Montag, 11. Dezember 2017

Geert Mak, Amsterdam. Biographie einer Stadt

mak_amsterdam Die Verführung war, nach dem Herumlaufen entlang der Grachten und dem faszinierten Betrachten der Patrizierporträts im Rijksmuseum, der Untertitel: Biographie einer Stadt. „Een kleine geschiedenis van Amsterdam“ hingegen, wie es das Original vorsieht, wäre in den mentalen Regalen bei Stadtplänen, Baedeckern, Polyglott und anderem Uninspirierten absortiert worden. So aber: Biographie einer Stadt. Man ist neugierig, wie das geht, die Biographie einer Stadt zu schreiben. Neugierig darauf, wie sich der Anspruch, etwas über eine Stadt zu erfahren, mit demjenigen, eine Geschichte lesen zu wollen, verbinden lässt. Gekauft.

Geert Mak erfüllt das Versprechen, eine Biographie zu schreiben. Das ist mehr, als nur die Physiognomie, die Topographie, die Geschichte einer Stadt: ein undefinierbares Mehr, das er von mehreren Seiten einkreist. Implizit erzählt er dabei davon, wie es ist und wie es jeder machen kann, sich seine Stadt zu erzählen: aus den Archiven heraus, den alten Büchern und den neuen Baugruben. 1994 sollten in einem Viertel hinter dem Nieuwezijds Kolk Luxuswohnungen und ein Parkhaus errichtet werden, zutage gefördert wurden dabei ein Kamin aus dem 14. Jhd., schliesslich unerwartet eine Mauer, die das Vorhandensein einer Burg an der Amstel ankündigte. Die sich daran anschliessenden Schilderungen der ersten Siedlungen um 1200 haben den meditativen Charakter, der allen Stadtgründungsbeschreibungen eignet: Schlamm, Trockenlegungen, Deiche bis zu den Dünen von Haarlem, Schleusen für die Schiffahrt – während derweil in Paris die erste Universität gegründet wurde, die Venezianer Handel mit dem Kaiser von China trieben. Mit den eingeflochtenen Beschreibungen, wie er alle paar Tage an der Baugrube vorbeiging, um die Entwicklungen zu verfolgen, schafft es Mak, die immerwährende Präsenz der Stadtgeschichte auch hinter rotweissen Absperrbändern deutlich zu machen. Gleichzeitig versteht man, wieso sich die Amsterdamer bis heute ungeniert ins Wohnzimmer gucken lassen: entsprechend der Bauweise der ersten Steinhäuser, in denen ein Binnenherd und ein zur Strasse hin offener Raum das Wohnen strukturierte.

Neben diesen Do-it-yourself-Implikationen gelingt es Mak, Stadtgeschichte auch durch die Imagination sinnlicher Eindrücke um 1300 oder 1500 lebendig werden zu lassen: an die Geräusche, die Dunkelheit, wie im 14. Jhd. draussen im IJ auf einmal die Masten der neu erfundenen Koggen zu sehen waren, die Amsterdam mit Friesland verbanden und bald am Machtbereich der Hanse vorbeioperieren liessen. Und wie Ende des 19. Jhd. durch den Bau des Hauptbahnhofs – mit Rijksmuseum und Concertgebouw eines der wenigen monumentalen Gründerzeitbauten, von denen Paris, Wien oder London in jener Zeit nicht genug kriegen konnten – Amsterdam mit einem Schlag vom jahrhundertealten Zugang zur See abgeschnitten war; es war keine Wasserstadt mehr, „das herrliche Panorama dieser Stadt, dieses drei Kilometer lange Funkeln von Masten, Kirchen und Kaufmannshäusern, war endgültig dahin.“ Der Reisende, der heute aus diesem Hauptbahnhof in die Stadt tritt, steht mit dem Rücken zur See.

