Montag, 23. Oktober 2017

Auf dem Sofa: Juni 2009

30. Juni: Heute brachte ich auf einem morgendlichen Viel-Gänge-Weg auch ein paar aussortierte Bücher in den 1-Euro-Buchladen in der Finowstraße und durfte mir, da ich kein Geld haben wollte, dann ein Buch aussuchen, nahm CHRISTA WOLFs: KINDHEITSMUSTER (Aufbau 1977, leider nicht die Erstausgabe und ohne Schutzumschlag), schon mit Blick auf das neue Schreibvorhaben, den zweiten Roman, und im Buch fand ich eben, als ich ein paar Seiten umblätterte – das muss sein, um das Buch zu begrüßen, es zu einem eigenen zu machen – einen Fahrschein der BVB (Städt. Nahverkehr, Hauptstadt der DDR, Berlin, Preisstufe 1), mit fünflöchrigem Knipsmuster, der, den billigen Charakter seines Materials weitergebend, auf den Seiten 40/41 säurelassend aufs Papier abgefärbt hatte. Auch in den Büchern meiner Eltern finde ich immer wieder diese DDR-Nahverkehrsfahrscheine, und bin dann immer gleich in die Kindheit zurückversetzt, jetzt, im Sommer, spüre ich sofort wieder die nackten Beine, die auf den Plastesitzen klebenbleiben (ein leichter, ziehender Schmerz beim Aufstehen), das glattpolierte Holz mit den Fugen zwischen den Leisten; damals konnte man noch die Fenster herunterziehen bis zur Mitte, und alles zauste im Fahrtwind – aber nun bin ich ja fast schon im nächsten zu schreibenden Buch und schreie HALT!, AUSSTEIGEN!, lass dich nicht von Kindheitserinnerungen nostalgisch stimmen, so geht es nicht. Und das alles, das Aufsteigen der Erinnerung, das Blättern im Buch vor mir und im Gehirn, ist natürlich höchst passend für die KINDHEITSMUSTER, die jetzt aber erst mal in den Karton mit dem Material fürs neue Vorhaben wandern – denn noch ist ja der Erstling nicht fertig.

29. Juni: Wahrscheinlich war’s ein Versehen des Verlags (als hätten sie gewusst, was bei mir demnächst ansteht), dass gestern nicht nur ein dicker Band MAYRÖCKER-Gedichte ankam, sondern auch: UWE JOHNSON – SIEGFRIED UNSELD: DER BRIEFWECHSEL (herausgegeben von Eberhard Fahlke und Raimund Fellinger, Suhrkamp 1999), aber was habe ich da für ein Glück gehabt! Obwohl ich nur mal kurz reinsehen wollte und eigentlich anderes zu tun gewesen wäre, habe ich dann mindestens zwei Stunden in diesem Hin und Her der Briefe gelesen, vorne, in der Mitte und hinten, nicht sehr systematisch also, aber es sollte ja auch noch nicht die eigentliche Lektüre werden, nur blieb ich eben immerzu hängen, wenn ich doch weiterblättern wollte, und vielleicht ist es sogar besser so, unsystematisch blätternd, hängenbleibend, springend. Am 1. April 1979, zum zwanzigjährigen Jahrestag der Verbindung und Freundschaft, schreibt JOHNSON an UNSELD: „Nach zwanzig Jahren einvernehmentlichen wie streitbaren Gesprächs hast du auch erfahren von dem Ungeschriebenen, und so bist du für mich der menschliche Ort geworden, ohne den das einsamste Leben unmöglich ist: die Gewissheit, dass es in der Welt einen Menschen gibt, bei dem man als zusammengefasste Kenntnis sicher aufgehoben ist.“ Und dann ist da ein Foto von Unseld in Wasserburg, 1962, auf dem er energisch, sensibel, verträumt an einem Tisch im Freien sitzt, Verlagsdinge bedenkend, besprechend (und natürlich würde ich das hier gern wiedergeben, aber sicher hängen da unbezahlbare Rechte dran, und so muss also die Imagination genügen). So einen Verleger hätte man gern, fördernd und fordernd, intelligent, zuverlässig, großzügig und loyal. Aber von den Hoffnungen ist besser nicht sprechen.

24. Juni: Wieder mal in VIRGINIA WOOLFs TAGEBÜCHERN (Bd. 3, S. Fischer 1999). Die Beschreibung der Sonnenfinsternis – und von da aus galoppiere ich ein bisschen wild durch den Band.

5. Juni: MICHAELA KARL: „WIR FORDERN DIE HÄLFTE DER WELT!“ DER KAMPF DER SUFFRAGETTEN UM DAS FRAUENSTIMMRECHT (S. Fischer 2009). Zur Hälfte in England gelesen, was ganz schön war, da das Buch auch einen Abriss der englischen Geschichte von ca. 1750 bis 1920 gibt. Das Buch hat kein Register! Und der Stil ist ziemlich dürftig. Und dennoch rührt sich da der Wunsch, das Buch möge Pflichtlektüre in allen Schulen sein, zum einen weil es die Überheblichkeit gegenüber „rückständigen“ Ländern eindämmte (so lange ist das ja noch nicht her mit unserer Fortschrittlichkeit und Geschlechteremanzipation), zum zweiten weil es daran erinnert, gegen welche heute unfassbaren rechtlichen Ungleichheiten und Vorurteile die Frauen gekämpft haben und wie schwer dieser Kampf war und dass die heutige Stellung der Frau alles andere als selbstverständlich ist.

Und auch am 5. Juni, DON COLES: DIE WEISSEN KÖRPER DER ENGEL. GEDICHTE (zweisprachige Ausgabe, ausgewählt und übertragen von Margitt Lehbert, Edition Rugerup 2007). Eine sehr schöne Reihe, aus der ich noch zwei andere Bände habe (die ich aber erst später besprechen kann) – DON COLES ist Amerikaner, 1928 in Woodstock, Ontario, geboren, lebte nach dem Studium zehn Jahre in Europa, was seiner Lyrik sehr anzumerken ist, wirft er doch mit den großen Namen toter Europäer um sich, als wäre das nichts. Aber THE PRINZHORN COLLECTION, über die private Sammlung ist nicht nur formal interessant – ein Langgedicht mit großen Freiheiten im Aufbau, häufig auf dem Grat balancierend zwischen Lyrik und Prosa, das atmet! –, sondern da finden sich auch diese Verse:

The women picture themselves always
naked; very often kneeling; and time
after time their faces, averted from us
And curtained by manes of long, long
hair hanging down their backs – can it be
that it was never cut? –

. . . und wen zieht da das long, long nicht mit hinab in die Tiefe?

Kommentare

Einen Kommentar schreiben