Freitag, 24. November 2017

Murat Uyurkulak, Zorn

Uyurkulak, ZornBerauschte Buchstaben
Ein tolles Buch. Ein verwirrendes Buch. Ein spannendes, lustiges, trauriges Buch, in dem man sich verlieren kann wie in einem Labyrinth, auf das man sich freuen kann wie auf einen Freund und dessen Buchstaben riechen, schmecken und leuchten, krachen und bluten, singen und lachen.

Eigentlich sollte man es gleich noch einmal lesen, sobald man es durch hat. Nicht, dass man es beim ersten Lesen nicht verstünde. Man versteht, aber man versteht auch nicht. Handlungsstränge werden miteinander verwoben, Geschichten werden erzählt, gedacht, aufgeschrieben, gelesen. Manchmal weiß man nicht genau, wessen Geschichte gerade erzählt wird und in welchem Zusammenhang sie mit dem großen Ganzen steht. Wenn Yusuf, einer der Hauptfiguren des Romans, der fast die ganze Zeit über mit dem Dichter, einer anderen Hauptfigur, im Zug fährt, am Ende sagt: «Hast du nicht gemerkt, wie viele Tode ich gestorben bin, um aus deinen Geschichten was zu machen und sie miteinander zu verbinden?», möchte man ihm gern auf die Schulter tippen und sagen: «Und wie viele Mühe ich erst aufgebracht habe, um einigermaßen die Übersicht in diesem Roman zu behalten!». Aber man sagt es dann doch nicht, denn irgendwie fand man wie von einer Zauberhand geleitet durch die feinen Verästelungen des verschachtelten Erzählgerüsts.

Im Mittelpunkt des Romans steht das Leben der Revolutionäre und der Gesellschaft, in der sie leben; die Ereignisse ranken sich um den Militärputsch vom 12. September 1980, der sich gegen Linke und Kommunisten richtete und in dessen Folge Tausende von Menschen zu politischen Gefangenen wurden, die man teilweise folterte oder sogar umbrachte. Um überhaupt zu verstehen, um was es geht, empfiehlt es sich, vorab das informative und ausführliche Nachwort von Jens Peter Laut zu lesen, ausgewiesener Experte in den Bereichen türkische Sprachen und türkische Literaturgeschichte und Mitherausgeber der Reihe «Türkische Bibliothek». Diese erscheint im Zürcher Unionsverlag und hat es sich zur Aufgabe gemacht, bedeutende literarische Werke, die zwischen 1900 und der Gegenwart erschienen sind, für das deutschsprachige Publikum zu erschließen.

Wer denn das Nachwort zum Vorwort gemacht hat, geht gut ausgerüstet auf eine wunderbare Reise, auf der er faszinierende Figuren kennenlernt (etwa Mehmet, der eines Tages das «Hotel Hoffnung» kaufen möchte mit seinem Lotteriegewinn und das Los seit fast zwei Jahren in seiner Brieftasche mit sich herumträgt, weil er «so viel Geld auf einmal nicht verkraftet», ohne sich bewusst zu sein, dass Lose nur ein Jahr gültig sind), viel Zug fährt, viel Gras raucht, unglaubliche Mengen an Alkohol konsumiert, viel döst und träumt, viel redet und liest. Uyurkulak schafft es nämlich, dass man während des Lesens immer wieder in die Geschichten hineingezogen wird und sich zeitweilig der Lesesituation entledigt. Das mag an seiner starken poetischen Sprache liegen, in der sich etwa «die Kälte wie eine Katze leckt», aber es mag auch an dem großen Taumel liegen, in den man als Leser spätestens nach der dritten Flasche Rakı gerät, und zum Ende hin findet man es ganz normal, dass Yusuf die Hälfte des Kirschsaftes in den Blumenkübel am Bahnhof schüttet, um die Saftpackung mit Gin aufzufüllen, obwohl er eigentlich was gegen seine Kopfschmerzen kaufen wollte.

Wer die zeitgenössische türkische Literatur kennenlernen will, lese dieses Buch. Und dann gleich weiter mit «Palast des Ostens» von Murathan Mungan und Hasan Ali Toptas´ «Die Schattenlosen». Man wird jenseits vom exotischen Bild des Morgenlandes eine herausfordernde und mitreißende türkische Literatur finden.

Murat Uyurkulak, Zorn, Unionsverlag 2008 (Original: Tol, 2002)

Kommentare

Eine Anmerkung to “Murat Uyurkulak, Zorn”

  1. Silberberg schreibt am Samstag, 9. Mai 2009

    Ein grossartiges Buch! Ganz grosses Kino! Oder, wie der Rezensent in der WOZ etwas präziser geschrieben hat: «‹Zorn› ist das aufregende Projekt einer Verwandlung von politischer in ästhetische Energie.» Das in meinen Augen eher verquatscht-pädagogische Nachwort beiseite gelassen, finde ich gerade faszinierend, dass sich die politische Situation der Türkei in den 1980er Jahren zumindest atmosphärisch auch demjenigen vermittelt, der mit der Historie nicht vertraut ist: durch die geballte Kraft der Sprache, die einem entgegenschlägt (ähnlich funktioniert gerade im Kino der Film «Il divo» von Paolo Sorrentino über die Andreotti-Jahre in Italien: die politischen Verflechtungen kann nur der Eingeweihte verfolgen, dennoch vermittelt sich das Klima, vielmehr: der Beat der damaligen Politik) Ein angry young man, der mit voller poetischer Kraft, energischem politischem Zort und sympathischen Mengen Alkohol phantastisch zu artikulieren weiss. Ich freu mich auf den zweiten Roman.

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