Auch das dritte Element einer Stadtbiographie, die Erzählung von Einzelschicksalen, beherrscht Mak virtuos, indem er immer wieder Individuen zu Wort kommen lässt und sie ein kleines Stück begleitet. Die traurige Geschichte der Dienstmagd Elsje Christiaens, die wie tausend andere auf der Suche nach Arbeit in das prosperierende Amsterdam des Goldenen Zeitalters gekommen war, genau wie die von Rembrandt, der sie 1664 nach ihrer Hinrichtung am Galgen zeichnete. Zu der Zeit war Rembrandts Ruhm schon vorbei: die wilde Ehe mit Hendrickje Stoffels, nicht eingelöste Porträtversprechen, die verzweifelte Versteigerung von Gemälden und Besitztümern in einem Gasthof in der Kalverstraat – schliesslich musste er Konkurs anmelden. Mak erzählt vom verschreckten Amsterdamer Kaufmann und Tagebuchschreiber Jakob Bicker Raye, der gleichzeitig das bräsige und verarmende Amsterdam des 18. Jhd. dokumentierte, nachdem es im Katastrophenjahr 1672 von Frankreich, England, den Bistümern Münster und Köln gleichzeitig angegriffen worden war, die nicht nur die ökonomische Überlegenheit, sondern auch das damals schon ausgesprochen tolerante Holland satt hatten: „Die Mentalität des unbändigen, prosaischen Holland stand im krassen Gegensatz zur Ordnung und Unterwerfung, die die absoluten Herrscher gewöhnt waren. Und nicht nur das, man befürchtete, dass sich die Anarchie ‚über die Erde verbreiten’ würde ‚wie Unkraut’.“

Mak erzählt und Mak  liefert Zahlen, ebenfalls in unaufdringlicher Manier, die jedoch die vierte Seite einer Stadtbiographie sind: im Guten, also im goldenen 17. Jahrhundert, wo sich die Einwohnerzahl binnen 50 Jahren mehr als verdreifachte. Und im Schlechten, bei der Deportation der Amsterdamer Juden, deren Zahl sich nach der Befreiung von 80.000 auf 5000 dezimiert hatte – nicht zuletzt Dank des minutiösen Einsatzes der holländischen Polizei, deren Hörigkeit gegenüber dem deutschen Regime Mak nicht verschweigt. Trotz des kurzen Februaraufstandes 1941, währenddessen sich insbesondere die Arbeiter mit ihren jüdischen Kollegen solidarisierten und es zu gewaltsamen Ausschreitungen gegen den niederländischen Arm der SS, die NBS, kam, erliegt Mak nicht der Gefahr der Idealisierung des Widerstandes, mit der Holland – ähnlich wie Italien und Frankreich – zum Teil bis heute über die Menge der Kollaborateure in den eigenen Reihen hinwegzusehen versucht. Nüchtern berichtet er von den Eisenbahnbeamten, die die Züge nach Auschwitz abfertigten und konstatiert: „Insgesamt haben achtundneunzig Deportationszüge mit gut hunderttausend Personen ohne einen einzigen Zwischenfall die Niederlande verlassen können.“  Und das in einer Stadt, in der die Juden freier und ungestörter hatten leben können als in irgendeiner anderen europäischen Grossstadt.

In der Schilderung der deutschen Besetzung vom 10. Mai 1940 bis Kriegsende und der damit einhergehenden Spaltung der Bevölkerung spürt man den Schock, der das über die Jahrhunderte von Kriegen nahezu verschonte Amsterdam ergriffen haben musste – eine Stadt, welche über Jahrhunderte den Idealen der Aufklärung verpflichtet geblieben war, die jahrhundertelang von vier Bürgermeistern regiert und keinerlei Erfahrung mit absolutistischen Herrschern gemacht, die die eigene Neutralität über alles gestellt und den Handel mit der ganzen Welt als oberste Maxime begriffen hatte:  Es gebe „in dieser grossen Stadt“, zitiert Mak einen Brief Descartes an Balzac, „ausser mir keinen Menschen, der nicht Handel triebe, jeder derart auf seinen Nutzen bedacht, dass ich mein ganzes Leben hier bleiben könnte, ohne je von jemandem aufgesucht zu werden.“

Die Mentalität der Amsterdamer bildet dabei die Grundierung der von Mak virtuos zusammengeführten einzelnen Elemente der Stadtbiographie: eine Mentalität, die er im Vorwort der Monumentalität anderer europäischer Grossstädte gegenüberstellt: Amsterdam sei, schreibt Mak, „beinahe das fleischgewordene Anti-Monument“. Ein Anti-Monument und damit ein Zeugnis für die vom Amsterdamer Mak beschworene Mentalität ist auch diese Biographie: ein differenziertes, gelassenes und kluges Buch.

Geert Mak, Amsterdam. Biographie einer Stadt, btb 2006 (Original: «Een kleine geschiedenis van Amsterdam», Uitgeverij ATLAS 1994)

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