Montag, 11. Dezember 2017

Stieg Larsson, Verblendung

larsson_verblendungEin Buch mit hohem Suchtfaktor
«Verblendung» hat der Heyne-Verlag den ersten Band der Trilogie genannt, der im Original «Männer, die Frauen hassen» heißt. Die beiden folgenden Bände sind mit «Verdammnis» und «Vergebung» betitelt, und ich habe mich gestern durch den samstäglichen Einkaufswahnsinn der Zürcher Innenstadt geschlängelt, um mir diese beiden Bände auch noch zu kaufen, bevor Sonntag ist und ich ohne einen Larsson-Thriller dasitze. Ja, ich bin süchtig, und ich will mehr, mehr, mehr!

Ich kann also an dieser Stelle noch nicht über die Trilogie, sondern nur über den ersten Teil schreiben. Allerdings komme ich mal wieder nicht um eine Titel- und Coverkritik herum. Die (hier übersetzt wiedergegebenen) Originaltitel «Männer, die Frauen hassen», «Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte» und «Das Luftschloss, das gesprengt wurde» sind nicht nur vielschichtiger und poetischer als die deutschen Titel «Verblendung», «Verdammnis» und «Vergebung». Sie wecken auch keine religiösen Konnotationen, die ich – zumindest beim ersten Band – auch nicht zu Recht geweckt sehe. Zwar spielen dort Bibelzitate beim Aufklären von Mordfällen eine Rolle, und im zeitweiligen Mittelpunkt des Geschehens steht ein Familienclan, dessen Mitglieder teilweise die Augen vor Missbrauch anderer Mitglieder verschließen. Vielmehr trifft es jedoch der schwedische Originaltitel, da zwei der weiblichen Hauptfiguren des Romans zu spüren bekommen, was es bedeutet, wenn Männer Frauen hassen. Denn in diesem Buch geht es nicht nur, aber auch um Missbrauch, Gewalt, Vergewaltigung und Ausübung von Macht in einer Bandbreite von brutaler körperlicher Misshandlung bis zu subtiler psychologischer Manipulation.

Das Cover von «Verblendung» zeigt immerhin einen gewissen Bezug zum Titel durch die Abbildung eines Mannes, dem zwei gespreizte Finger der Hand eines anderen die Augen verschließen oder einen Bann auf sie legen – wie immer man das interpretieren will. Die beiden folgenden Coverabbildungen haben jedoch keinen Bezug zu den (deutschen) Titeln; sie führen mit steinernen Skulpturen nur das Motiv des ersten Bandes fort. Die Absicht ist klar: Die drei Bände sollen als Einheit erscheinen. Ich werde später berichten, ob dies inhaltlich gerechtfertigt ist oder nicht.

Über die drei Polit-Thriller von Stieg Larsson, der 2004 an den Folgen eines Herzinfarkts starb und 2006 posthum mit dem Skandinavischen Krimipreis geehrt wurde, ist schon so viel geschrieben worden, dass ich mir nach einer oberflächlichen Internetrecherche etwas verzagt überlege, was genau ich eigentlich über diesen ersten Band sagen kann, was man nicht überall sonst auch liest.

Das Buch überzeugt nicht nur durch eine Spannungskurve, die es einem unmöglich macht, mit dem Lesen aufzuhören – der Autor zeigt sein fundiertes Hintergrundwissen in Politik und Wirtschaft in vielen Details, die der Geschichte Glaubwürdigkeit verleihen. Larsson, 1954 geboren, war Journalist und Herausgeber des Magazins EXPO und galt als einer der führenden Experten für Rechtsextremismus und Neonazismus weltweit. Daher war er in der Lage, einen spannenden Plot zu konstruieren, der so auch der Wirklichkeit entstammen kann.

