Montag, 23. Oktober 2017

Christoph Schneider, Rilke sieht fern

Umschlag_Schneider.inddMit Haltung fern sehen
Fast jeder tut es, meistens ein bisschen verschämt, und ohne schlechtes Gewissen tagsüber nur, wenn draußen ein Schneesturm tobt und ohnehin alles egal ist oder man todkrank im Bett liegt. Eigentlich soll man es nicht länger als eine Stunde am Tag tun und wenn es schon sein muss Arte und 3Sat statt RTL und VOX. «Was hast du gestern gemacht?» – «Bin vor der Glotze versumpft.» Was Langweiligeres gibt es nicht! Falsch, beweist uns Christoph Schneider, leidenschaftlicher Fernsehgucker, kluger Beobachter und amüsanter Kommentator unterschiedlichster TV-Formate.

Zwar sind die Zeiten schon lange vorbei, in denen Menschen sich fein angezogen haben um fernzusehen (falls es sie je gegeben hat). Dennoch kann man auch in Zuhauseklamotten vor dem Fernseher Haltung bewahren. Und Haltung, das merke sich jeder Verteufler der bewegten Bilder, ist nicht abhängig von Inhalten. Es ist nämlich leicht, intelligent über den Themenabend zu Albert Einstein zu referieren. Die richtige Kunst jedoch fängt erst da an, wo es einem schwer gemacht wird. Schneider, dem egal ist, ob Humor frei- oder unfreiwillig produziert ist, zappt sich quer durch das Programm. Er schaut «Marienhof», «Benissimo», «Türkisch für Anfänger», «Beckmann», «Das perfekte Dinner», «Die Super Nanny», «Forsthaus Falkenau», «Wetten, dass …», «Fußballeuropameisterschaften 2008″, «Kriminalfälle – Wenn Frauen töten» und vieles mehr.

Dabei hat er nicht nur Freude am Schreiben über alberne, dumme und ähnliche Inhalte, sondern auch am Loben, etwa die Sendung «O Tempora – Kulturzeit extra», bei der er sich eine «infectio viralis latinae» (eine leichte lateinische Infektion) zugezogen hat, weil die Sendung ganz in der antiken Sprache gehalten wurde. Er würdigt ihre Gegenwartstauglichkeit (Mickeymouse-Ohren wurden zu «auriculae micaelis muris») und erweitert seinen Sprachschatz um den schönen Satz «Praesentis aetatis gladiatores Poldi et Schweini appellantur».

Als passionierte «Tatort»-Guckerin vermisse ich in diesem Band einen entsprechenden Beitrag, aber vielleicht hat das auch sein Gutes, würde ich doch nur schwer Kritik am geliebten Objekt ertragen. Dabei geht es Schneider nicht unbedingt darum, etwa ersichtlich im Fall seines Textes über die Sendung «Alfredissimo», gewidmet dem «alten Zecher», der den Weißwein «sehr schön» findet und «lang schon und jedenfalls zu lang» in dieser Sendung kocht. Manche «sprachlichen Juckreize» jedoch treiben ihn zur Weißglut, etwa das Wörtchen «pur (…) wenn es hinter einem Hauptwort steht und aufgeblasen (ist) zum Superlativ»: Sonne pur, Natur pur, Spaß pur, Romantik pur, Literatur pur. Warum hasst er dieses Wort? «Vielleicht weil es am langweiligsten ist, wo es pur zugeht (…). Weil es jeden Begriff (außer vielleicht einige Alkoholika) reduziert auf eine banale Vorstellung davon und weil es so hässlich klingt, dass man fast Ausschlag bekommt.»

Die Televisionen in diesem Buch sind als Kolumne im Zürcher Tages-Anzeiger erschienen, in dem Christoph Schneider weiterhin über Sinn und Unsinn von bewegten Bildern schreibt.

Christoph Schneider, Rilke sieht fern. Notizen aus dem Fernsehsessel, Elster Verlagsbuchhandlung AG 2009

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