Montag, 23. Oktober 2017

P. J. Tracy, Mortifer

mortiferDer Thriller «Mortifer» wurde an der letzten Autobahnraststätte vor dem Durchfahren des Gotthardtunnels in südliche Richtung von meinem Freund zur Verstärkung der Ferienlektüre käuflich erworben. Der Grund war ein Wettertief, das anhaltenden, teilweise ergiebigen Regen mit sich bringen sollte.

Zwar ist es ein bisschen wie Russisches-Roulette-Spielen, wenn man seine Ferienlektüre der Ausstattung des Bücherdrehregals zwischen den Souvenirtassen und den Straßenkarten überlässt; diesmal fanden sich jedoch einige – ich möchte nicht sagen: Perlen – durchaus annehmbare Spannungsliteraturobjekte, auch wenn das Drehregal eindeutig überwiegend mit Stephen King bestückt war (der zwar als Meister der Spannungskurve gilt, von dem ich jedoch noch nie etwas gelesen habe, was sich sicher eines Tages ändern wird, jedoch nicht in diesen Ferien).

Mortifer also. Das Wort, so lernt man gleich zu Beginn, entstammt dem Lateinischen und bedeutet «todbringend». Im Original erschien das Buch allerdings unter dem Titel «Dead Run», und es ist nicht ersichtlich, warum die deutsche Ausgabe umgetauft wurde. Ebenso ist nicht ersichtlich, warum das Taschenbuch, denn um ein solches handelt es sich, außen pink und mit grünlich-schwarzen Palmen bestückt ist, denn Palmen sind das letzte, was in diesem Buch vorkommt. (Damit ihr seht, was ich meine, ist das Cover hier trotz hässlichem 5,95-Euro-Preiskleber abgebildet. Der Verlag hatte dann aber ein Einsehen und hat für die neue Auflage den Umschlag geändert.) Da ich jedoch die Geheimnisse der Umschlaggestaltung und Titelfindung noch nicht durchschaut habe, lasse ich das einmal beiseite und sage ein paar Worte zum Inhalt des Thrillers.

Diese Genrebezeichnung hat das Buch verdient. Drei Handlungsstränge werden in getrennten, aufeinander folgenden Kapiteln wie drei Hefeteigschlangen zu einem Zopf geflochten – ab etwa dem 2. Drittel des Buches weiß man, dass es ein Zopf ist; aber auch danach ist das Buch spannend, wenn ich mich auch dabei ertappte, gegen Ende nur noch Anfangs- und Schlusswörter mancher Absätze zu lesen, da sie eher Stolpersteine denn Beschleunigungsspuren der Handlung sind.

Was ich bei Frank Schätzings «Schwarm» sehr bewundert habe: Die Fähigkeit, ein Kapitel genau dann enden zu lassen und bei einem anderen Handlungsstrang weiterzumachen, wenn es unerträglich spannend ist – diese Fähigkeit ist in etwas abgeschwächter Form auch bei Mutter und Tochter «Tracy» zu finden (der Autorenname ist das gemeinsame Pseudonym). Allerdings hapert es etwas beim Unterfüttern der Geschichte durch lebendige Details. Ein Beispiel. Einer der Haupthandlungsstränge besteht aus folgender Geschichte: Drei intelligente Frauen geraten zufällig in ein Dorf in der amerikanischen Pampa, das ausgestorben zu sein scheint. Schnell stellen sie fest, dass etwas nicht stimmt: Keine Menschen sind zu sehen, kein Vogel zu hören; es herrscht absolute Stille. Zudem tauchen Soldaten auf, die versuchen, sie umzubringen. Da die Frauen intelligent sind und teilweise über eine Kampf- und Schießausbildung, außerdem auch über Waffen verfügen, geben sie einen passablen Gegner ab. Dass die Frauen intelligent sind, welche Charaktereigenschaften sie haben und welchen biografischen Hintergrund, wird einem jedoch mitgeteilt (und man soll es glauben), anstatt dass es erzählt wird. Traumatische Erlebnisse, die alle drei gehabt haben, werden nur angedeutet – ich frage mich: zu welchem Zweck? Hier werden viele Nägel in die Wand geschlagen, aber keine Bilder aufgehängt.

Das ist der eine Fehler, den Mama und Tochter Tracy begehen. Der andere schwerwiegende ist, dass sie ihre Heldinnen ausstatten wollen mit klischeefremden Attributen – was lobenswert ist, aber in die Hose bzw. in den Rock geht, da darüber genau diese Klischees erzeugt werden. Warum trägt die eine der Frauen ein Seidenkleid und Highheels, obwohl sie auf dem Weg zu einem Polizeieinsatz ist? Warum denkt eine andere Sätze wie «Das ist das Großartige an uns Frauen. Vergiss den Ruf, in dem wir stehen, endlos lange zu diskutieren und spekulieren – wenn es wirklich darauf ankommt, bleiben wir nicht stehen, um eine Sache zu analysieren. Selbst Frauen mit Pistolen in den Händen geben Instinkten nach, die sich über Jahrtausende hinweg geschärft haben. Achtung. Gefahr. Wegrennen. Verstecken.»? Auf dem Unterschied zwischen den Geschlechtern (ob es ihn in dieser Weise gibt, sei für heute dahingestellt) wird noch öfter auf diesem Niveau herumgehackt. Schlimmeres als folgende Aussage erwartet einen allerdings nicht: «Man konnte einfach nicht reden mit einem Mann, wenn dieser anfing, wie ein Mann zu denken. Der Deputy wollte, dass es im Kordon eine Lücke gab, also gab es eine. Ein Penis war offensichtlich mit Genie gleichzusetzen.» Das ist im wahren Wortsinn dämliches Gelaber und passt nicht zu der emanzipierten Frau, die dargestellt werden soll.

Dennoch hat mir dieses spannende Buch die Zeit während des Wettertiefs angenehm gemacht. Solltet ihr mal an der Raststätte vorbeikommen und unbedingt was zu lesen brauchen: Schlagt zu!

P. J. Tracy, Mortifer, Rowohlt 2007 (Original: «Dead Run», 2005)

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