Montag, 23. Oktober 2017

William Faulkner, Licht im August

Faulkner_Licht im AugustAmerikanischer Klassiker
Warum der Rowohlt Verlag dem Buch, das ihm 2008 immerhin eine Neuübersetzung wert war (im Original erschienen 1932, erstmals übersetzt 1935 von Franz Fein), einen so hässlichen Umschlag verpasst hat, wird man wohl nie erfahren. Der geheimnisvolle Titel wird umrandet von einer muffiggrünen Wasserlandschaft mit Bäumen; auf der Umschlagrückseite ist dann nur noch ein Farbverlauf zu sehen, stumpf und wirklich abschreckend, darauf der Satz «Einer der größten Romane des 20. Jahrhunderts in neuer Übersetzung» und ein Auszug aus dem Nachwort, in dem die Rede von einem «spannenden», «sprachgewaltigen» und «immer noch verstörenden Werk» ist. Wer es also über den abturnenden Umschlag hinweg geschafft hat, der findet tatsächlich ein wunderbares Buch, das einen ganz in seinen Bann zieht.

Drei große Themen sind die Dreh- und Angelpunkte dieses Romans: die Liebe / der Sex, die Religion und der Rassismus. So wird etwa die Lebensgeschichte von Christmas erzählt, der seinen Namen jenem Tag zu verdanken hat, an dem er vor der Tür eines Waisenhauses gefunden wurde. Obwohl er sich äußerlich nicht von den anderen (weißen) Kindern unterscheidet, ist er stigmatisiert: ein «Nigger» soll er sein. Im Verlauf des Romans, der in der Handlung vor und zurück springt, stellt sich heraus, dass seine Mutter von einem schwarzen Zirkusarbeiter schwanger wurde. Zwar sagt sie ihrem Vater, er sei Mexikaner gewesen, aber ihr Vater schafft das Kind nach der Geburt weg. Dreißig Jahre später kreuzen sich die Wege dieses Rabengroßvaters und Christmas wieder, als dieser dem Mord an einer Weißen angeklagt wird, mit der er jahrelang eine Affäre hatte. In einem Gartenhäuschen auf ihrem Grundstück hat er zusammen mit einem Mann gewohnt, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird: Lena, eine junge Frau, die von ihm schwanger ist, hat sich kurz vor der Geburt auf eine wochenlange beschwerliche Fußreise aufgemacht, um ihn zu finden. Er hatte ihr versprochen, sie nachzuholen, sobald er Arbeit gefunden hat; stattdessen wechselt er den Namen und ist froh, sie los zu sein. Dafür begegnet Lena, als sie nach dem Vater ihres Kindes sucht, einem anderen Mann, Byron Bunch, der sich sofort in sie verliebt. Sie ziert sich eine ganze Weile und gibt sich sogar den Anschein, den Vater ihres Kindes finden zu wollen, obwohl der bei einer Wiederbegegnung davonrannte. Es darf jedoch vermutet werden, dass Lena am Ende mit Byron glücklich wird. Der Kutscher, der die junge Patchworkfamilie ein Stück mitnimmt, vermutet auf der letzten Romanseite: «Ich glaube nicht, dass sie vorhatte, den, hinter dem sie her war, zu finden. Sie hatte sich einfach vorgenommen, noch ein bisschen weiter zu reisen und so viel wie möglich zu sehen, denn ich nehme an, sie wusste, dass es diesmal, wenn sie irgendwo blieb, wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens war.»

Faulkner beschreibt, aber er wertet nicht. Am eindrücklichsten zeigt sich das an der Figur des Rassisten Percy Grimm, der das Gesetz selbst in die Hand nimmt und Joe Christmas hinrichtet. Es wird nichts schöngeschrieben in diesem Roman. Und es wird nichts verdammt. Allerdings ist die Mehrzahl der Hauptfiguren negativ gezeichnet. Sie haben mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen oder sind nicht beziehungsfähig. Beim Lesen der Beschreibung, wie Joe Christmas bei seinem strenggläubigen Pflegevater aufwächst und im Namen Gottes seelisch und körperlich misshandelt wird, kann einem schlecht werden. Sein Werdegang ist nach einer solchen traumatischen Erfahrung nicht verwunderlich. Und das alles nur, weil er als kleiner Junge im Waisenhaus von einer faszinierenden Sache namens «Zahnpasta» genascht hat, sich verstecken musste, sah, wie die Wirtschafterin es mit einem Assistenzarzt treibt und entdeckt wurde, weil er zu viel süße rosa Paste gegessen hatte und sich in seinem Versteck übergeben musste. Hätte er nicht von der Zahnpasta genascht und hätte die Wirtschafterin den gefährlichen Zeugen nicht loswerden wollen, wäre sein Leben vermutlich anders verlaufen.

Lena allerdings ist hoffnungsvoll und schaut nach vorne. Sie nimmt ihr Leben an und hadert nicht damit; sie versucht, das Beste aus allem zu machen. Sie ist für mich die positivste Figur des Romans, auch wenn ich manchmal über ihre Naivität die Stirn krauszog. (Allerdings nervt es, dass sie sich ständig mit den Worten «recht freundlich von Ihnen» bei jemandem bedankt. Eine Neuübersetzung hätte hier einen zeitgemäßen Ausdruck finden müssen, niemand bedankt sich «recht» freundlich. Wenn ich länger darüber nachdenke, weiß ich nicht einmal, was dieses Wort in diesem Zusammenhang ausdrücken soll.)

