Kuchen» steht im Gegensatz zum Rahm, den man zur Wäje (Früchtekuchen) gereicht bekommt, so man ihn denn bestellt: «Schlemmerei», so der Autor, «ist ein Laster und wird öffentlich keineswegs gefördert.»

«Wän Si wänd so guet sii», «Mich nimmt s wunder, öb …», «Es tunkt mi», «Im Fall», «Voressen», «Es Gschtürm»: Das Schweizerdeutsche hat viele Wendungen und Wörter, die ein Deutscher vielleicht nicht auf Anhieb versteht, die ihm, hält er sich länger in der Schweiz auf als ein paar Tage, jedoch früher oder später begegnen werden. Das Büchlein («Ein Brevier», wie es sich selbst auf der Titelseite in guter, alter Manier charakterisiert) beschränkt sich auf die gängigsten von ihnen und zeigt in kurzen Geschichten Bedeutung und Verwendungssituationen.

Spannend wird es, wenn über die Haltung der Sprechenden nachgedacht wird: «Ja, gern» kann man in der Schweiz hören, wird beim Essen noch etwas angeboten; «Ja, bitte» hingegen in Deutschland. Das «bitte» fordert ein, das «gern» bekräftigt ein Angebot. Während der Lektüre entwickelt man allmählich ein Gefühl für den «feinen Unterschied», von dem überall die Rede ist, den man jedoch schwer in Worte fassen kann.

Mit einem geschärften Sinn für das, was zwischen den Zeilen und Worten gesagt und gemeint wird, legt man als Deutscher oder Deutsche allmählich das Elefantenkostüm ab und tänzelt sprachlich vielleicht irgendwann sogar virtuos durch den Schweizer Alltag: Hoi zäme, isch a lässige Obig gzii, gömm er wieder ämol zäme in d Uusgang?

Christian Scholz, Schweizer Wörter. Mundart und Mentalität, Nimbus.Kunst und Bücher, 2001

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