Montag, 11. Dezember 2017

Leseüberblicke und der Wunsch, nie zu müde zu sein

Irgendwann hatte ich angefangen mir einzureden, ich müsse in der eigenen Lektüre  Überblicke herstellen. Nun aber mal Balladen. Oder: Wiener Moderne. DAS WERK von Thomas Pynchon. Im Fokussieren auf ein Genre, eine Nationalliteratur, eine Epoche oder einen Autor schien mir das Lesen gewissermassen einen Extrawert zu bekommen. Bildungsambitionen und Vergesslichkeitsgründe waren nur zwei Elemente dieser fixen Idee. Wesentlicher noch schien mir eine Würdigung des Buches unter seinesgleichen zu sein. Anstelle in rüder Konsumentenmanier eins nach dem anderen wegzuhauen, sollten sie sich in guter Gesellschaft finden, historisch, formal oder qualitativ sorgsam eins auf das andere bezogen und miteinander in Kontakt stehend – nicht isoliert und allein auf dem Meer beliebiger Lesegier.

Ohne dass ich angeben könnte, was ich denn mit einem solch formidablen Überblick anfangen wollte, der ohnehin wieder nur Ausschnitt eines viel grösseren Kosmos hätte sein können, ist dieser Wunsch, noch unklarer als früher, präsent geblieben. Vielleicht stelle ich es mir einfach immer noch schön vor, umfassend über „die österreichische Literatur der Jahrhundertwende“ berichten zu können. Wahrscheinlich euphorisiert mich noch immer die Idee, „das Werk“ Anthony Burgess’ zitieren zu können.

Doch anhand der Lektüren der letzten Jahre lässt sich mühelos das Scheitern des Projekts mitverfolgen. Es geht immer zwei oder drei Bücher lang gut, dann bricht der Plan zusammen bzw. ein kontextfremdes Buch ein und ein zielloser Strudel gefrässiger Lesewut trägt alles mit sich fort.

Das augenblickliche Projekt, ausgelöst durch die Begeisterung eines Freundes, gegründet in den Gesichtern von Robert Redford und Mia Farrow in The Great Gatsby, inspiriert vom Begriff Jazz Age, dem er angeblich zu seinem literarischen Ausdruck verholfen hat („a generation grown up to find all Gods dead, all wars fought, all faiths in man shaken“), zum Kaufen angetrieben durch die eigentümlich gestaltete Reihe der Penguin Modern Classics, auf deren nebeligen Covern mysteriöse Frauen mit tiefdunklen Lippen, Cocktailglas und/oder Strohhut abgebildet sind, lautete: F. Scott Fitzgerald.

Es reichte für Tender is the night und The beautiful and damned. Dann kamen ungeplant, unangekündigt und dennoch mit unmittelbarer Dringlichkeit Richard Yates, Zeiten des Aufruhrs, Verena Rossbacher, Verlangen nach Drachen und William Faulkner, Light in August. Man kann noch ein kleines Ringen erkennen, es, wenn schon nicht bei F. Scott Fitzgerald, so doch wenigstens bei den Amerikanern zu belassen (zwischen 1920-1940 bitte?). Aber schon ist es zu spät, und es haben sich Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän, und der lettische Nationaldichter Janis Rainis und sein Epos Der Sonnenthron dazwischen geschoben.

Ist das nicht ärgerlich? Ist das nicht grossartig? Buch für Buch wie Klippen im Bach: abwarten, abwägen, aussuchen bzw. vorwärts gestossen von dem in einer unaufhörlichen Lesebewegung sich befindenden Körper, springen, springen, springen. Die Verbindung liegt offenbar nicht im vorher abgesteckten Kontext, sondern in biographischen Zufälligkeiten (es war das Buch, das neben dem anderen im Regal der Bibliothek stand): das Lesen ist eine furchterregend kontingente Angelegenheit.

