Montag, 23. Oktober 2017

Feridun Zaimoglu, Leyla

zaimogluMetaphern-Hutschachteln und Textblütenblätter 
Das wüste Herz drückt auf das Zwerchfell, und diese dünne Doppelfalte nimmt die Druckwelle auf und stößt den Darm, die Schlingen hinab, die weichen Röhren hinab stürzt das Wasser der Welle, und da man denkt, jetzt hat der Druck den Körper verlassen, steigt es hinauf bis zum Kopf, und von dort zum Herzen: dort brennt die Erregung ein Brandloch ein. Die Geliebten und Verliebten leben nach dem ersten Liebesschock ihres Lebens mit diesem Herzfehler,
 man könnte einen Finger hindurchstoßen, so groß ist dieses Loch, das ein Schönheitsmakel ist, den die Frau sich zufügt.

So fängt man natürlich keine Rezension an. So fangen elegante Hausarbeitskapitel an, in Times New Roman 10, um das Zitat von Fließtext ordentlich abzugrenzen und anschließend zu längeren Thesen und Beweisführungen auszuholen. Doch Zaimoglus Roman ist voll von solchen Textblütenblättern, voll von solchen Metaphern-Hutschachteln, aus denen Wortgebilde ausgepackt werden wie aus Seidenpapier, voll von Dialogen, in denen Redewendungen erscheinen wie Finger auf einer Schattenspielwand, die deutlich Köpfe, Ohren, Mäuler, Tänzer erkennen lassen  – ein Text also, den man nicht in Zitatkäfige einsperren kann, sondern der direkt  auf die Haut gehört.

Besser ist es, erst Pfirsich und dann Melone zu essen, denn Melone ist süßer. Sagt meine Mutter. Wo ist dein Kettchen? Dort, wo mein Tand ist, sage ich. Und was hast du für einen Tand angesammelt? Kindertand. Runde kleine Steine.

Mit solchen Worten fängt der Roman an, und im ersten Moment ist man versucht zu glauben, hier sei was schlecht übersetzt. Tand? Kindertand? Und überhaupt: als würde ein fünfjähriges Mädchen so reden! Doch so geht es weiter in dem „Land der Vorväter“, wie es auf dem Klappentext heißt, so geht es weiter in der anatolischen Kleinstadt, wo Leyla mit ihren Geschwistern, ihrer schönen Mutter und dem sogenannten Nährvater aufwächst, dem Mann der Mutter, Halid, der nur ganz selten auch „Vater“ genannt wird. Die Mutter erduldet die Prügel genau wie die Kinder  – Djengis, Tolga, Yasmin, Selda und Leyla –, die verpatzten Geschäfte, die Seitensprünge, den Alkohol, die Gier, den Geiz, die Ungerechtigkeit. Einmal versucht er, mit Orangen zu handeln, der Nährvater, und die ausgehungerte Familie schleppt bergeweise Orangen ins Haus. Dann platzt das Geschäft und die Orangen vergären langsam, ohne daß auch nur eine angerührt werden dürfte, der Duft liegt tagelang in der Luft. Leyla wächst auf mit den Weisheiten und den Träumen ihrer Mutter, die auch für die Nachbarinnen träumt und ihnen die Zeichen der Träume deutet, wächst auf unter ihren zärtlichen Benennungen:  Weißkrönchen, Tautröpfchen, Goldkörnchen. Mit den Schulfreundinnen Manolya, der Kurdin, Nermin, der Klassenbesten, Fulya, die sich als kleines Mädchen immer nackt auszog und ans Fenster stellte, lernt sie, was man mit Schulfreundinnen lernt.

