Montag, 23. Oktober 2017

Peter Temple, Spur ins Nichts

temple-spur-ins-nichtsVon Pferden, Tischlerarbeiten und Leichen
Endlich mal wieder ein Krimi, bei dem man alles um sich herum vergessen kann. Jack Irish, nach eigenen Angaben «Vorstadtanwalt mit der ganzen Bandbreite an kulturellen und anderen Interessen, die der Begriff beinhaltet», hat schon in «Vergessene Schuld» und «Kalter August» für Stunden fesselnden Lesevergnügens gesorgt. In seiner Freizeit ist er Möbeltischler und besucht Pferderennen. Er ist eine sympathische Ermittler-Figur. Zwar entspricht er einigen Klischees, wenn er in einem rudimentär ausgebauten Stall wohnt, weil in seiner Wohnung eine Bombe explodiert ist, und diese provisorische Behausung zum Dauerzustand wird, die gammelig und heruntergekommen ist mit ihren abgewetzten und schmuddeligen Ledersesseln und der schmutzigen Wäsche, die herumliegt. Auch wurde er von Linda, Reporterin beim Fernsehen, für einen neuen Job und einen anderen Typen abserviert, wessen er sich in melancholischen Selbstmitleidanfällen abends bei einem Glas Rotwein im gammeligen Ledersessel ab und zu erinnert. Klischees aber sind vergeben und vergessen, wenn ein Krimi dermaßen spannend konstruiert ist.

Alles stimmt: die Balance zwischen beruflichem und privatem Leben von Jack Irish (privat lernt er eine neue Frau kennen, zeigt, dass er gutes Essen und einen guten Tropfen zu schätzen weiß, liest Bücher und hört Musik), der allmähliche Ausbau der Story über eine familiäre Verwicklung und die damit verbundenen Exkurse in die Kindheit des kleinen Irish, die Entwicklung des Falls, der mit der Suche nach einem vermissten Mann beginnt und in den höchsten Kreisen von Politik und Wirtschaft endet. Auch wächst die Bedrohung, die über Jack Irish schwebt, in glaubwürdigem Maß: Erst sind es Andeutungen, Befürchtungen, Warnungen, die ihn vom Weiterverfolgen seiner Spur abbringen sollen (die übrigens keinesfalls, wie es der deutsche Titel suggeriert, «ins Nichts» führt), dann manifestiert sich die Lebensgefahr, in der er schwebt, durch Typen, die nachts vor seiner Haustür auf ihn warten, und Pistolen, die auf ihn abgefeuert werden. So richtig spannend im Sinne von Spannungsliteratur wird der Krimi erst ab Seite 300, was aber nicht schlimm ist, weil man sich bis dahin überhaupt nicht langweilt. Skurrile Szenen à la Carl Hiaasen hat der Roman auch zu bieten, was ich als großer Hiaasen-Fan sehr zu schätzen weiß. Etwa diese, in der Irishs Künstler-Nachbar, der just in jener Nacht eine Holzskulptur mit einer Kettensäge bearbeitet, als Irish vor dem Haus hinter einem Müllcontainer vor auf ihn schießenden Auftragskillern Schutz sucht, ihm mit einem geschickten Kettensägenwurf in den Schädel einer der Killer das Leben rettet. Die Szene endet in gaghaftem Geplänkel («McCoy beäugte mich. ‹Einer von Ihren alten Klienten. Zufällig vorbeigekommen, dachte, er sagt mal hallo.› Ich hinkte schon davon. Über die Schulter hinweg sagte ich: ‹Irgendein Kerl, der eins Ihrer Bilder gekauft hat. Muss schon ernstlich gestört gewesen sein, um das überhaupt zu machen, aber als er es dann betrachtet hat, hat ihm das den Rest gegeben. ›»).

Ein herrlicher Genrekrimi, den man sich keinesfalls entgehen lassen sollte. Ein Rätsel ist mir allerdings das Coversujet geblieben (eine Uferstraße mit durchbrochener Leitplanke), das eine unwichtige Szene aufnimmt, und der deutsche Titel, der überhaupt nichts mit dem Buch zu tun hat («Black Tide», Name einer geheimen Operation und von großer Rolle für den Plot, ist ein viel besserer Titel). Sollte mal jemand auf die Idee kommen, über das Enigmatische in der Umschlaggestaltung der Verlagshäuser zu schreiben, wird er voll auf seine Kosten kommen.

Peter Temple, «Spur ins Nichts», Goldmann 2008 (Original: «Black Tide», Bantam 1999)

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