Montag, 23. Oktober 2017

Clemens Meyer, Die Nacht, die Lichter. Stories

308_clemensmeyerVom Abgrund im Alltag
Seltsam, es passiert mir immer wieder. Da habe ich eine Woche frei, keine Arbeit, nichts, was man tun MUSS. Zeit für die schönen Dinge des Lebens. Sich treiben lassen. Nach dem Lustprinzip leben. Lesen. Warum aber fuhr ich nur mit einem einzigen Buch, Peter Temples «Spur ins Nichts», los? Eigentlich kenne ich die Antwort. Ich stand in der Buchhandlung und ging die Regale ab, hatte Bücher in der Hand und dachte, das wäre was, oder dachte, darüber habe ich doch in einer Rezension was gelesen. Aber ich konnte diese Bücher nicht kaufen, weil sich keine Leselust einstellen wollte.

Dafür griff ich im Ferienhaus im Süden in das Bücherregal und zog «Die Nacht, die Lichter» von Clemens Meyer heraus (danke, Nina!). Das Buch ist ein wenig gewellt und geknittert, vermutlich, weil es letzten Sommer eine Regedusche auf dem Balkon oder ein Bad im See genommen hat. Das Outfit steht dem Geschichtenband aber ganz gut, und auch die Coverabbildung (eine Bar, nachts, leere Gläser, eine Hand mit Zigarette) passt zum Inhalt. Obwohl ich im Moment erst bei der Geschichte «Von Hunden und Pferden» angelangt bin, die von Rolf und seinem Rottweiler-Dobermann Piet handelt, der unter Hüftgelenksdysplasie leidet und für 3000 Euro operiert werden könnte, was den arbeitslosen Rolf dazu bringt, bei Pferderennen zu wetten, bin ich bereits sehr angetan von Clemens Meyer (der gar nicht so viel älter ist als ich und dessen Formulierkunst ich etwas neidisch bewundere: das lernt man also am Deutschen Literaturinstitut Leipzig?).

Ich weiß nicht, ob es auch anderen so geht, aber ich habe das Bedürfnis, selbst zu schreiben, wenn ich in diesem Buch lese, was wohl nicht der schlechteste Effekt ist, den ein Schriftsteller auf seinen Leser haben kann. Meyers Sprache kommt so einfach und klar daher und es werden Dinge so treffend gesagt, ohne dass sie explizit ausgesprochen werden, dass man erst denkt, es sei ganz einfach, so zu schreiben, man muss doch «einfach» nur von dem schreiben, was man sieht und erlebt. Aber es ist nicht so einfach, was man schnell feststellt, wenn man selbst auf der Tastatur herumzutippen beginnt.

Ein wichtiges Merkmal der «Stories», die ich bisher gelesen habe, ist die Beschreibung des Alltäglichen. Es ist vielleicht nicht spannend, zu lesen, dass jemand auf den Aufzug wartet (der in der Geschichte Fahrstuhl heißt) und es «ding» macht («aber das ist irgendwo anders, und ich warte, und der Fahrstuhl kommt ganz leise, die Türen öffnen sich, und ich gehe rein. Keiner weiter drin, und auch kein Spiegel da, ich drücke auf ‹Erdgeschoss›, die Türen schließen sich, und wir fahren.»). Aber erstens ist sie dem Bewohner der modernen westlichen Zivilisation bekannt, die Tätigkeit des Fahrstuhlfahrens. Manche fahren mehrmals am Tag Fahrstuhl, und sie kennen das Knopfdrücken, das Warten, das Irgendwohintransportiertwerden. Es klingt ein wenig traurig, aber das Fahrstuhlfahren ist Teil unserer Erlebniswelt. Zweitens teilt diese kleine Szene etwas zwischen den Zeilen mit. Der Protagonist drückt sowohl auf den Knopf nach unten wie nach oben, obwohl er nach unten muss. Eigentlich aber will er nach oben, denn hielte ein Lift auf der Fahrt nach oben, müsste er erst nach oben fahren, um anschließend nach unten zu gelangen. Die Frage ist nur, wer da genau nach unten fährt. «Wir fahren», heißt es, dabei ist der Protagonist allein im Fahrstuhl, in dem es nicht mal sein Doppel gibt, weil der Spiegel fehlt. Christian, wie er genannt wird, obwohl er nicht so heißt, hat zwei Seiten oder zwei Persönlichkeiten: Eine, die will, und eine, die nicht kann. Eine Seite will das Leben auf die Reihe kriegen, eine Seite kann nicht die Wohnungstür öffnen, wenn es klingelt, und versäumt den Arbeitsamttermin.

