Montag, 11. Dezember 2017

Eine Literaturkritik schreiben

Bücher dürfen auch mal in hohem Bogen aus dem Fenster fliegen
Zu einem Buch muss man etwas zu sagen haben – andernfalls schreibt man besser nichts darüber. Wenn man etwas zu sagen hat, ist das aber immer noch nicht die halbe Miete. Nun gilt es, die Balance zu finden zwischen Angaben zum Inhalt (schliesslich will man weder eine Nacherzählung schreiben noch eine Inhaltsangabe liefern), Interpretation und Analyse (die Literaturkritik ist keine wissenschaftliche Arbeit) und Folgerungen (die Literaturkritik ist zwar immer subjektiv, sollte sich aber in einem gewissen Mass um Objektivität bemühen).

Es ist nicht ratsam, sich als Schreibender über Literatur zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Eine Kritik soll zwar den Intellekt ansprechen, ihn beflügeln und fordern, sie soll aber, wie es die Maxime des kürzlich verstorbenen Lord Dahrendorf war, vor allem eines sein: gut lesbar. Denn wer sich durch brillante Schachtelsätze und fremdwörterdurchzogene Satzkonstrukte durchkämpfen muss, um den Kern der Sache zu erfassen, gibt vielleicht frühzeitig entnervt auf oder quält sich mit Minderwertigkeitskomplexen durch den Rest des Tages.

Wenn der Kritiker schlecht drauf ist (eine Stimmung, die durchaus der Lektüre des besprochenen Buches entspringen kann), pfeift er auf die Empathie und lässt alle Objektivität fahren, wie etwa Friedrich Hebbel, der 1858 einen Verriss zu Stifters «Nachsommer» schrieb (ich zitiere aus «ZEIT Literatur» vom Juni 2009): «Drei starke Bände! Wir glauben Nichts zu riskiren, wenn wir Demjenigen, der beweisen kann, dass er sie ausgelesen hat, ohne als Kunstrichter verpflichtet zu sein, die Krone von Polen versprechen.»

Die genussvoll-hämischen Gefühle, die ein solcher Satz hervorrufen kann, ersparen mir dennoch nicht die Frage, ob es darum geht: Häme (oder Protest) im Literaturkritikleser hervorzurufen. Es gibt natürlich Bücher, die man liest und für schlecht befindet. Allerdings frage ich mich bei Kritikern, die etwa «500 Seiten gähnende Langeweile» monieren, immer etwas ratlos, warum sie dann überhaupt über ein solches Buch schreiben. Oder: Warum sie nicht auf Seite 200 aufgehört haben, das Buch zu lesen. Eine Kritik kann zwar kathartischen Charakter für ihren Verfasser haben – aber hat der Leser auch was davon?

Doch manchmal, ich gestehe es, lese ich mit grossem Genuss den Veriss eines Buches, dessen Autor ich nicht schätze, und denke mir: «Aha, dachte ich es mir doch, dass XY nicht schreiben kann!»
Peter Handke schreibt in seinem Aufsatz «Marcel Reich-Ranicki und die Natürlichkeit» aus dem Jahre 1968 (abgedruckt unter anderem in dem Band «Ich bin ein Bewohner des Elfenbeintums») über die Gefahr dieses «Aha»-Erlebnisses. Der Aha-Leser sei jener «ordentliche Durchschnittsleser», der mit «unbestimmtem Gefühl» auf Literatur reagiere und der mit mechanischem, abrufbarem Vokabular zufrieden gestellt werden könne. Ein Kritiker, so Handke, sollte jedoch nicht die diffusen Eindrücke von Lesern bestätigen oder ihnen eingängige Formeln liefern, die sie zufrieden anwenden und reproduzieren können. Hinter einer solchen Erwartungshaltung steht der Wunsch nach Eindeutigkeit, nach einer klaren Meinung, einem Urteil. Doch selten verhält sich etwas so oder so – je nach Blickwinkel zeigen sich meistens viele Facetten.

Ein Buch kann tödlich langweilig sein, wenn äußere Handlung fehlt, gleichzeitig aber in einer mitreissenden Sprache geschrieben (ich riskiere jetzt Widerspruch, wenn ich als Beispiel Musils «Mann ohne Eigenschaften» anführe, der sicher auch aufgrund seiner sparsamen äußeren Handlung so manchen Leser zwischen Seite 1 und 200 verloren hat).

Die Facetten eines Buches sollte man als Kritiker, das ist man dem Leser schuldig, wann immer es geht so gut wie möglich in die Kritik einfliessen lassen (ausser man kündigt schon in der Überschrift die Hymne oder den Verriss an). Dabei darf man als Kritiker auch selbst sprechen (und muss nicht, wie Handke es an Reich-Ranicki kritisiert, «den Leser» oder «den armen Leser» vorschieben). Allerdings ist es einem Kritiker nicht immer möglich (und es ist auch nicht immer sinnvoll), aus einem Buch interessante und/oder positive Aspekte herauszukitzeln. In einem solchen Fall sollte sich der Kritiker bemühen, seinen Verriss geistreich und in ironischem Ton zu schreiben, damit der Leser was zu lachen hat.

Am Ende einer Kritik sollte man als Leser «irgendwie» (das genaue «Wie» unmerklich zu sein lassen, ist die grosse Kunst) einen Eindruck davon bekommen haben, um was es in dem Buch geht, was warum seine Stärken und Schwächen sind – und man sollte, wer will es bezweifeln, einen mitreissenden, sprachlich ausgezeichneten und neue Horizonte eröffnenden Text gelesen haben, den man weglegen kann mit dem Satz: Mensch, das Buch muss ich unbedingt lesen! Oder: Gut, dass ich es mir nicht schon gekauft habe! Einem Buch sollte ein Kritiker nämlich die Fahne halten, oder er sollte es über Bord schmeissen, Facettenreichtum hin oder her.

Kommentare

6 Anmerkungen to “Eine Literaturkritik schreiben”

  1. Silberberg schreibt am Mittwoch, 15. Juli 2009

    Schwierig. Richtig. Richtig? