Montag, 23. Oktober 2017

Natascha Wodin, Nachtgeschwister

nachtgeschwisterIch-Erzählerin gegen Helden
Eines der sinnvollen, mittlerweile fest verankerten literaturwissenschaftlichen Dogmen ist, dass Autorbiographie und literarischer Text voneinander zu trennen sind. Was immer man „als echt“ im Buch wieder zu erkennen vermeint, wie sehr man dem Autor mit penetranten Wie-ist-es-denn-nun-wirklich-gewesen-Fragen auf die private Pelle rücken möchte: es empfiehlt sich, die Schnauze zu halten. Ein literarischer Text ist ein literarischer Text ist ein literarischer Text. Und verdient es in jedem Fall, als solcher behandelt zu werden. Der vorliegende Roman von Natascha Wodin macht es allerdings beunruhigend schwer, dieses Dogma nicht über den Haufen zu werfen.

Sehr vordergründig geht es darin um eine Schriftstellerin ukrainischer Herkunft, die sich in die Gedichte eines Schriftstellers ostdeutscher Herkunft und schliesslich in diesen selbst verliebt. Sehr offensichtlich geht es darin um die Beziehung Natascha Wodins zu Wolfgang Hilbig, psychisch labiles enfant terrible der Vor- und Nachwendezeit, mit dem sie jahrelang unter schwierigsten Bedingungen zusammengelebt hat. Enthüllung! Skandal! Bettgeschichten! Nichts dergleichen, oder nur sehr wenig. Der Roman produziert keinen Voyeurismus: er ist nicht explizit genug, um die Frage nach dem „Wahrheitsgehalt“ einzelner Begebenheiten herauszufordern. Zugleich ist er so sorgsam auf die Innerlichkeitsperspektive der Ich-Erzählerin gegründet, dass neue biographische Aufschlüsse über das alkohol- und unsicherheitszerfressene Leben Hilbigs, der im Roman Jakob Stumm heisst, dadurch unmöglich werden. So intensiv das Auf und Ab der jahrzehntelangen Beziehung einerseits geschildert wird, die Versuche eines gemeinsamen Miteinanderlebens an verschiedenen Orten Deutschlands, das schliesslich in einem sprach- und liebelosen Nebeneinanderher in Berlin endet, so eigenartig hermetisch und bewegungslos verharrt der Roman zugleich im Beschreiben einer Befindlichkeit, für die sich in mehrfacher Hinsicht offenbar nichts mehr ausgedacht werden muss. Am Ende steht also nicht die lüsterne Frage nach biographischen Wahrheitsgehalten, sondern tatsächlich nach der Reichweite und Literarizität einer einzig um die persönliche Verletzung kreisenden Schilderung.

Wodin ist eine gute Schriftstellerin, die ihre Technik beherrscht. Sie erzählt sehr konzentriert, changierend zwischen gegenwärtiger Perspektive, in der die Ich-Erzählerin in Berlin zwischen ihrer Schlafwohnung mit Stumm und ihrer Arbeitswohnung ein paar Strassen weiter mit ihrer „Hinundhertasche“ pendelt, und den Rückblicken in die 1980er Jahre, als sie Stumm erst über seine Gedichte, dann während seines Stipendiatenaufenthaltes in Westdeutschland kennengelernt hat.

