Montag, 23. Oktober 2017

Roberto Saviano, Das Gegenteil von Tod

SavianoSpielarten der Betroffenheit
Am Anfang stand der Verdacht auf Zensur -  was angesichts der politischen Verhältnisse in Italien kaum Überraschung hervorrufen würde. Oder wie wäre es sonst zu erklären, dass das vorliegende Buch eines der bekanntesten italienischen Gegenwartsautoren in Italien nicht erhältlich ist? Schliesslich war es doch zu erklären: die beiden im  Buch publizierten Texte Savianos  waren in verschiedenen italienischen Medien erschienen: „Il contrario della morte. Ritorno da Kabul“ 2007 in der Reihe „I Documenti“ der Tageszeitung Corriere della sera, „Ragazzi di coca e di camorra“ in L`espresso. Hanser hat die Texte nun auf Deutsch veröffentlicht – mit dem mittlerweile berühmten Antlitz Savianos, dem Che Guevara des heutigen Italiens, auf dem Cover und einer Bauchbinde, die vorsichtshalber fett in Rosa und Schwarz daran erinnert, es hier mit dem Autor von „Gomorra. Reise in das Reich der Camorra“ zu tun zu haben, dem Buch also, über das sich in Italien buchstäblich bis aufs Messer gestritten wurde und für das es rund um den Globus standig ovations und überwältigende Sympathiebekundungen gab.

Zu Recht. Denn neben dem persönlichen Mut und Engagement, den das Buch zum Ausdruck bringt, gelingt Saviano in „Gomorra“ eine eigene Art des Schreibens: angesiedelt zwischen Reportage und Roman, erzählt von einer Ich-Figur, die dem Leser Einblick in das Innere der Camorra vermittelt. Den romantischen Szenerien der Mafia-Filme und verkitschten Sizilienkrimis, in denen Mafiosi allen Ernstes noch als graumelierte, patriarchale Herrscher auftreten, aber auch den Erfahrungs- oder Aussteigerberichten von Richtern und Mafiosi hat Saviano mit jener Mischung aus ökonomischen Fakten und dem Tremolo einer Am-eigenen-Leib-erfahren-haben-Authentizität etwas entgegengesetzt, das Leser innerhalb und ausserhalb der Camorra aufgescheucht hat.

Angesichts des neuen – zugegebenermassen von Hanser in dieser Form zusammengestellten – Buches aber stellt sich die Frage, wie weit diese Form einer ‚autobiographischen Reportage’ reicht. In beiden Texten wird neuerlich eine mit eigenen Augen gesehene, mit eigenen Ohren gehörte Geschichte wiedergegeben – ohne grosse Scheu vor Pathos.  Wieder wird das Elend der Region rund um Neapel geschildert, dessen Intensität sich diesem Sound des authentischen Erlebens verdankt: In „Das Gegenteil von Tod“ besucht er die blutjunge Maria, deren Verlobter in Afghanistan gefallen ist und anhand deren Erzählung die Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit jener jungen Männer geschildert wird, die sich in Süditalien beim Militär verdingen, um irgendein Auskommen zu haben. In der zweiten Erzählung, die merkwürdigerweise den poetischen Titel „Der Ring“ erhalten hat, gibt es sogar eine Rahmengeschichte: Saviano berichtet von einem Mädchen, das er auf eine Hochzeit in seiner Heimat mitgenommen hat, und das er Jahre später wieder trifft. Mittlerweile ist sie Journalistin und fragt ihn als erstes nach zwei Jungen, die ermordet wurden.  Saviano nimmt diese Frage zum Anlass, die „wirkliche Geschichte“ der beiden unschuldig in einen Bandenkrieg Geratenen zu erzählen, nicht ohne dabei seine Wut zum Ausdruck zu bringen:

„Wut kommt in  mir hoch, urplötzlich, und ich weiss nicht, ob ich sie beherrschen kann. […]. Sie hat die beiden von der Hochzeit her in Erinnerung, sie erinnert sich, aber sie weiss nichts, sie weiss gar nichts über sie. Die Nachricht von ihrem Tod und ein paar telefonisch eingeholte Informationen haben ihr genügt, sie zu verurteilen. Viel Zeit ist vergangen, seit sie getötet wurden. Oder vielleicht ist gar nicht soviel Zeit vergangen, aber es gibt Ereignisse, die man gern vergessen, von denen man nicht einmal ein Detail in Erinnerung behalten möchte. Aber das Gedächtnis verfügt nicht über die Fähigkeit, jedenfalls meines nicht. Es gibt Orte, an denen geboren werden schuldig werden bedeutet. Der erste Atemzug und der letzte Schnupfen sind ein und dasselbe. Sie bedeuten Schuld.“

Oha. Aber was soll das genau? Während bei „Gomorra“ genau mit dieser Perspektive von innen heraus das Geheimnis Camorra demontiert werden konnte, produziert sie hier einen neuen Mythos: wir hier drinnen, ihr da draussen. Saviano zählt die Zeichen auf, die man zu deuten wissen muss – bei der Hochzeit streift er beispielsweise dem Mädchen den Ring seiner Grossmutter über, damit sie nicht als Freiwild behandelt wird, ohne dass er ihr allerdings den Hintergrund dieser Geste erklären würde, die sie für eine romantische hält. Doch müsste nicht eine solche Erklärung inmitten der finsteren Blicke das erste Projekt der Aufklärung über die Verhältnisse sein? Müsste er nicht dem „Mädchen aus dem Norden“ sofort die Geschichte der beiden Jungen erzählen, anstelle vor Wut erstmal sprachlos zu werden? Unwillkürlich kommt hier zum Ausdruck, wie schmal der Grat ist, auf dem Saviano da balanciert: ein blosser Bericht der Fakten der durch den mafiösen Drogenhandel oder durch Kriegsanwerber zerstörten süditalienischen Existenzen reichen nicht, das wäre eine x-beliebige Zeitungsreportage, an die man sich gewöhnt hat. Stattdessen braucht es die persönliche Anteilnahme, die „j’accuse“-Pose, die sich allerdings zugleich gegen die richtet, an die dieser Appell gerichtet ist. Ein eindringlicher Sound, der aber in Gefahr steht, nicht nur verschiedene Zusammenhänge mit einer undifferenzierten Ich-Betroffenheit einzuseifen, sondern auch in eben jenen Mythos abzuschieben, der keine konkreten Handlungen herausfordert und in dem sich die Mafia, wie Saviano übrigens in „Gomorra“ zeigt, selbst lange gesonnt hat.

Die beiden trotz allem berührenden Texte produzieren damit einen ähnlichen Effekt wie der im Vergleich zum Buch reisserische und blöde Gomorra-Film: „Nach Italien will man echt nicht mehr fahren“, war der Kommentar eines Kinobesuchers nach dem Rumgeballer und den hässlichen Proleten, deren Blut über triste Vorortfliesen floss. Abgeschoben in die Betroffenheit, abgepackt in den Mythos von Mafia-Italien, weggeräumt aus dem eigenen Verantwortungsbereich.

Roberto Saviano, Das Gegenteil von Tod, Hanser 2009 (Original: Il contrario della morte. Ritorno da Kabul in: “I documenti”, Corriere della Sera 2007, und “I ragazzi di coca e di camorra” in L`espresso 2007)

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