Faulkner ist ein großartiger Erzähler, und man kann sich genussvoll seiner sprachgewaltigen Erzählweise überlassen. Allein die Beschreibung von Reverend Hightower ist, obwohl inhaltlich genau das Gegenteil, ein Genuss: «Das Hemd ist weiß, aber nicht frisch; der Kragen ist beschmutzt, das weiße, achtlos geknotete Halstuch aus Batist ebenfalls, und seit zwei oder drei Tagen hat er sich nicht rasiert. Der Panamahut ist fleckig, und darunter, zwischen Hut und Schädel, sind die Ecken und Ränder eines schmutzigen Taschentuchs zu sehen, gegen die Hitze. Er ist in der Stadt gewesen, um seine halbwöchentlichen Einkäufe zu machen, und hat dort, hager, unförmig, mit seinen grauen Bartstoppeln und seinen dunklen, durch die Brille verschwommenen Augen, mit seinen schwarzgeränderten Fingernägeln und dem ranzigen Männergeruch seines dauernd sitzenden, ungewaschenen Körpers den übelriechenden, vollgestopften Laden betreten, den einzigen, in dem er einkaufte und wo er alles, was er kaufte, bar bezahlte.» Hier ist Leben, hier bin ich als Leserin gern.

William Faulkner, Licht im August, 2008 (Original: Light in August, New York 1932)

Kommentare

2 Anmerkungen to “William Faulkner, Licht im August”

  1. Silberberg schreibt am Samstag, 9. Mai 2009

    Eigentlich hatten wir ja gemeinsam über Faulkner schreiben wollen – und ich habe aufgegeben. Über manche Bücher lässt sich mysteriöserweise kaum reden oder schreiben, und das, obwohl man sie verschlungen hat, und ich in den ersten Tagen des Lesens in Variation gesagt habe «da sieht man mal wieder, wo der Hammer hängt» oder «hier, DAS ist die Messlatte, DAS ist ES». Ich würde gerne wissen, was dieses ES ist, und ich würde auch gerne wissen, warum mir überhaupt nichts weiter dazu einfällt. Ich lese deine Inhaltsangabe, bin dir dankbar dafür, denn das hätte ich vermutlich schon gar nicht mehr hingekriegt: als habe sich «der Plot» sogleich transzendiert und wäre als Energie-, Schock-, Aufputschspritze direkt ins Blut gegangen (oder so).
    Vielleicht muss man sich, so wie du es tust, sich an Einzelheiten halten, den Figuren nachschreiben, ohne dass ich sie allerdings als «negativ» oder «positive» Figuren begriffen hätte. Vielmehr dominiert das, womit du deine Kritik beginnst: «Faulkner beschreibt, aber er wertet nicht.» Vielleicht ist es diese Abwesenheit von Wertung, die eine Art der Stille um die Figuren herum ausbreitet, denen Faulkner gleichzeitig soviel Raum gibt, als stünden sie als einzelne Silhouetten gegen einen blendenden Augusthimmel. Stimmt das Bild? Diese Stille um sie herum verdeutlicht vielleicht, wie sehr man an implizite und explizite Urteile gewöhnt ist, wie schnell man auch literarische Figuren in einen Wertekanon einzuordnen weiss. Andererseits: man weiss ja dennoch, wer die Guten und die Bösen sind, schafft sich, wie du es tust, psychologische Erklärungsmodelle, von denen ich nicht zu sagen wüsste, ob sie der Roman selbst bereitstellt, oder ob man sie sich schafft, um mit dieser grausamen Stille umgehen zu können. Die Abwesenheit einer moralischen Hackordnung kompensiert Faulkner mit einer wiederum ungeheuren Dichte von, wie soll man sagen, Geschichtenhaftigkeit: jede, ja wirklich jede Figur bekommt ihre Geschichte, die in einem schier unendlichen Atem unaufhörlich, unerbittlich aufeinander zu, voneinander weg, auf jeden Fall zuende erzählt werden. Wieder eine visuelle Metapher: er hält die Kamera ganz genau drauf, alle Zeit der Welt, keine Filmmusik, und dennoch eine schier unerträgliche Spannung. Bestimmt ist es verfilmt worden. Bestimmt ist es eine exorbitante Schul- oder Grundkurslektüre, mit der sich alle erdenklichen stream-of-consciousness-Übungen veranstalten lassen. Faszinierend – und wiederum schwer zu fassen – ist, dass Diogenes bei seiner «Worstseller»-Liste aus dem Jahr 2005 auch Faulkner nominieren musste: 15 verkaufte Exemplare in einem Jahr. Das werden wir ändern, oder?

  2. Silberberg schreibt am Samstag, 9. Mai 2009

    P.S. Noch was vergessen: die Übersetzung von Lenas lakonischem «You›re right kind» ist natürlich blöd, obwohl ich auch hier wieder nicht wüsste, wie es zu machen wäre: wie diese Stille hinter dem Satz zum Ausdruck bringen, wie die in ihrem Fall ja offensichtlich schier übermenschliche Entschlossenheit (ist es wirklich Naivität? oder ein ihr selbst unbewusstes, buchstäbliches Bis-zum-Äussersten-Gehen, von dem erst am Ende ein Ende abzusehen ist?), die unerbittliche Freundlichkeit, mit der sie ihrem Schicksal Schritt für Schritt nachgeht?

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