Bald ist im Hamam Brautschau und Schwiegermütter und Schwester Ipek, die Schminkmaus, die nach bitterer Mandelcreme riecht und an der Kinokasse sitzt und raucht, begutachten das potentielle Heiratsfleisch. Bräuche werden nicht benannt, sondern fließen buchstäblich ein in die Geschichte: wie man sich die Beine enthaart, wie man Geister vertreibt, wie Ohrlöcher durchstochen und die Haare gefärbt werden und man sich vor einem hasenschartigen Kind schützt, wie Hochzeitsvorbereitungen und Abtreibungen und Ehrverletzungen traditionsgemäß vorgenommen werden.  So passiert wenig und so passiert dennoch so viel, indem Leylas Wahrnehmung als Herzschrittmacher der Geschichte funktioniert: sie wächst auf und vollzieht dieses Aufwachsen anhand ihres Körpers, der Kleinstadtszenen und der sie umgebenden Personen und ihres Umgangs mit ihr nach. Schließlich zieht die verarmte Familie nach Istanbul, die Jungs bekommen kleine Bärte und lange Locken und Leyla heiratet nach vielen Komplikationen Metin, den Schönen, dem sie sagt, daß sie mit ihm gerne ein elektrisches Leben führen würde: mit Kühlschrank, Waschmaschine, Bügeleisen.

Plötzlich hat man fünfzehn Jahre durchlaufen und ist mit Leyla in ihrem Dasein als Hausfrau und Mutter angekommen – und wollte mit ihr noch viel weiter gehen. Denn man kann sich kaum satt sehen an diesen Metaphern-Zauberkästen, nicht satt riechen an den Textbütenblättern, nicht satt träumen in die merkwürdigen eindringlichen Bilder dieser „Familiensaga aus dem Orient“ (Klappentext) hinein.

Aber der Roman kann noch mehr. Denn in diesem Staunen über diesen verfremdenden Text über das, was fünfjährige Mädchen sagen oder wie Mann und Frau ein Gespräch beginnen oder wie die Zärtlichkeit einer Mutter sich über den Text legen kann, entsteht gleichzeitig der Entwicklungsroman. In der Sprache wird das Leben ausprobiert, das Leyla leben will und das Leyla nicht leben will. In den Erzählungen vom schönen Bruder Djengis, der von der aus Istanbul gekommenen, staatstreuen Lehrerin verführt wird, von der großen Schwester Yasmin, die in einer stillen Nacht ohne viel Aufhebens ein Kind vom eigenen Vater gebiert, von der Kurdin Manolya, die Leyla mit ihren freien Ansichten erschreckt – Tugendrose! –,  erscheinen soziale und gesellschaftliche Konflikte, ohne als solche benannt zu werden. Es wird nichts diskutiert und nichts verhandelt, es gibt keine pathetischen Landschaftsbeschreibungen und kein Thema, das über Leylas Wahrnehmungshorizont hinausginge: Pralinen, die ihr von den zwei Basarschönheiten vom Balkon geworfen werden, die Stricknadel-Abtreibungstechniken der Istanbuler Nachbarin, die Puppe Püppchenpupp. Bei all dem ein Gesellschaftsroman, ein politischer Roman, ein Familienroman in dieser mäandernden, spielerischen Sprache, die Ausdruck ist der weit dem Leben gegenüber aufgerissenen Augen Leylas.

Zaimoglu muß viel recherchiert haben für diesen Roman, er muß viel über die deutsche Sprache nachgedacht haben und hat sie ganz offensichtlich schnell und langsam durch Adern und Herz fließen lassen. Und diese Arbeit, diese Empfindung und dieses Glück vermittelt sich über fünfhundert Seiten lang dem Leser.

Feridun Zaimoglu: Leyla (Kiepenheuer&Witsch 2006)

Kommentare

2 Anmerkungen to “Feridun Zaimoglu, Leyla”

  1. Stein schreibt am Montag, 29. Juni 2009

    Eine wunderbare Rezension, Silberberg, die grosse Lust auf das Buch macht und, da bin ich mir sicher, ins Schwarze trifft!

  2. Leyla melone | Monaschilling schreibt am Mittwoch, 11. Juli 2012

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