Freitag, 24. November 2017

Daniel Kehlmann, Ruhm [2]

kehlmann_ruhmjpg Wunsch nach alten fetten Nebelmaschinen

Wettangebot in den weiten Raum der Rezension: in jeder Besprechung wird von einem „intelligenten“ Buch die Rede sein. Ja, um einen Aussagesatz reich-ranickischer Vehemenz - „Ein intelligentes Buch!“ – kommt man gar nicht herum, wenn man die sorgfältig konstruierten, geradezu etüdenhaft ausgeführten Erzählungen Kehlmanns in zwei sorgfältigen Lesestunden, ja was, wegarbeitet, wegkaut, absortiert. Der „Roman in neun Geschichten“ wechselt ständig Protagonisten und Erzählperspektive; gleichzeitig bleiben alle miteinander und durcheinander verbunden. Konventionell betitelt mit „Stimmen“, „In Gefahr“ oder „Rosalie geht sterben“ könnten die einzelnen Erzählungen auch jeweils mit poetologischen Untertiteln versehen sein: „Einübung in die Figuration eines Helden“ oder aber „Die Chimäre des Gegensatzes von echtem und fiktivem Leben“.

Denn der ganze Roman - was immer das sein mag – beschäftigt sich mit den Möglichkeiten und Bedingungen von Fiktion: immer wieder werden Wörter und Konzepte wie „wirklich“, „echt“, „Lüge“, „zweites Ich“, „doppeltes Leben“ thematisiert. Sie bilden die Folie der Erzählungen, in denen die Figuren Leben ausprobieren: der Techniker Ebeling mit Hilfe eines falschen Handys, der Schauspieler Ralf Tanner als Doppelgänger seiner selbst, der Schriftsteller Leo, der mit seiner Freundin Elisabeth von Medecins sans frontiers echten Schrecken erkunden möchte, der Computernerd Mollwitz, der unbedingt Protagonist einer Geschichte werden will. In „Rosalie geht sterben“ hingegen verhandelt der Ich-Erzähler seine Rolle als Autor im Verhältnis zu seiner Protagonistin, die andere Geschichten als die ihr zugedachte im Kopf hat und sich gegen die Allmacht ihres Autors sträubt. In dieser selbstironischen schönen Erzählung brilliert Kehlmann auf der ganzen Klaviatur des Kampfes eines Schriftstellers mit seiner Figur, wie im Film „Stranger than fiction“ virtuos mit den Mitteln des Kinos zur Darstellung gebracht. Eine ähnliche Virtuosität stellen die beiden mit „In Gefahr“ betitelten Erzählungen um Leo und Elisabeth zur Schau, in denen Kehlmann die Wirklichkeit der Wirklichkeit und die Wirklichkeit der Fiktion gegeneinander ausspielt – is`ja klar, wer und was gewinnt.

Intelligent ja, aber kein schönes, d.h. kein selbstvergessenes Lesen. Der sich daraus speisende Vorwurf stammt aus der alten Trickkiste der Rezensenten: Reissbrettprosa. Schon allein an den blöden Namen - Elmar Schmieding, Schlick, Hauberlan, Rappenzilch, Lobenmeier, Riedergott, Leo Richter, Elke, Elisabeth - und an den noch blöderen Biographien, die Kehlmann seinen Figuren auf den Leib schreibt, lässt sich erkennen, dass es hier nicht um «wirkliche» Figuren geht – um sich lustvoll der Kehlmannschen Paradoxien zu bedienen –, sondern um Konstellationen und Konstruktionen.

„Es gab viel, was Ebeling an seinem Leben nicht mochte. Es störte ihn, dass seine Frau so geistesabwesend war, dass sie so dumme Bücher las und dass sie so erbärmlich schlecht kochte. Es störte ihn, dass er keinen intelligenten Sohn hatte und dass seine Tochter ihm so fremd vorkam. Es störte ihn, dass er durch die dünnen Wände immer den Nachbarn schnarchen hörte. Besonders aber störten ihn die Bahnfahrten zu Stosszeiten. Immer so eng, immer so voll, und gut gerochen hatte es noch nie.“ („Stimmen“)

Oder, gleicher lakonischer Langweilertonfall: „Seit neun Jahren lebte ich mit Hannah zusammen – im Prinzip wenigstens, denn sie wohnte mit unserem Sohn sowie der winzigen Tochter, einem etwas unheimlichen Kleinkind, in einer friedlichen eintönigen Stadt an einem süddeutschen See, wo ich geboren war und nun die Wochenenden verbrachte.“ („Wie ich log und starb“)

