Montag, 23. Oktober 2017

Max Frisch, Der Mensch erscheint im Holozän

frisch_holozanWas man weiss, wenn man liest
Was bedeutet Wissen in der Literatur? Wer darauf eine schlüssige Antwort weiss, bekommt Bier und ein Buchpaket. Schon das Genre Sachbuch stellt in diesem Zusammenhang eine schwierig zu bewältigende Herausforderung dar, obwohl das hier vermittelte Wissen vermeintlich objektiv, nachprüfbar und übersichtlich dargestellt ist. Bei einem Roman allerdings, der mit Fiktionen operiert, die jedoch ganz zweifellos ebenfalls empirisch wahr sein können, erscheint die simple Frage nach dem Wissen, das innerhalb dieser Fiktion vermittelt wird, unlösbar.In Max Frisch’ langer Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän wird die Kontingenz des Wissens und des zu Wissenden selbst zum Thema gemacht. Während in dem abgeschiedenen Tal im Tessin, in dem er lebt, unaufhörlich starker Regen niedergeht, rekapituliert der Rentner Herr Geiser buchstäblich sein Wissen. Einiges weiss er noch aus dem Kopf: den Satz des Pythagoras. Dass die menschlichen Zellen vornehmlich aus Wasser bestehen. Dass es im Tessin nie Vulkane gegeben hat. Die Fische schlafen nie. Die Summe der Energie ist konstant. Das All weitet sich aus. Diese Sätze schreibt Herr Geiser sich auf einen Zettel und heftet ihn mit Reissnägeln an die Wand. Die Wohnzimmerwand wird so allmählich zu einem Zettelwald, denn Herr Geiser schreibt auch Informationen aus seinem zwölfbändigen Brockhaus ab oder aus der Geschichte des Kantons Tessin. Auch den Goldenen Schnitt schaut er im Lexikon nach und rekonstruiert ihn dann mit Hilfe von Reissnagel, Faden und Bleistift: „Herr Geiser braucht im Augenblick keinen Goldenen Schnitt, aber Wissen beruhigt.“

Wissen beruhigt.

Draussen gehen unaufhörlich die Wassermassen nieder. Der Postbus fährt nicht mehr, der Strom fällt aus. Im Garten bricht die kleine Trockenmauer ein. Herr Geiser erhält noch einen Besuch von einem Astronomieprofessor, einem Sonnenforscher, der über Protuberanzen spricht und dann nicht wiederkommt. Das Gespräch mit einem Laien, das versteht Herr Geiser, ist nicht genügend inspirierend.

Wissen ist nicht jedem zugänglich.

Herr Geiser ist irritiert über die Disparatheit seines Wissens: „Wie Flut und Ebbe entstehen, wie Vulkane, wie Gebirge usw. hat Herr Geiser einmal gewusst. Wann sind die ersten Säugetiere entstanden? Stattdessen weiss man, wie viel Liter der Heizöltank fasst und wann der erste Postbus fährt, sofern die Strasse nicht gesperrt ist.“

Es gibt wichtiges, wertvolles Wissen und wichtiges, wertloses Wissen.

Es gibt auch Dinge, die im Lexikon nicht genügend verzeichnet sind, Donner zum Beispiel, und so entwickelt Herr Geiser auf Basis seiner eigenen Beobachtung sechzehn verschiedene Donner-Charakteristiken, den Plapper-Donner und den Kissen-Donner zum Beispiel, die er aber nicht aufschreibt.

Es gibt richtiges Wissen, das sich in Form von Lexika kollektiv durchsetzt und anderes, das Quatschwissen ist.

Manchmal fallen Hirnzellen aus, stellt Herr Geiser fest. Er kann nicht alle Tagesabläufe mehr rekonstruieren. Welcher Wochentag ist heute? Wie spät mag es sein? Es regnet noch immer. Herr Geiser schneidet nun Lexikonartikel aus, denn alles abzuschreiben ist für einen alten Mann auf die Dauer zu mühsam. Die Zettelwand ist mittlerweile reichlich bestückt: „Wo hängt die Auskunft über Mutationen, Chromosome etc.? Oft ist es zum Verzagen, Herr Geiser weiss genau, dass es einen Zettel gibt“.

Wissen muss organisiert sein, sonst ist es unauffindbar und damit wertlos.

Die Lesebrille ist zerbrochen. Herr Geiser weiss nicht mehr, warum er seinen Hut eigentlich aufhat. Und was er mit der Zange wollte. Mitten im Regen bricht er auf in die Berge. Kehrt wieder zurück. Schneidet Lexikonartikel mit der Nagelschere aus, erst nach einer Weile fällt ihm auf, dass er dann auf der Rückseite nicht minder aufschlussreiche Informationen zerstört.

Welches Wissen ist denn nun wichtig? „Manchmal fragt sich Herr Geiser, was er denn eigentlich wissen will, was er sich vom Wissen eigentlich verspricht.“

Der Rest ist Erosion. Herr Geiser weiss nicht mehr, wie er auf den Boden gelangt ist, er erinnert sich allerdings, dass der Postbus wieder fährt, an der Haustür hat es oft geklingelt, Herr Geiser sucht Klebeband, eine Schramme hat er nicht im Gesicht. Eingefügt ist ein Lexikonartikel über Schlaganfall, die Tochter steht im Mantel in der Küche, kocht Tee, hat Tränen im Gesicht. „Das Dorf steht unversehrt.“ Auf den letzten zwei Seiten erscheinen wieder die Sätze, die Herr Geiser seinem Dorf zugeordnet hat. Die Feigen werden nicht reif, aber die Trauben. Die Gletscher, die sich einmal bis Mailand erstreckt haben, sind im Rückzug. „Im August und im September, nachts, sind Sternschnuppen zu sehen oder man hört ein Käuzchen.“

So endet die Erzählung. Das Dorf hat die Wassermassen überstanden. Es steht noch immer, wie ein Gehäuse über der innen stattgefunden habenden Erosion des Herrn Geiser. Auf den letzten Seiten sind er und seine Beobachterperspektive verschwunden. Was bleibt, ist die Natur. Was bleibt, ist das Hausapotheken-Wissen der Sommerhausbesitzer. Die in den Fliesstext eingeschalteten Lexikonartikel hingegen, die hinten im Buch in einer ordentlichen Bibliographie nachgewiesen werden, offenbaren schon im Schriftbild ihr Veraltetsein, altdeutsche Schrift, Formulierungen von annodazumal. Wie lange gilt das vermeintliche gesicherte Wissen der Lexika? Wann wird Wissen lebendig im eigenen Kopf und steht im Zusammenhang mit dem eigenen Leben – wenn die Differenzierung von Donnerarten nicht gilt? Die kollektive Wissensansammlung (der Brockhaus) steht im Kontrast zum individuellen Wissen, so gerne Herr Geiser beides in Einklang bringen möchte. Im Verfall seines eigenen Gedächtnisses manifestiert sich die Relativität des als absolut begriffenen Wissens; dreissig Jahre nach Entstehung des Textes kann der Leser Verbindungslinien zwischen der draussen wütenden Natur, der drinnen wuchernden Zettelwand, den eingeschalteten Lexikonartikeln, der Erosion des Herrn Geiser und der Disposition des eigenen Kopfes ziehen und sich fragen, was wir wissen, wenn wir lesen.

Max Frisch, Der Mensch erscheint im Holozän, Suhrkamp 1981 (EA 1979)

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