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte sind zwei Figuren: Mikael Blomkvist, investigativer Wirtschaftsjournalist mit ethischen Grundsätzen und Miteigentümer der Zeitschrift «Millennium» und Lisbeth Salander, Freelancerin bei einer Sicherheitsfirma, für deren Recherchen über Privatpersonen und Unternehmen sie ihre außerordentlichen Fähigkeiten u.a. als Hackerin einsetzt. Lisbeth wandelt sich im Verlauf der Handlung vom hässlichen Entlein zum Schwan: Ihre Jugend hat sie bei verschiedenen Pflegefamilien verbracht, sie wurde mehrmals straffällig und von einem Gericht als geschäftsunfähig erklärt. Knapp nur entging die junge Frau mit den Piercings und Tattoos der Einweisung in die Psychiatrie, weil sie einen Vormund hatte, der sich für sie einsetzte. Sie hat so gut wie keine soziale Bindung, keine feste Beziehung und redet nicht über Gefühle. Lisbeth und Mikael arbeiten im Rahmen der Ermittlungen im Fall Harriet, einem Mitglied des Familienclans Vander, dem ein großes Wirtschaftsimperium gehört, miteinander. Lisbeth fasst Vertrauen zu Mikael und verändert sich. Ein Beispiel für diese Veränderung ist, dass sie am Ende ihre Wohnung mit dem über Jahre angesammelten Schmutz und Müll putzt und aufräumt.

Das große Thema des Romans ist die Verantwortung, die Medien tragen. Mikale Blomkvist reflektiert an verschiedenen Stellen darüber, was ethisches und moralisches Handeln für einen Journalisten bedeutet. Er sieht seine Aufgabe darin, illegale Machenschaften in Politik und Wirtschaft aufzudecken. Das Buch beginnt mit einem Gerichtsprozess, in dem er zu einer Gefängnis- und Geldstrafe wegen übler Nachrede verurteilt wird. Er wollte Wennerstroem, Industrieller und Eigentümer eines verzweigten wirtschaftlichen Imperiums, kriminelle Handlungen nachweisen, was jedoch nicht gelang. Als ihm Henrik Vanger, Haupt eines großen Konzerns, das Angebot macht, ein Jahr lang für ihn zu arbeiten, um im Gegenzug den Kopf von Wennerstroem auf einem Silbertablett serviert zu bekommen, kann Mikael nicht nein sagen.

Er nimmt den Auftrag an, der zuerst langweilig und aussichtslos erscheint: die Familienchronik der Familie Vanger zu schreiben und den Mord an Harriet Vanger aufzuklären, der Nichte von Henrik, die 1966 unter mysteriösen Umständen verschwand und nie gefunden wurde. Seine Nachforschungen führen ihn immer tiefer in die Vergangenheit des Familienclans. Er stößt auf furchtbare Geheimnisse und gerät selbst in Lebensgefahr. Nachdem Lisbeth ihm in einem dramatischen Showdown das Leben gerettet hat, muss er entscheiden, ob er einen der größten Fälle von Serienmorden in Schweden aufdecken oder ob er die Privatsphäre einer Frau schützen will, die als Mädchen von ihrem Vater und ihrem Bruder missbraucht wurde. Lisbeth spielt bei dieser Entscheidung eine nicht unbedeutende Rolle. Sie wurde selbst von einem Mann vergewaltigt und gedemütigt und setzt Mikael auseinander, dass eine öffentliche Enthüllung des Falls die Schattenseite der Demütigung für das überlebende Opfer hat.

Am Ende des Romans wird der Bogen wieder zu Wennerstroem geschlagen. Mikael gelingt mit Lisbeths Hilfe der große Coup: Er deckt ein weltweites Netz aus Briefkastenfirmen, illegalem Waffenhandel, Geldwäsche und Drogenhandel auf, an dessen Spitze Wennerstroem sitzt.

Zum Schluss noch etwas anderes: Ich interessiere mich für die kulinarischen Vorlieben von Romanfiguren; eine Vorliebe für gutes Essen und dazu passende Alkoholika kann schon mal dazu führen, dass ich eine Figur sympathisch finde. Auf diesen 688 Seiten jedoch ist das Grundnahrungsmittel Kaffee und belegte Brote. Rund um die Uhr werden die Thermoskannen neu gefüllt mit der nachtschwarzen Flüssigkeit und die Magenschleimhäute systematisch gereizt. Ich wünsche mir für die beiden folgenden Bände Hackfleisch-Bällchen, Kartoffel-Lachs-Salat und Mandelkuchen! Und einen gut gekühlten Weißwein.

Stieg Larsson, Verblendung, 2006 (Original: Män som hatar kvinnor, Stockholm 2005)

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