Freitag, 24. November 2017

Daniel Kehlmann, Ruhm [1]

kehlmann_ruhmjpgDaniel Kehlmann muss man nicht vorstellen. Mit seinem Erfolgsbuch «Die Vermessung der Welt», bisher in über vierzig Sprachen übersetzt, hat er die eigene Messlatte sehr hoch gehängt. In seinem vor kurzem erschienenen 200-Seiten-Roman «Ruhm» umschifft er mit (oder trotz?) seiner eleganten Prosa viele der Erwartungen, die sich mit diesem Buch-nach-dem-Welterfolgroman verbanden.

Kaum in den Buchhandlungen ausgelegt, war über dieses Buch schon alles gesagt worden. Der Autor äusserte sich im Vorfeld in Interviews zu seinem Neuling und gab schon mal den einen oder anderen Hinweis, wie das Buch zu lesen sei, was er sich bei der Konstruktion gedacht habe und wie viel von ihm selbst in die fiktive Schriftstellerfigur Leo Richter eingeflossen ist. Die Rezensenten der grossen deutschsprachigen Blätter reagierten auf den Medienhype teilweise verschnupft und kamen – hoffentlich unabhängig von gekränkten Gefühlen – schon mal wie in der ZEIT zu dem Schluss, dass der Roman «ein hübsch gemusterter, nicht ungeschickt gewobener Teppich» sei, der allerdings nicht fliegen könne.

An dieser Kritik ist etwas dran. Auf die Sprache und die erzählerischen Details wurde weniger Augenmerk gelegt als auf das Erzählgerüst, um dessen poetologisches Skelett die neun Geschichten gebaut sind, die durch Verbindungspunkte wie etwa die Figur Miguel Auristos Blanco, Verfasser von Lebenshilfebüchern, zu einem Ganzen verwoben werden. In der Tradition der Moderne weist Kehlmann darauf hin, dass texten Handwerk ist, und erschafft immer wieder eine Metaebene, auf der die Figuren mit ihrem Autor sprechen und der (fiktive) Autor über seine Beweggründe beim Konstruieren seiner Figuren und Plots schreibt.

Bei manchen Details fragt man sich, was sie bezwecken. So erntet der Running Gag (die Standardantwort Leo Richters auf die Standardfrage seiner Leser: Wo fallen Ihnen die Ideen ein? – In der Badewanne) spätestens nach der dritten Wiederholung nur noch Gähnen. Schade, dass dieser fiktive Schriftsteller nicht gründlicher von der spannenden Tätigkeit des Schreibens und Konstruierens erzählt. Stattdessen wiegelt der anerkennungssüchtige (fiktive) Schreiberling das Interesse seiner (fiktiven) Leser arrogant ab. Die Rezeption der schriftstellerischen Erzeugnisse Leo Richters wird zu einem großen Teil auf die Lesesituation beschränkt («Ihr Buch! was glauben Sie, wo ichs gelesen hab? Zwischen München und Brüssel!»); die (fiktiven) Leser bewundern den Schriftsteller, sind aber nicht in der Lage, inhaltlich über seine Texte zu sprechen.

Dieser Roman handelt auch von Figuren, die sich weigern, literarisch verwertet zu werden, wie etwa Elisabeth, die Freundin Leo Richters, die für Médecins sans frontières arbeitet und ihrem Schriftstellerfreund nichts von ihrer Tätigkeit erzählt, um nicht durch den literarischen Fleischwolf gedreht zu werden (zu spät: einige Geschichten später wird man gewahr, dass sie nie etwas anderes war als eine literarische Figur, was einem anfangs durch die Lappen ging, da man sich doch in die Geschichte reinziehen ließ). Mollwitz hingegen, der Gegenspieler von Elisabeth, möchte unbedingt einer literarischen Figur Modell stehen, weswegen er Leo Richter (erfolglos) verfolgt. Ach nein, doch nicht erfolglos, denn er IST ja eine literarische Figur …

