Freitag, 24. November 2017

Henning Mankell, Der Chinese

mankell_chineseEin Abgesang
Ich habe sie verschlungen: «Mörder ohne Gesicht», Die weiße Löwin», «Die Brandmauer», «Die fünfte Frau», «Die falsche Fährte», «Tiefe». Ich mochte diese Krimis. Gnädig sah ich über Wallanders deprimiertes Gemüt und sein Alles-wird-immer-schlimmer-Gerede hinweg, denn die Fälle, die es zu lösen galt, waren spannend.

Ich brachte es nicht übers Herz, zu sagen: Das wars. Mankell hat alles geschrieben, was zu schreiben war. Es war schön. Nun ist es vorbei.

Ich las weiter: erst «Kennedys Hirn» und nun «Der Chinese». Und ich wurde enttäuscht.

1. Der Chinese ist zu lang. Die 600 Seiten der Hardcoverausgabe hätten locker auf 500, wenn nicht sogar noch weniger eingedampft werden können. Will ich wissen, dass die Richterin Birgitta Roslin, eine der Haupt(ermittler)figuren des Romans, keinen Sex mehr hat, weil ihr Mann nicht weiß, was er will? Nein! Ihr Seiten füllendes Nachdenken über ihr Leben interessiert mich die Bohne. Ich will einen Krimi lesen und nicht ständig, kaum wird es mal spannend, durch langwierige Gedankengänge über den Sinn des Lebens ausgebremst werden.

2. Im Chinesen werden zu oft für die Story unwichtige Details wiederholt. Vielleicht hofft der Autor, durch die Wiederholung von etwas, das zu Beginn eines Gedankengangs geäußert wurde, eine Klammer um einen Erzählabschnitt zu legen. Tatsächlich langweilt er dadurch nur.

3. Der Chinese weiß nicht so richtig, was er will. Obwohl spannend angelegt, ist man am Ende enttäuscht. Der Grund: Erst geht es um persönliche Rache, dann kommt plötzlich die Weltpolitik mit ins Spiel, ohne etwas mit dem ursprünglichen Fall zu tun zu haben.

4. Der Chinese ist nicht glaubwürdig. Ausgehend von einem furchtbaren Verbrechen, bei dem alle Bewohner eines kleinen schwedischen Dorfes ermodert werden, führt die Spur in die Vergangenheit und von dort aus wieder in die Erzählgegenwart, um das Motiv für die Morde zu begründen: Rache. Eine Rache, die über hundert Jahre später von einem Nachkommen ausgeführt wird? Psychologisch gesehen für mich nicht glaubwürdig.

5. Im Chinesen wird zu viel gesagt. Zur Kunst des Schreibens gehört es, dass im Leser Gefühle, Eindrücke, Erkenntnisse, Gedanken ausgelöst werden, ohne explizit benannt worden zu sein. Läuft einer mit gesenktem Kopf die Straße entlang, ist er traurig; läuft einer traurig die Straße entlang, ist es traurig.

6. Der Chinese hat eine Ermittlerfigur zu viel. Anfangs führt die Kommissarin Vivi Sunderberg die Ermittlungen, die ihr dann aber von der Richterin Birgitta Roslin aus der Hand genommen werden, die aus persönlichen Gründen (und es beschleicht einen das Gefühl: vielleicht auch aus Langeweile) auf eigene Faust ermittelt. Vivi verschwindet allmählich aus der Geschichte und darf nur noch angespannt ans Telefon kommen, wenn Birgitta ihr Fortschritte in der Ermittlung mitzuteilen hat. Dagegen wäre nichts einzuwenden, würde die Kommissarin nicht einen Tick zu ausführlich in die Geschichte eingeführt.

Zum Schluss würde ich eigentlich gerne noch etwas Positives schreiben. Irgendetwas muss mich nämlich bei der Stange gehalten haben, sonst hätte ich keine 600 Seiten hinter mich gebracht. Vielleicht war es einfach die Hoffnung, dass der Roman noch den Dreh bekommt. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Henning Mankell, Der Chinese, Paul Zsolnay Verlag 2008 (Original: Kinesen, 2008)

Kommentare

2 Anmerkungen to “Henning Mankell, Der Chinese”

  1. fw schreibt am Freitag, 13. März 2009

    wo ist das anmeldeformular für das zeugenschutzprogramm?

  2. Stein schreibt am Samstag, 14. März 2009

    Weil du das Buch gut fandest und nun Angst hast? Oder weil ich nun gefährlich lebe?

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