Und doch nicht ganz, indem sich die scheinbar beliebigen Stücke des Gelesenen zu neuen Zusammenhängen fügen, wenngleich sie alles andere als jenen ersehnten Überblick generieren. Im Gegenteil führen sie tiefer hinein: nicht nur ins unübersichtliche Dickicht eigener Lebenssehnsüchte und -ängste, sondern auch in ein Verständnis von dem, was Literatur kann und – nein, da gibt es keine schön zu formulierenden Ergebnisse und Erkenntnisse, gegen die sich die Lektüre doch so beständig und hartnäckig verweigert. Vielleicht aber entwickelt sich aber zwischen der kontingenten Masse der auf dem Nachttisch geparkten Bücher ein allen Überblicken abholdes Sensorium für ein Eigentümliches des jeweiligen Buches: angefangen beim Cover, dem Exlibris eines Vorlesers, der Lücke im kleinen Fotoband Scott Fitzgerald and his world von Arthur Mizener, wo jemand sorgsam das eines der ersten Fotos von Fitzgerald und seiner Frau ausgeschnitten hat (nur die Bildunterschrift ist stehen geblieben: (Above) Fitzgerald and Zelda Sayre outside the Sayres` house in Montgomery, 1919).

Das geht weiter – um bei Fitzgerald zu bleiben! – bei den Schlüssen, die in den beiden gelesenen Büchern Leser und Protagonist in die Unendlichkeit katapultieren. In Tender is the night verschwindet Dick buchstäblich vor den Augen seiner Ex-Frau Nicole und des Lesers: „In the last letter she had from him he told her that he was practising in Geneva, N.Y., and she got the impression that he had settled down with some one to keep house for him. She looked up Geneva in an atlas and found it was in the heart of the Finger Lakes section and considered a pleasant place. Perhaps, so she liked to think, his career was biding this time, again like Grant`s in Galena; his latest note was post-marked from Hornell, N.Y., which is some distance from Geneva and a very small town; in any case he is almost certainly in that section of the country, in one town or the other.”

Sich so verkrümeln, dass die Bühne leer bleibt und der Staub unter dem letzten Scheinwerfer herunterrieselt (das ist es nun, was ich mir merken werde: wo war nur der Zusammenhang, Zeit, Ort, Namen, Handlung, psychologische Entwicklung?).

Und gleich noch einmal, in The beautiful and damned: Nachdem sich die ersten 100 Seiten mit der Schönheit und Exzentrik der Gloria Gilbert befasst haben, ihrer Wirkung auf Männer, nachdem der wie ein eleganter Kleiderbügel im Leben herumhängende Anthony Patch sie dann endlich errungen und geheiratet hat, nachdem beide sich allmählich in einem oberflächlichen Partyleben verlieren und Anthony zum Alkoholiker wird, nachdem dann die erwartete Erbschaft nicht eintrifft und aus dem einstigen Glamourpaar eine sich um 25-Cent-Stücke balgende, nahezu zerstörte Existenzform geworden ist, nachdem Anthony Lebensratgeber zu verticken versucht hat und betrunken mit nun etablierten Freunden Händel anfängt – nach diesem viele Buchseiten lang sich erstreckenden, immer zwangsläufiger eintretenden Verfall wird ihm nach einem jahrelangen Prozessverfahren das Erbe des Grossvaters doch noch zugesprochen. Aber da ist es vorbei. Auf einem Ozeandampfer Richtung Europa, eingehüllt in ein Plaid und mit einem Air von Wahnsinn, bestätigt sich Anthony, wie richtig sein „Kampf“ war: „Great tears stood in his eyes, and his voice was tremulous as he whispered to himself. ‚I showed them’, he was saying. `It was a hard fight, but I didn`t give up and I came through!”

Und noch ein Satz, irgendwo in einem der beiden Bücher, der mich nun auf den Strassen und den Gedanken des richtigen Lebens nicht loslässt: “It was a tradition between them that they should never be too tired for anything, and they found it made the days better on the whole and put the evenings more in order.”

Nur dieser Satz angestrichen im ganzen Buch, nur dieser Satz nun im Kopf.

