Montag, 23. Oktober 2017

Jef Geeraerts, Der Generalstaatsanwalt

generalstaatsanwaltEine Hand wäscht die andere
Das «Opus Dei» ist hierarchisch gegliedert und legt seinen Mitgliedern ein strenges Regelwerk auf, zu dem Gebete gehören, der tägliche Empfang der Kommunion und Selbstkasteiung durch das schmerzhafte Tragen eines Bußgürtels und durch das Auspeitschen mit einer Geißel. Ich hatte davon noch nie gehört, was daran liegen mag, dass ich mich bisher noch nicht tiefer mit der Organisationsstruktur der römisch-katholischen Kirche beschäftigt habe. Das Opus Dei wurde 1928 durch den Priester Josemaría Escrivá gegründet, einem Bewunderer Francos.

Dies alles und noch viel mehr erfährt man in dem spannenden Krimi «Der Generalstaatsanwalt». Der Titelgeber ist mit einer Supernumerarierin verheiratet (Supernumerarier heißen die verheirateten Mitglieder des Opus Dei), mit der er schon seit Ewigkeiten nicht mehr im gleichen Bett schläft, weswegen er sich vor vielen Jahren ein junges Mädchen aus gutem Hause zur Geliebten genommen hat, die zum Zeitpunkt der Handlung um die 30 Jahre alt ist und trotz teurer Geschenke, die sich der Generalstaatsanwalt nur aufgrund illegaler Einkünfte leisten kann, keine Lust mehr hat auf den älteren Herren mit dem Libido- und Prostataproblem (beides wird ausgiebig beschrieben) und sich längst einen anderen Liebhaber gesucht hat.

Die Vermögensverhältnisse des Generalstaatsanwalts werden für den Opus Dei interessant, als dessen Frau das gesamte Familienvermögen der Organisation überschreibt, um für ihre Söhne einen Adelstitel zu erkaufen, da diese den Namen des bürgerlichen Vaters und nicht ihren, den einer Adligen, tragen, und um deren Karriere im Opus Dei zu befördern. Privatdetektive werden auf den Generalstaatsanwalt angesetzt, sein Nummernkonto in der Schweiz, auf dem eine Menge illegales Geld liegt, wird bekannt, und die Dinge nehmen den schlechtmöglichsten Lauf.

Zwar handelt der Krimi von eben dieser Geschichte – an ihr werden aber exemplarisch die Machenschaften des Opus Dei abgehandelt. Und das ist eine wirklich fesselnde Geschichte, wenn einen die Rituale, Grundsätze und Opus-Dei-Figuren auch ordentlich anwidern. Das Widerliche besteht übrigens nicht in der Beschreibung von Selbstgeißelungen und Erniedrigungen, denen sich Menschen freiwillig unterziehen. Es ist die Doppelmoral, die an der (fiktiven) Spitze des Opus Dei herrscht, die das Ganze so abstoßend macht. Da speisen Machtträger in den besten Restaurants und frönen der Genusssucht, geben nach unten aber Maßregelungen und Disziplinierungsmaßnahmen weiter. Die unsympathische Figur Amandine de Vreux, Ehefrau des Generalstaatsanwaltes, ist im Vergleich zu den hohen Tieren des Vereins ein vorbildliches Mitglied des Opus, obwohl sie, da sie eine Frau ist, in der Hierarchie ganz unten steht. Sie nimmt an Exerzitien teil, schläft auf dem nackten Boden, erduldet eine Diät aus Wasser und Brot und ist seit der Geburt ihrer beiden (erwachsenen) Söhne enthaltsam, kurz: sie ist eine vertrocknete Pflaume, die mit ihrem sauertöpfischem Wesen ihre Umwelt vergiftet. Diese Stimmung ist für das Buch prägend und wird nicht nur durch ihr Verhalten, sondern auch durch das aller anderen Opus-Dei-Mitglieder erzeugt.

Der Generalstaatsanwalt hat die Lesersympathie allerdings nur im Bezug auf seine Frau, unter der er leidet. Er zeigt ebenfalls abstoßende Seiten, wenn er, der aus einer Haltung herablassenden Dünkels zu seiner Sekretärin nur «Fräulein» sagt, sich die Bedienstete des Hauses zur neuen Geliebten nimmt (die 34-jährige «Bauerntochter Maria» aus Polen, die ihn auch im Bett weiter «Meneer Albert» nennt (die Geschichte spielt in Antwerpen) und über deren Verhältnis er nicht ohne Stolz reflektiert: «Er war gerade im Begriff, etwas zu tun, was der Adel und die Bourgeoisie schon seit Jahrhunderten mit ihren Dienstmädchen machten: das Ergaunern einer illegitimen sexuellen Dienstleistung ohne Mitwissen der Dame des Hauses.» – Und weiter geht es: «Eine Welle von jugendlicher Verwegenheit durchspülte ihn.»). Meisterhaft wird dieser Typus Mann beschrieben: in die Jahre gekommen, in einer sexuell frustrierenden Ehe mit einer frigiden und bigotten Frau, sich in einer außerehelichen Affäre das nehmend, was ihm nur zusteht, beruflich in hoher Position, privat verbunden mit Männern in ähnlich hohen Positionen, ein sorgenfreies Leben führend, in den besten Restaurants speisend, teure Pferde reitend, auf die Jagd gehend und so fort. Das ist keine Figur, die einem ans Herz wächst, aber sie fasziniert, weil der Autor ihr ein außergewöhnlich gutes Persönlichkeitsprofil verpasst hat.

Ein spannender Krimi, der sich gut als Einführung in die Strukturen, die Geschichte und das Wesen des Opus Dei eignet – auch wenn es eine fiktive Geschichte ist, die da erzählt wird.

Jef Geeraerts, Der Generalstaatsanwalt, Unionsverlag 2004 (Original: «De PG», Amsterdam 1998)

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