Montag, 23. Oktober 2017

Sebastian Haffner, Anmerkungen zu Hitler

haffnerDer Architekt der Katastrophe
Als ich kürzlich vom Joggen zurückkam, sah ich auf einem Mäuerchen an der Straße eine Kiste mit Zu-verschenken-Büchern, darunter eine CD-Box mit dem Hörbuch «Anmerkungen zu Hitler». An diesem Titel konnte ich nicht vorbei gehen.

«Anmerkungen», das klingt viel versprechend, da zu bewältigend. Anmerkungen haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, auf umfassende Darstellung, auf Tiefe. Hitler, für mich fast ein Abstraktum, immer ohne Vornamen, so als würde ich «Krieg» sagen oder «Vernichtung», spukt, seit ich ein geschichtliches Bewusstsein entwickelt habe, in meinen Gedanken herum, wenn es um jene dunkle Epoche deutscher Geschichte geht. Oft hatte ich den Eindruck, dass Hitler kein Mensch aus Fleisch und Blut war. Er ist Symbol für die Verachtung der Menschlichkeit, das personifizierte Böse, der Spiegel der damaligen deutschen Gesellschaft. Diese Anmerkungen, so dachte ich, können mir vielleicht erklären, warum sich das für mich so darstellte, und Licht in das von Haffner zitierte Tucholskywort bringen: «Den Mann gibt es gar nicht; er ist nur der Lärm, den er verursacht.»

Sebastian Haffner studierte Jura, wurde Journalist, emigrierte 1938 nach England, kehrte später nach Deutschland zurück und arbeitet unter anderem für «Die Welt» und den «Stern». Auf Anregung des Verlegers Helmut Kindler gab er 1978 die «Anmerkungen zu Hitler» heraus. Die Entstehungsgeschichte des Werkes ist mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Deutschland verknüpft: Vorausgegangen war eine breite Diskussion darüber, was die Jugend Ende der 70er-Jahre über diese Epoche weiß. 1977 hatte der Spiegel eine Titelgeschichte über das Hitlerbild der jungen Generation gebracht, basierend auf einer Studie, in der in allen Schultypen (102 Lehrer beteiligten sich) ein Aufsatz geschrieben wurde mit dem Titel «Was ich über Adolf Hitler gehört habe». Das Ergebnis war erschreckend: viele der Schüler wussten nicht genau, für was Hitler stand, andere zeigten sogar Sympathie. Es stellte sich schnell heraus, dass es neben der Hitlerbiografie von Joachim C. Fest (über 1200 Seiten dick) kein vergleichbar differenziertes Werk zu Hitler gab. Etwas Kürzeres musste her, im Umfang von etwa 200 Seiten: Anmerkungen zu Hitler, damals monatelang auf der Bestsellerliste und von jeder wichtigen Zeitung ausführlich besprochen. In diesem Buch (in meinem Fall: Hörbuch, gesprochen von Haffner selbst) fand ich Antwort auf meine Frage, warum ich Hitler nicht als Menschen wahrnehmen kann. Und ich fand noch mehr: ein analytisches Porträt, eingebettet in die Zeitgeschichte, geschrieben in einer, da muss ich zustimmen, «ruhigen und kühlen» Sprache (Golo Mann).

Hitlers persönliches Leben war dürftig und eindimensional. Er interessierte sich vor allem für Politik. «Erst wird er von der Geschichte gemacht, dann macht er Geschichte. Was Hitlers Leben im Sonstigen hergibt, sind Fehlanzeigen», so Haffner. In Hitlers Leben «fehlt alles, was einem Menschenleben normalerweise Schwere, Wärme und Würde gibt»: Bildung, Beruf, Liebe und Freundschaft, Ehe, Vaterschaft. Hitlers Leben war inhaltslos. Und es war ein «eigentümlich leichtes, leicht wegzuwerfendes Leben», das durch einen Selbstmord sein Ende fand. Vielleicht, so kam mir in den Sinn, war das der Grund für den Wunsch, in angeblichen Tagebüchern Hitlers etwas über ihn als Menschen zu erfahren. Dieses Bedürfnis ist, so denke ich, bei vielen da und wird leicht mit Sensationslüsternheit verwechselt. In Deutschland herrschte lange der Konsens, dass Hitler nicht vermenschlicht werden darf, damit man nicht vergisst, was für ein Unmensch er war. Sebastian Haffner zeigt Hitler als einen Unmenschen anderer Art: als einen Un-Menschen, dem alle wesentlichen menschlichen Attribute fehlen. Er hatte nichts zu verlieren, denn er hatte nichts. Er lebte außerhalb von Bindungen, von Verantwortung, von Verlustängsten. Das macht einen Menschen gefährlich, denn wem alles egal ist, der ist zu allem bereit.

