Montag, 23. Oktober 2017

Auf dem Sofa: April 2009

1. April: ELSE LASKER-SCHÜLER: BRIEFE 1937–1940 (bearbeitet von Karl Jürgen Skrodki und Andreas B. Kilcher, Bd. 10 der Werkausgabe, Jüdischer Verlag 2009). Heute sind die Fahnen gekommen, 26 Bögen. 606 Seiten, davon die Hälfte Anmerkungen. Eine Heidenarbeit. Und nach der Lektüre von Editorischer Notiz und einigen der ersten Briefe zu urteilen, wohl auch kein ganz großes Vergnügen. Nun muss ich aber erst mal weitere Bücher herbeiholen, die etwas Hintergrund für die Lebensphase geben, den Marbacher Katalog und die Rowohlt-Monographie. Ein interessanter Aspekt, neben dem Inhaltlichen, das biographischen Aufschluss gibt, ist das Formal-Besondere der Briefe, der ELSE-LASKER-SCHÜLER-Ton zwischen poetischer Traumverlorenheit und Hyperrealität, denn vieles erkennt sie klarer als jemand, der mit beiden Beinen im Leben steht, wie es immer heißt, und dem gerade deshalb der notwendige Abstand fehlt, um zu erkennen, was dieses Leben ist. Und dann, wegen LASKER-SCHÜLER und ihrem Alter Ego PRINZ JUSSUF, am 16. April, die BIBEL, im ALTEN TESTAMENT wieder mal die Joseph-Geschichte, und ich war erstaunt, wie einfühlsam vom Leid Jakobs um seinen verlorenen Sohn erzählt wird (den Ton hat THOMAS MANN nicht erfunden). Las das mit Gedanken an GERTRUDE STEINs ERZÄHLEN, worin sie sagt, dass in der BIBEL ohne Anfang, Mitte und Ende erzählt werde – und das stimmt, es ist, trotz der Folgerichtigkeit, narrativen Kausalität, hier doch immer ein Zugleich. Die OFFENBARUNG DES JOHANNES – die ich wieder nicht zu Ende brachte, so öde, so an den Haaren herbeigezogene Bilder – und was soll ich mit einem allmächtigen Gott, der solchen Budenzauber braucht? Das kann ich nicht ernst nehmen, und wenn nicht ernst, was dann? Dann ist’s zu schlecht geschrieben.
7./8./14. April: KWAME ANTHONY APPIAH: DER KOSMOPOLIT. PHILOSOPHIE DES WELTBÜRGERTTUMS (C. H. BECK Tb. 2009). Das Buch erschien bereits vor zwei Jahren als Hardcover, und so finden sich hinten auf dem Einband wie üblich zwei, drei lobende Stimmen, unter anderem aus dem „Nouvel Observateur“ dieses Zitat: „Einer der 25 wichtigsten Denker unserer Zeit.“ Verlage sollten etwas zurückhaltender bei der Auswahl ihrer buchanpreisenden Zitate sein – denn welche Erwartungen wecken sie? Das Buch ist dann zwar ganz schön, aber doch nicht atemberaubend, wie man nach dieser Empfehlung erwartet, es ist leider auch ziemlich geschwätzig, an vielen, zu vielen Stellen ein Plaudern aus dem Nähkästchen der eigenen Herkunft, des Familien- und Privatlebens, was vielleicht typisch ist für amerikanische Populärphilosophie. Es soll Unmittelbarkeit herstellen, Einfühlung ermöglichen, wirkt aber anbiedernd und geschwätzig. Ich hätte gern gute, klare Sätze zum Thema Kosmopolitismus, seiner Herkunft, Geschichte und gegenwärtigen Verfassung, und das in stringenterer Durchführung. Aber einiges Nachdenkenswerte findet sich auch, so die schlüssig dargestellte Gewissheit, dass Verständigung, ja sogar gemeinsames Handeln trotz unterschiedlicher Werte möglich ist: denn nicht über die Werte muss Einigkeit erzielt werden, sondern über das Tun.
2. April: EDWIN REDSLOB: GEMÄLDEGALERIE BERLIN-DAHLEM. EHEMALS KAISER-FRIEDRICH-MUSEUM (R. Löwit Wiesbaden, Holle Verlag Baden-Baden o. J.). Ein Prachtband, mit eingeklebten Farbtafeln und einem ausklappbaren Verzeichnis in Zweifarbdruck (schwarz, rot, was ich liebe!); 168 Bildtafeln s/w und farbig, in dickes graues Leinen gebunden – hier, in meiner Schreibklausur, nun mein täglicher Gang durch die Gemäldegalerie. Jetzt vor Ostern die Doppelseite mit KONRAD WITZCHRISTUS AM KREUZ (1. Hälfte 15. Jh., s/w) und CHRISTUS AM KREUZ ZWISCHEN MARIA UND JOHANNES (um 1430, farbig) von HUBERT und JAN VAN EYCK aufgeschlagen, vor drei weißen Kerzen. Woran glaube ich? An Erlösung durch die Kunst?