Das sind keine Biographien, das sind zusammenbehauptete Auflistungen neudeutscher Erzählprovenienz, namen- und fühllose Existenzen, die nicht erleben, sondern illustrieren und beweisen. Aber das unterläuft Kehlmann nicht einfach so; seine Figuren sind Teil einer raffinierteren Anlage: die allmähliche Verfertigung der „wirklichen“ Geschichten aus dem Geist der „wirklichen“ Wirklichkeit. Das ist poetologisch alles voll auf der richtigen Seite, durchdacht und durch viele Bleistiftstrichverbindungen quer durchs Buch zu belegen. Man könnte anhand Kehlmanns Buch durchexerzieren, wie hermeneutisches Lesen funktioniert, Figuren und Ereignisse in ihren verschiedenen Beziehungen aufdecken, poetologische Gesetze herausarbeiten, Autorschaftsfigurationen, die Metaebenen sprachimmanenter Reflexion – oder so ähnlich. Eine Fingerübung für Fortgeschrittene, welche die Mechanismen der Fiktionsfabrikation offen legt, die dann aber doch nicht so schnell auszudeuten ist. Wem das zu wenig ist und wer nach dem richtigen fetten Erzählen schreit, der soll erstmal so eine feine mehrschichtige Reissbrettübung hinkriegen.

Trotzdem, das richtig fette Erzählen, das also, was trotzig einen mottigen roten Theatervorhang über die Maschinerie der Illusionierung gebreitet hat, unverdrossen Nebelmaschinen in den Raum hält und damit die Intelligenz vielleicht Lügen straft, das interessiert sich dafür, was seine Protagonisten machen, wen sie lieben und wie sie ihr Geld verdienen. Während bei Kehlmann die Luzias und Elkes stereotype sexuelle Übungen verrichten, während es in der Kantine manchmal Schnitzel gibt, Ebeling Gurken vom Heimweg mitbringen soll und in Mittelamerika Männer mit Maschinengewehren herumstehen – Details also, die ungehindert durch die eigene Imagination schnurren, nichts auslösen, nichts zurücklassen – , so wünscht man sich, „off guard“ erwischt und plötzlich doch noch in die Geschichte verstrickt zu werden.

Das ist eine konventionelle Lesesehnsucht – und auch diese weiss der kluge Kehlmann an seinem Brett zu befriedigen, wenn in der Erzählung „Osten“ die Schriftstellerin Maria Rubinstein buchstäblich im Potential der Möglichkeiten verloren geht: in einem fernen Land, in ausserordentlichen Umständen, fern aller Vertrautheiten und man, wider besseren Wissens, doch noch einmal atemlos das „und was geschieht jetzt?“ durchspielt.

Daniel Kehlmann, Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten, Rowohlt 2009

Kommentare

3 Anmerkungen to “Daniel Kehlmann, Ruhm [2]”

  1. Peter schreibt am Donnerstag, 5. März 2009

    Leo Richter, Elke, Elisabeth – hast recht, das sind wirklich saublöde Namen! Wie können die einem Autor einfallen?!?! Unglaublich ….!

  2. Stein schreibt am Samstag, 7. März 2009

    Silberberg, ich bin deiner Meinung. Es fehlt das Lebendige in den Geschichten, das Beiläufige, Absurde, Unstimmige, was Menschsein eben auch auszeichnet. Den Roman zu lesen ist wie Braten und Knödel ohne Soße zu essen: irgendwie schon lecker, auch sättigend, aber hinterher hat man einen trockenen Mund. Die Geschichte über die Schriftstellerin Maria Rubinstein ist da immerhin das Bier, mit dem man das Ganze runterspülen kann.

  3. Anja schreibt am Montag, 8. Juni 2009

    Soeben von Silberberg auf die Kehlmann’sche Kritik aufmerksam gemacht worden. Und im Anschluss an die Lektüre durch meine eigene Rezension zu Kehlmann gepflügt (http://www.denkbilder.uzh.ch/ – Ausgabe zu W.G.Sebald, S. 38).

    Obwohl Silberberg über unsere Leseergebnisse als zwei divergierende resümiert, scheint mir unser analytischer Approach gar nicht unähnlich zu sein. So nenne ich das, was bei Silberberg unter «Reissbrettprosa» läuft, «klug komponiert», womit ich auch meine: Es ist, als ob man Kehlmann auf die Finger schauen kann, wie er neuerlich ein poetologisches Konzept in die Tat umschreibt.

    Unsere abschliessenden Wertungen unterscheiden sich m.E. da, wo sich auch die Geschmäcker scheiden: Silberberg als romanverzehrendes Ungeheuer vermisst das Bier, während bei mir, die ich mit dem Wälzerwälzen manchmal meine liebe Mühe habe und frühzeitig aufgebe, grade das Sece, Holzschnittartige, inhaltlich-schreiberisch Unausgegorene dieses Buches Gefallen findet.

    Kompliment für den knackigen Text. Der Terminus «Reissbrett» wird im Kritikervokabular gespeichert. — MfG

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