Der Poetologie werden leider wichtige Details geopfert, weswegen das Lesevergnügen immer wieder leidet. So fragt man sich, warum Kehlmann unbedingt über Sex schreiben muss. Da werden Fingernägel in den Rücken geschlagen, Augen einwärts gedreht, Zähne in Schultern gebohrt, Hemdkragen zerrissen, es wird gemeinsam geatmet und eine Hand gleitet «hinab bis zu dem Punkt, der sie wimmern lässt wie in Verzweiflung oder Schmerz». Solche abgelutschten Phrasen hätte Herr Kehlmann sich sparen können.

Genug der Schelte. Der Roman liest sich trotz Abstrichen spannend, und Kapitel wie das über Mollwitz, der den Großteil seiner Lebenszeit in Internetforen verbringt, lesen sich wunderbar, da Kehlmann dieser Figur eine eigene Sprache gebastelt hat, die besser als jede Beschreibung zeigt, was für ein Typ dieser Mollwitz ist. Vermutlich hat der Hype um das Buch vor allem den Absatzzahlen gutgetan; leider wurden die Erwartungen dadurch so gesteigert, dass es – zu Unrecht – an den großen Werken der Literatur gemessen wird. Vergisst man diese Messlatte, wartet das Lesevergnügen.

Daniel Kehlmann, Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten, Rowohlt 2009

Kommentare

2 Anmerkungen to “Daniel Kehlmann, Ruhm [1]”

  1. Silberberg schreibt am Donnerstag, 5. März 2009

    Hallo Stein, hier sind wir wohltuend einer Meinung! Worüber ich mich allerdings beim Schreiben gewundert habe, und was auch in deinem Artikel zum Ausdruck kommt, ist, dass es so schwierig ist, vom berühmten und klugen Herrn Kehlmann zu abstrahieren. Kann es sein, dass man ihm automatisch – und das ist ja auch so eine alte Rezensentenkeule – zuviel Intelligenz und poetologisches Verständnis unterstellt? Der Mann hat sich halt diesbezüglich geäussert, der Mann kann halt auch Theorie und Literaturgeschichte – der Aufsatzband «Wo ist Carlos Montufar?» ist grossartig und neiderregend – und ist damit vielleicht per se verdächtig.

    Trotzdem: dein versöhnlicher Abschluss lässt es durchblicken, es ist halt «gut gemacht», wirkt aber im Vergleich zu einem «guten Roman» – den ich verlegenheitshalber mal «richtig fettes Erzählen» genannt habe, das sich selbst nicht preisgibt – wie Scharlatanerie. Aber anstelle mit solch unspezifischen Begriffen herumzuwerfen, ist es viel lohnender, so wie du es hier machst, einzelne (handwerkliche) Aspekte zu bestimmen: so wie in der tatsächlich grossartig kunstvollen Sprache von Mollwitz oder wie die indirekte Rede, die in meinen Augen das Erfolgsgeheimnis von «Die Vermessung der Welt» ist.

  2. Anja schreibt am Montag, 8. Juni 2009

    Immer, wenn ich zu positiveren Urteilen zu Büchern komme als MitgermanistInnen, fühle ich mich erstmal wie der grösste Banause … Aber, gerade an den Kritiken zu diesem Kehlmann kann man schön sehen, inwieweit der eigene Lesetypus sich auf das Verdikt niederschlägt.

    Ich sage mal – und das dürft Ihr gerne als Kompliment verbuchen – dass wohl die Geartetheit Eurer Leselust und Lesewünsche ausschlaggebend dafür ist, dass Ihr «Ruhm» ein wenig abgekartet findet und mit einem zwinkernden Auge an der Grenze zur poetischen Scharlatanerie verortet. Denn würdet Ihr so lesen, wie ich das etwa tue, dann hättet Ihr den Mumm nicht, diesen Blog so fleissig zu beschreiben.

    Auf weiterhin gute Lese-, Schreib und Mussestunden!

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