10./14. April: RALF DAHRENDORF: ÜBER GRENZEN – LEBENSERINNERUNGEN (Fischer Tb. 2004). Ziemlich eitel, andererseits mit aufgesetzter Bescheidenheit kokettierend, dass und wie ihm dieses und jenes gerade so/noch gelungen sei. Macht die Lektüre alles in allem unerfreulich. Aber im ersten Kapitel die Bemerkung: „Was mich betrifft, so bin ich in Wahrheit immer achtundzwanzig gewesen und werde das wohl auch für den Rest meiner Tage bleiben.“ Er zitiert dann, um die Bedeutung der 28 zu erklären (nicht mehr Mittzwanziger, noch nicht im 30. Jahr oder gar schon 30, da erwachen die Zweifel), aus INGEBORG BACHMANNs Erzählung – und ich fragte mich, da INGEBORG BACHMANN doch so offensichtlich von sich selbst spricht, weshalb die Figur bei ihr dann männlich ist (ja, das Ernstgenommenwerdenwollen durch die rezeptionsentscheidenden Männer – Kritiker, Redakteure, Jurymitglieder etc., die männliche Öffentlichkeit, die weibliche Privatheit), durch ein Umschreiben der ganzen Erzählung, Verwandlung des „Er“ in ein „Sie“ – was würde man dann sehen? Die Sprache bei DAHRENDORF geht einem allzu oft auf die Nerven, Zierereien: „Ingredienzen für einfache Mahlzeiten“; dann tritt ein Wirt auf, „der uns habhaftes Essen und betörenden Wein kredenzte“; und alles ist einfach und heiter (wie es ganz gewiss nicht wahr) – über seine erste Frau: „Hin und wieder gab es grund- und hoffnungslose Streitereien, die sich dann in nichts auflösten . . .“ – so grundlos werden sie nicht gewesen sein, immerhin haben beide bald getrennt voneinander gelebt, hatten Affären, haben sich nach kurzer Zeit voneinander scheiden lassen. Und ein merkwürdiger Eindruck bleibt nach dem Ganzen zurück: Wenn jemand so sehr Überflieger war, genial, weshalb findet sich dann davon nahezu nichts in diesem Buch? (Und die Gedichte, die er abzudrucken nicht unterlassen konnte, zeigen vor allem: Ambitioniertheit, nicht Genie – der Ehrgeiz bringt oft weiter als Begabung). Aber, um auch was Gutes zu vermerken, es stellt sich was ein beim Lesen: Ansporn zum Tun. Und das ist schließlich nicht wenig. Und das Kapitel zu HORKHEIMER/ADORNO und dem Frankfurter Institut für Sozialforschung ist böse und amüsant.
18. April: DIETMAR DATH: WAFFENWETTER (Roman, Suhrkamp 2007). Ganz gut, erfrischender Stil, aber nach hundert Seiten weiß man, wie’s ist, muss das nicht zu Ende lesen. Erstaunlich sein Einfühlungsvermögen in eine junge Frau, Abiturientin. Was ich nicht verstehe: Warum die Handlung jetzt wieder mit diesem Großvater aufgemotzt werden muss, Kommunist, Millionär, Verschwörungstheoretiker, der mit seiner Enkelin das HAARP, die größte Hochfrequenzanlage der Welt, ein Militärgeheimprojekt der Amerikaner in der Nähe des magnetischen Nordpols, erkunden will. Ist unsere Gegenwart so langweilig, dass man als Autor zu solchen Konstruktionen greifen muss, um sein Buch interessant zu machen? Ja, es sollte mehr werden als ein Coming-of-Age-Roman, nicht nur noch die Stimmen, Gedanken der Eltern, der Lehrer, sondern was Großes, Welt(rüstungs)politik. Aber ist es gelungen? Aus dem Buch nehme ich ein Wort mit: Medienbohemien.

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