Das Buch, eher Essay als Biografie (Golo Mann schrieb dazu: dass Hitler ein Massenmörder gewesen sei und kein Staatsmann, sei Argument gegen eine Biografie, da es sich «nicht schicke», die Biografie eines Massenmörders zu schreiben) besteht aus sieben Kapiteln: Leben, Leistungen, Erfolge, Irrtümer, Fehler, Verbrechen, Verrat.

Hitlers Leben ist aus eben genannten Gründen schnell abgehandelt. Seine Leistungen stellt Haffner jenseits von Werturteilen dar, denn «Leistungen sind als solche moralisch neutral. Sie können nur gut oder schlecht sein, nicht gut oder böse.» Zu diesen Leistungen gehört das Wirtschaftswunder, innerhalb dessen die sechs Millionen Arbeitslosen Arbeit fanden, die Wiederbewaffnung und Aufrüstung Deutschlands, die sich vor allem durch die Schaffung von Panzerdivisionen und -armeen für die Feldzüge der Jahre 1939 bis 1941 manifestierte, und die «Sozialisierung des Menschen», der (ähnlich wie in der damaligen DDR) in verschiedene Systeme der Gemeinschaft integriert wurde (Jungvolk, Hitlerjugend, SA und SS, Deutsche Frauenschaft usw.).

Hitlers außenpolitische und kriegerische Erfolge und Misserfolge werden mit der Beschaffenheit der Hitlerschen Gegner erklärt: «Hitlers Erfolge sind nie gegen einen starken oder auch nur gegen einen zähen Gegner errungen worden (…)». Haffner gibt Einblick in die Zeitgeschichte und zeigt die Basis für Hitlers Erfolge und Misserfolge. Er unterscheidet zwischen Leistungen (sie gehören der Person an) und Erfolgen (an denen immer zwei beteiligt sind) und liefert damit ein plausibles Erklärungsmuster für das extreme Auf- und Ab von Erfolg und Misserfolg. Sein Fazit: «Immer stürzte er nur das Fallende, tötete das Sterbende.» Hitler hatte einen Instinkt dafür, der zwar von Vorteil war, jedoch «weniger dem Blick des Adlers als der Witterung des Geiers» gleicht.

Im Kapitel über Hitlers Irrtümer geht Haffner auf die Theorie ein, die Hitlers Welteroberungs-plänen zugrunde lag. Die Konzeption des «Lebensraums», den «die deutsche Rasse» (hier wird Hitler zitiert) benötigt, war irrtümlich: «Wohlstand und Macht hängen seit der industriellen Revolution nicht mehr von der Größe des Bodenbesitzes ab, sondern vom Stand der Technologie.» Ein weiterer Irrtum habe darin gelegen, dass Hitler «im Deutschen Reich einen ernsthaften Kandidaten für die Weltherrschaft sah». Haffner distanziert sich von der Neigung, alles, was Hitler dachte oder tat, von vornherein als irrtümlich anzusehen, eben nur weil Hitler es dachte oder tat. Er stellt mehr dar, als dass er wertet – was in vielen Punkten überflüssig wäre, denn die Darstellung spricht für sich.

Der erste große Fehler Hitlers war sein Antisemitismus, auf den er sich (aufbauend auf einer kruden Theorie von jüdischen Welteroberungsplänen und rassischen Durchmischungen) versteifte. Durch ihn verlor er in Deutschland alle vaterlandsliebenden Juden und deren Freunde. Sein zweiter großer Fehler war, 1940 die Stellung Deutschlands nicht zu nutzen, um ein vereintes Europa zu schaffen. Haffner zufolge wäre etwa Frankreich zu einem Friedensschluss mit Hitler bereit gewesen, wenn dieser von ihm angeboten worden wäre. Doch Hitler wollte keinen Frieden – er wollte den Krieg mit Russland, um den neuen Lebensraum für die Deutschen zu beschaffen. Der unprovozierte Überfall auf Russland war sein dritter großer Fehler. Hitler war so sehr davon überzeugt, dass Russland innerhalb eines halben Jahres geschlagen sein wird, dass er die deutschen Soldaten ohne Winterausrüstung in den Krieg schickte. Er schätzte die Lage absolut unrealistisch ein. Sein vierter großer Fehler war, Amerika den Krieg zu erklären. Damit war das Schicksal Deutschlands besiegelt.