Wodin ist, in diesem Fall, gleichzeitig aber auch eine schlechte Schriftstellerin, da sie trotz ihrer disziplinierten Technik mit ihrem Stoff offensichtlich nicht umzugehen weiss, (noch) keine Übersetzung für das gefunden hat, was ihr widerfahren ist. Ungefiltert scheint man einen Befindlichkeitsbericht zu lesen, so als hätte ihr buchstäblich die Kraft gefehlt, „daraus“ „etwas“ zu machen. Beinahe rührend erscheint die Bezeichnungen «I-Strasse» und «M-Strasse», so als könne durch solche Kürzel eine Fiktion hergestellt werden, die der Roman sonst überall preiszugeben scheint. Das ist in Bezug auf die Frage, was Literatur ist, spannend (was würde mit dem Buch und der Lektüre passieren, wenn man «Jakob Stumm» durch „Wolfgang Hilbig“ ersetzen würde?), in Bezug  auf die permanente Opferrolle der Ich-Erzählerin ermüdend. Es ist ein Klagegesang über das, was ihr trotz unentwegter Hingabe widerfährt; eine Passivkonstruktion des Leidens und Mitleidens, die durch die disziplinierte Erzählhaltung noch verstärkt wird. Kurz, man ertappt sich bei dem Wunsch, lieber mal einen Satz wie „dieses verdammte Schwein!“ lesen zu wollen, anstelle von „Unsere Vergangenheit hatte uns zu dem gemacht, was wir waren, wir konnten beide nicht aus eigener Kraft leben, das war, neben dem Schreiben, unsere tiefste und innigste Gemeinsamkeit und zugleich die ganze Unmöglichkeit zwischen uns“.

Diesem Schreiben sind einige der schönsten Passagen gewidmet, wenn Wodin die Manie, die Totalität, die Kompromisslosigkeit schildert, mit der sich Jakob am Schreiben festklammert. Einen Küchentisch, eine Kanne Tee, einen Aschenbecher, eine Frau, die ihm minimal den Alltag organisiert und ihn am Leben erhält: mehr braucht er nicht. Früher schrieb er nachts am Küchentisch seiner Mutter, während er tagsüber in der Fabrik arbeitete, dann, als er plötzlich eine Tochter hatte, auf dem Klo, dem einzigen ruhigen Ort. Er rechnet seine Lebenszeit auf gegen das, was er noch schreiben will, er nennt die Ich-Erzählerin die „Vernichterin seiner Literatur“, wenn sie ihn um die kleinsten Gefallen bittet. Er will nichts von der Welt, als am Küchentisch sitzen und schreiben.

In diesen Passagen, so sehr er als unerträglicher Despot geschildert wird, gewinnt der Protagonist dennoch gegen seine Erzählerin: eine Urgewalt, ein Monstrum, das dennoch alle Faszination auf sich vereinigt. Er ist der Held des Buches. Und sie seine Chronistin. Und hier erweist sich Wodin wieder als eine gute Schriftstellerin, indem sie den Lebensvernichter gegen die Perspektive ihrer Ich-Erzählerin gewinnen lässt. Sie widersteht der Versuchung einer Abrechnung – die der Roman auch ist. Aber nicht in letzter Konsequenz. In letzter Konsequenz dominiert ihre unter Hochdruck zusammengehaltene Sprache, die Disziplin ihrer Erzählhaltung das offensichtlich zugrunde liegende Bedürfnis der Abrechnung. Und nur so, in Gestalt eines Romanhelden, nicht in einem Erfahrungsbericht oder einer Biographie («Mein Leben in der Hölle mit Wolfgang Hilbig»), kann sie ihn erscheinen lassen.  Auch wenn ihre Kraft nicht ausgereicht haben mag, ihre intensive biographische Erfahrung zu transponieren, mit Hilfe der Fiktion in neue Zusammenhänge zu stellen und damit jenseits der Biographie verhandelbar zu machen, so ist es ihr geglückt, ihrem Protagonisten scheinbar gegen den Willen ihrer verletzten und geschundenen Ich-Erzählerin seinen Nimbus zu erhalten. Sie gesteht ihm durch die Opferperspektive hindurch eine Verteidigung zu: etwas, was keine andere Textform auf diese Weise vermag. Am Ende hat man damit nicht nur das Befindlichkeitsdossier einer ganz gewöhnlichen Horrorbeziehung, sondern auch ein ihm angemessenes literarisches Psychogramm eines aussergewöhnlichen Schriftstellers.

Natascha Wodin, Nachtgeschwister, Verlag Antje Kunstmann 2009

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