Freitag, 24. November 2017

Norbert Gstrein, Die Winter im Süden [1]

Gstrein_Die Winter im SüdenDas Zwischenmenschliche als Kampfhandlung
Dies ist eine Geschichte von Vater und Tochter. Sie haben sich zum letzten Mal Ende des Zweiten Weltkrieges gesehen, als sie mit ihrer Mutter aus Kroatien nach Österreich flüchtete. Seitdem glaubt sie, dass er tot ist. Er hat sie ein Leben lang in diesem Glauben gelassen … Können Vater und Tochter unter solchen Umständen wieder zueinander finden?

Der Vater, im Roman «der Alte» genannt, hat sich in den Wirren des zu Ende gehenden Zweiten Weltkrieges aus dem Staub gemacht. Anstatt Frau und Kind nach Österreich zu folgen, ging er ins Exil nach Argentinien. 1991, mit der Unabhängigkeit Kroatiens und dem Widererstarken des Faschismus, kehrt er in seine Heimat zurück. Zuvor heuert er Ludwig (einen ehemaligen österreichischen Polizisten jugoslawischer Herkunft, der in Argentinien über den Tod der geliebten Frau hinwegkommen will) als Fahrer und Leibwächter an. Ludwig beginnt mit Claudia, der jungen Ehefrau des Alten, eine Affäre.

Wie schreibt man über ein Buch, das von Begegnungen handelt, die nicht stattfinden? Vater und Tochter etwa begegnen sich nicht, obwohl beide von der Existenz des anderen wissen, nachdem der Alte nach Kroatien zurückgekehrt ist. Jede Figur dieses Romans sehnt sich nach Nähe, sie alle scheitern an sich selbst und dem anderen. Der Alte findet keinen Zugang zu seinen Töchtern aus zweiter Ehe, Marija nicht zu ihrer Tochter, nicht zu ihrem Mann und zu ihrem Geliebten. Viel wird über das Leben reflektiert, durch die Seiten spinnt sich eine nachdenkliche und reuevolle Stimmung. Der Zweite Weltkrieg und der Krieg in Kroatien in den 1990er-Jahren drücken den Figuren ihren Stempel auf. Erzählt wird eine Familiengeschichte, obwohl man vergebens nach einer Familie sucht. Dies ist die Geschichte von einsamen Menschen, die nicht zueinander finden.

«It’s war, baby, it’s war», dieser Satz ist dem Buch vorangestellt und entpuppt sich als Leitmotiv: Das Zwischenmenschliche ist hier Kampfhandlung. So ist selten von liebevollen Begegnungen zwischen den Figuren zu erfahren. In der Regel treffen sich Ludwig und Claudia in der Kammer neben dem Schießraum zum schnellen Sex (Liebe im Keller), den haben sie aber schon auch mal in einem Hotelzimmer, in dem sich ein Schriftsteller umgebracht hat. Marija hat eine Affäre mit einem jungen Soldaten, der von Liebe keine Ahnung hat, sehr wohl dafür von Gewalt. Die Gründe für die Grausamkeiten werden jedoch nur angedeutet. Viel muss sich der Leser selbst zusammenreimen. Verrat und Gewalt ziehen sich durch das ganze Buch. Bestürzt folgt man dem Erzählstrang, der deprimieren würde, wenn einem auf sprachlicher Ebene nicht das Distanzhalten ermöglicht wäre.

Den Figuren kann man sich oft nur über den Konjunktiv nähern: Jemand steht da, als dächte er über etwas nach. Jemand sieht aus, als sei ihm nicht wohl. Hier wird viel vermutet und gedeutet. Der Leser umkreist die Figuren, doch immer wieder entziehen sie sich in die Uneindeutigkeit.

Der Figur des Alten will sich der Autor am wenigsten nähern. Wird Marija wenigstens eine personale Erzählperspektive zuteil, die ihre Gefühle und Gedanken ausdrückt, wird der Alte ausschließlich aus der Sicht Ludwigs beschrieben. Dieses Schweigen auf Erzählebene korrespondiert mit der Verschlossenheit des Alten. Vieles liegt im Dunkeln, die furchtbaren Taten, die er wohl begangen hat, werden nur angedeutet, im Vagen gelassen.

Mit «Bleiburg I und II» sind die Ordner beschriftet, die der Alte mit sich herumträgt. In Bleiburg in Kärnten ergab sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Führung der kroatischen Truppenverbände an die britische Besatzung. Sie wurden an die jugoslawische Volksbefreiungsarmee ausgeliefert, die von 1941 bis 1945 gegen die faschistischen Besatzermächte und Gruppierungen im eigenen Land gekämpft hatte. Es kam zu massenhaften Exekutierungen. Nach seiner Rückkehr nach Kroatien engagiert der Alte eine Historikerin, die ihm die dreckige Wäsche sauber wäscht. Die Begriffe «Täter» und «Opfer» wollen einem angesichts des Massenmordes, der damals mit dem Wissen der Besatzungsmacht an den kroatischen Truppenverbänden verübt wurde, nicht über die Lippen kommen – auch wenn diese selbst Gräueltaten verübten.

Dies erfährt der Leser allerdings so nicht. Der Roman präsentiert keine Geschichte – Geschichte sei hier auch im historischen Sinn verstanden. Durch ein Mosaik an Andeutungen, Erinnerungen und Wahrnehmungen setzt sich ein Bild zusammen, dessen Lücken der Leser allein füllen muss. Man löst nicht alle Rätsel dieses Buches, nicht zuletzt bewahrt der Titel ein Stück Geheimnis, wenn man auch weiß, dass sie dem Alten verhasst sind: «Die Winter im Süden sind schrecklich.»

Norbert Gstrein, Die Winter im Süden, Carl Hanser Verlag 2008

Kommentare

Eine Anmerkung to “Norbert Gstrein, Die Winter im Süden [1]”

  1. Buchfanista schreibt am Donnerstag, 31. Mai 2012

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