Diese Szene soll nur als ein Beispiel genannt sein für Töne, die zwischen den Zeilen mitschwingen. Manchmal stolpert man über sie, manchmal liest man sie einfach so mit. Sie erzeugen eine ganz gewisse Stimmung. Es ist eine Stimmung aus Hoffnung, dass bessere Zeiten kommen könnten, und einer Gewissheit, dass sich nichts wirklich ändern wird. So auch bei diesem Protagonisten, über dessen pekuniäre Situation man bestens Bescheid weiß, wenn er darüber nachdenkt, dass er den Fahrschein auch für die Rückfahrt benutzen kann, wenn er früh aufs Arbeitsamt geht und nicht lange warten muss. Happy Ends sind ziemlich unwahrscheinlich in einer Welt, in der man im Monat von etwa 300 Euro Stütze leben muss. Daher wankt Rolf, der beim Pferderennen das Geld für die Operation seines Hundes gewonnen hat, zwar angedudelt und glücklich nach Hause, doch wird alles gut? «Und dann dachte er an Piet und lief weiter Richtung Stadtrand, Richtung Osten, wo er wohnte, und er sah nicht die drei Männer, die hinter ihm liefen.» Das wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein, denkt man, so was passiert im Märchen, aber nicht in Rolfs Leben.

(Einen Tag später.) Nun, da ich alle Geschichten gelesen habe, verfestigt sich ein Bild in meinem Kopf. Wenn Clemens Meyer ein Maler wäre, wäre er einer, der vor allem mit Primärfarben malt. Oder der Holzschnitte herstellt. Seine Sätze sind übersichtlich konstruiert; Schachtelsätze findet man kaum, ebenso wenig diffuse und/oder subtile Gefühle und Regungen à la Robert Musil. Seine Figuren sind einsam, aggressiv, traurig, nachdenklich; sie lieben und hassen, sie haben Zukunftsvisionen, Träume und Ängste. Meyers Geschichten sind gegenständlich, sie beschreiben die Realität, und sie tun das so gut, dass man sie vor dem inneren Auge sieht. Man versteht, warum die Dinge so sind, wie sie sind in diesen Geschichten.

Wenn in der letzten Geschichte, «Der alte Mann begräbt seine Tiere», Albrecht merkt, dass er Alzheimer bekommt (so zumindest deute ich den Satz «Nein, sie haben hier im Dorf geheiratet, im ‹Bauernglück›, wie konnte er das auch nur für einen Moment vergessen, aber er vergisst viel, und er weiß, dass das schlimmer werden wird.») und seine Hühner und den Hund nicht loswird (warum will er seine Tiere loswerden?), weil niemand sie will, kann man nachvollziehen (auch wenn man selbst nicht so handeln würde – oder würde man doch?), warum er sie tötet. Was sollte sonst aus den Tieren werden? Die Realität in dem Dorf, das allmählich ausstirbt, manifestiert sich in der Kneipe, in die kaum einer mehr geht, «seit die letzten Jungen vor Jahren das Dorf verlassen haben und die Alten auch langsam verschwinden». Allerdings bleibt auch diese Geschichte ein Stück weit rätselhaft. Wird sich der alte Mann umbringen, nachdem er seinen Hund erschossen hat? Er bittet nämlich denjenigen, der ihm seine Pistole leiht, das Magazin voll zu machen. Das Ende ist offen, der Leser kann die Geschichte selbst weiterdenken.

Clemens Meyer, Die Nacht, die Lichter, S. Fischer Verlag 2008

Kommentare

Einen Kommentar schreiben