Im Kapitel «Verbrechen» begibt sich Haffner auf gefährliches Glatteis, wenn er behauptet, die Siegermächte hätten nicht klug gehandelt, als sie die Nürnberger Kriegsverbrecher-prozesse so stattfinden ließen, wie sie stattfanden. Es gebe, so Haffner, in vielen Kriegen Kriegsverbrechen, und alle Beteiligten täten nach dem Ende eines Krieges gut daran, diese zu vergessen, um dem Frieden und dem Alltag eine Chance zu geben. Die Nürnberger Prozesse hätten in den Deutschen ein Gefühl der Ungerechtigkeit hervorgerufen und außerdem dazu geführt, dass man gegen «den besonderen Charakter der Hitlerschen Verbrechen abgestumpft wurde». Diese «Hitlerschen Verbrechen» waren die Massentötung von Kranken in Deutschland, der Zigeuner in Deutschland, die Ermordung der polnischen und russischen Intelligenz- und Führungsschicht und die Ermordung Millionen von Juden. Hitler ließ zahllose Menschen «zu keinem militärischen oder politischen Zweck, sondern zu seiner persönlichen Befriedigung» umbringen. Haffner bleibt eine Erklärung dafür schuldig. Zwar ging er zuvor auf Hitlers Weltanschauung und seine Theorien von Rasse und Lebensraum ein, diese können aber einen solchen kranken Fanatismus nicht erklären. Vermutlich würde am ehesten eine Psychoanalyse post mortem Beweggründe zutage fördern.

Im letzten Kapitel, «Verrat», legt Haffner dar, dass Hitler in den letzten Monaten vor Kriegsende nur noch eins im Sinn hatte: den totalen Ruin Deutschlands. «Wenn das deutsche Volk einmal nicht mehr stark und opferbereit genug ist, sein Blut für seine Existenz einzusetzen, so soll es vergehen und von einer anderen, stärkeren Macht vernichtet werden. Ich werde dem deutschen Volk keine Träne nachweinen», zitiert Haffner Hitler. Mit seinen Befehlen vom 18. und 19. März 1945 wollte Hitler die Deutschen «zu Hunderttausenden auf einen Todestreck ins Landesinnere schicken und dort gleichfalls alles, was sie für primitivstes Weiterleben brauchten, zerstören» lassen. Nur weil diese Befehle nicht von allen ausgeführt wurden, kam es nicht so weit. Hitler verriet am Ende das Volk, das er anfangs zu «Herrenmenschen» auserkoren hatte.

«Anmerkungen zu Hitler» ist ein sehr subjektiver Text, in dem oft etwas angenommen und vermutet und auch behauptet wird, ohne es immer zu belegen. Es ist ein Text ohne Fußnoten, und darin liegt seine Stärke, aber auch seine Schwäche. Ich möchte mich am Ende den Worten Golo Manns anschließen: «Ein geistvolles, durchaus originelles und klärendes Buch; ich bin dankbar dafür trotz mancher Einwände.»

Sebastian Haffner, Anmerkungen zu Hitler, Der Audio Verlag 2001 (Original: Kindler Verlag 1978)

Kommentare

3 Anmerkungen to “Sebastian Haffner, Anmerkungen zu Hitler”

  1. Ueli Oswald schreibt am Dienstag, 9. Juni 2009

    Wie aus Stein gemeisselt: Originell in der Ausgangslage, sehr klar und analytisch im Inhalt – und trotzdem unterhaltend. Diese Frau sollte man keinesfalls unterschätzen!

    Und dann freue ich mich schon auf den Juli…

  2. Silberberg schreibt am Donnerstag, 11. Juni 2009

    Lustig, gerade die «Ausgangslage», also die Einleitung des Textes, finde ich weniger gelungen (woran man beruhigenderweise wieder sehen kann, wie unterschiedlich Rezensionsleser funktionieren). Ich verstehe nicht, was es mit dem Buch zu tun haben soll, dass Stein vom Joggen kam, also too much information für mich, eine Irritation, über die ich im Anschluss fast die interessanten Überlegungen zum Zusammenhang von «Anmerkungen» und «Hitler» überlesen hätte. Also bloss Einleitungs- (und Schluss –, wofür sich Golo Mann anschliessen bei einem so belanglosen Zitat?)-Stilkritik: der Rest ist klasse.

  3. Stein schreibt am Donnerstag, 11. Juni 2009

    Die Einleitung sollte eigentlich darstellen, dass der Titel «Anmerkungen zu Hitler» stark ist – so stark, dass ich im Vorbeirennen Halt machte und umkehrte! Ich hätte genauso gut schreiben können: «Neulich stand ich vor einem Schaufenster einer Buchhandlung und sah das Buch «Anmerkungen zu Hitler». Der Titel sprach mich so sehr an, dass ich hineinging und es kaufte.» Nur, dass ich halt nicht vor einem Schaufenster auf das Buch aufmerksam wurde!
    Das Golo-Mann-Zitat am Ende habe ich wegen der Bemerkung «ich bin dankbar dafür trotz mancher Einwände» gewählt; da stimme ich nämlich mit ihm überein. Das Zitat ist mit der Rezension von ihm verlinkt, worauf ich mich dadurch indirekt beziehe … um nicht alles, was er anmerkt, nochmal anmerken zu müssen.

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