Montag, 23. Oktober 2017

Masako Togawa, Schwestern der Nacht

Schwestern der NachtMörderisches aus dem Land der Kirschblüten
Wer hat schon einmal einen japanischen Krimi gelesen? Eben. Schön, dass der Krimi von Masako Togawa, 1963 veröffentlicht und 1990 im Goldmann Verlag publiziert, nun vom Unionsverlag wieder verlegt wird.

Ichiro Honda, gut aussehend und im besten Alter, führt nicht nur ein Doppel-, sondern ein Dreifachleben: Er verbringt die Wochenenden bei seiner Frau Taneko in Osaka. Unter der Woche arbeitet er in Tokio, wo er Dauergast in einem Hotel ist. Aber nicht nur. In einer geheim gehaltenen kleinen Wohnung bereitet er sich auf seine nächtliche Jagd vor: Er zieht ausgerüstet mit falscher Identität und fremdländischer Kleidung durch die Bars und Clubs der Stadt auf der Suche nach «Opfern». Anschließend hält er in einem «Jäger-Logbuch» den genauen Hergang fest, bevor er sich wieder umkleidet und in sein Hotelzimmer zum Schlafen geht. Auf diese Art ist scheinbar das klassische Profil eines Verbrechers gezeichnet, der sich aller möglicher Maskerade bedient, um sich vor Entdeckung zu schützen. Honda jedoch tut den Frauen nichts; zwar will er sexuell auf seine Kosten kommen und kümmert sich nicht darum, ob seine Bettgenossinnen Gefühle für ihn entwickeln, doch ist er ein guter Liebhaber und verfügt über ein feines Gespür für Stimmungen.

Hondas Verstellung mag einen merkwürdig anmuten, wird aber nachvollziehbar, wenn man die persönliche Situation des Frauenjägers und die gesellschaftlichen Konventionen bedenkt. In Gegenwart seiner Frau ist er impotent; ein traumatisches Erlebnis und ein missgestaltetes Kind, das kurz nach der Geburt starb, machen Sex unmöglich. Honda muss jedoch nach außen den Anschein des treuen Ehemannes aufrechterhalten, denn ein Skandal bedeutete nicht nur das Ende seiner Ehe, sondern auch Gefahr für sein berufliches Image.

Als sich eine junge Frau, im sechsten Monat schwanger, das Leben nimmt, wird sich jedoch sein Leben für immer verändern. Eine Unbekannte mit prägnantem Leberfleck durchstreift danach auf der Suche nach dem Verführer das Nachtleben Tokios und holt Erkundigungen über ihn ein. Als plötzlich Frauen ermordet werden, wird aus dem Jäger ein Gejagter. Alle Spuren führen zu ihm. Er zappelt im Netz einer subtil und raffiniert konstruierten Intrige; die Schwester der toten Schwangeren scheint ihre Rachepläne perfekt in die Tat umgesetzt zu haben. Scheint.

Nach der Verhaftung Hondas machen sich ein erfahrener Anwalt und sein Gehilfe auf die Suche nach der Wahrheit, denn sie glauben an Hondas Unschuld. Schritt für Schritt kommen sie der Wahrheit näher. Obwohl sich die Handlung auf ein paar Figuren konzentriert und die Auswahl an potenziellen Mördern nicht groß ist, bleibt die Spannungskurve bis zum Ende knackig. Und für den Überraschungseffekt, in dessen Genuss man schließlich kommt, lässt sich ein Leser doch gern an der Nase herumführen …

Obwohl zum großen Teil aus der männlichen Perspektive erzählt, handelt dieses Buch von Männern und Frauen gleichermaßen: dem Verhältnis zwischen den Geschlechtern, von Liebe, von Sex, von Wünschen und enttäuschten Hoffnungen. In einer ungekünstelten Sprache wird hier ein Psychogramm von Individuen entworfen, deren Verwicklung in eine Kriminalgeschichte eher Ausdruck seelischer Befindlichkeiten als Ausdruck verbrecherischer und detektivischer Triebe ist. Dank dieses zeitlosen Sujets hat sich diese Geschichte seit über 40 Jahren frisch gehalten.

Masako Togawa, Schwestern der Nacht, Unionsverlag 2009 (Original: Ryojin Nikki, 1963)

Kommentare

2 Anmerkungen to “Masako Togawa, Schwestern der Nacht”

  1. Silberberg schreibt am Donnerstag, 2. April 2009

    Schön, wie du dich buchstäblich in der Weltliteratur herumtreibst und ein Lob sei dem Unionsverlag für sein Bemühen um dieselbe. Weltliteratur also im Wortsinn verstanden und nicht in blödsinniger Kanonbedeutung. Wie leicht gerät man schliesslich auf die eingetrampelten europäischen Lesepfade – nein, so schlimm ist`s auch wieder nicht, aber leicht ist es jedenfalls nicht, sich selbst auf die Bücher zu stossen, die sich nicht rechts und links des kulturellen Weges mal eben so mitnehmen lassen. Aber ich gebe mir Mühe: lettische Gedichte von Janis Rainis liegen auf dem Nachttisch!

  2. Stein schreibt am Montag, 6. April 2009

    Darauf bin ich schon sehr gespannt!

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