Von Richard Yates` Zeiten des Aufruhrs ist nicht einmal ein Satz geblieben, sondern nur (oder: jedoch!) ein Gefühl und eine Ansicht. Das Gefühl, den eigenen Lebensweg auf keinen Fall als unumkehrbar, unausweichlich oder unveränderbar anzusehen. Auf jeden Fall  nach Paris zu gehen, koste es was es wolle. Und die Ansicht der in der Sonne aufblitzenden, eierschalenfarbenen, bonbonfarbenen, gewissermassen glasierten, gelierten, glänzenden Hausfassaden der Revolutionary Siedlung. Bei Verena Rossbacher wiederum freue ich mich zu sehen, wie die Rezensionen ins Schwimmen kommen, wenn sie zu beschreiben versuchen, worum es in Verlangen nach Drachen eigentlich geht – den Teufel werde ich tun, mich darauf einzulassen. Nehme vielmehr die lianendichte Konstruktion als Vorbild für die Gemachtheit und Machbarkeit literarischer Architektur mit in die Erinnerung und die Bestätigung einer schon oft gemachten Beobachtung, dass die guten Bücher in jeder Nacherzählung zu Hohlkörpern zu werden scheinen – „man“ kriegt „es“ nicht über die Inhaltsangabe zu fassen, müsste das Buch vielmehr Satz für Satz nachschreiben, damit kein Gran verloren geht. So ist das. Und auch zu Janis Rainis kann ich keinen klaren Gedanken fassen, stelle mir vielmehr die ganze Zeit vor, wie er 1893 August Bebel in Zürich getroffen hat und mit einem ganzen Gedankenkoffer voller sozialistischer Ideen zurückgekehrt ist in sein russisch-polnisch-baltischdeutsches Lettland (wer regierte da gerade wo?). Ich will gerne, kann mich aber nicht auf die Gedichte konzentrieren (wird „lettische Freiheitspoesie“ reichen?), stelle mir nur diese Szene vor, die mir das von proletarischen Kampfvokabeln aus allen Nähten platzende Nachwort des Verlags Volk&Welt 1974 ausmalt.

Wie sollen hier nur Überblicke entstehen? Alles unbrauchbar, unreproduzierbar. Liesse sich auf Basis dieser Erkenntnis nicht wenigstens schliessen mit einer funkelnden, durch die rhetorische Hintertür bugsierten Hymne auf die Anarchie des Lesens? Logo. Die Matsche im Kopf aus Jahrhunderten, Bildern, Sätzen, Eindrücken, Sprachmodalitäten, die sich nie mehr - versprochen: nie mehr! – in einen sinnigen Zusammenhang bringen lassen werden als das „eigentliche Wesen des Lesens“. Oder so ähnlich. Was fehlt, ist der beruhigende Überblick. Was bleibt, ist eine beunruhigende Melancholie darüber, was in dieser euphorisierenden, unheimlichen, gefrässigen Matsche Tag für Tag weggetragen wird.

Und die Beschwörung, der nun schon sich transfomierende Satz, doch bloss niemals zu müde zu sein.

Kommentare

Eine Anmerkung to “Leseüberblicke und der Wunsch, nie zu müde zu sein”

  1. Stein schreibt am Montag, 4. Mai 2009

    Mir geht es genauso: Je besser ein Buch, desto schwieriger, darüber zu sprechen oder zu schreiben. Denn eine gute Geschichte funktioniert nicht nur über die Handlung, sondern auch über Vor- und Rückblenden (an den richtigen Stellen), Spannung, Innensichten von Figuren und nicht zuletzt die Sprache eines Autors. Und wie will man jemandem erzählen, welche ganz bestimmte Wirkung ein Schriftsteller beispielsweise über das Weglassen von Relativsätzen erzeugt? Oder warum es so spannend ist für die Profilierung einer Figur, wenn diese einfach nur konfus im Halbschlaf über dies und jenes nachdenkt? Je besser ein Buch, auf desto mehr verschiedenen Ebenen spricht es uns an. Aber es erzeugt auch eine gewisse Hilflosigkeit. Jeder hat vermutlich schon einmal ein Buch gelesen, das so toll war, dass er am liebsten die besten Sätze ausgeschnitten und an die Wand geklebt hätte. Nur leider bringt das nichts …

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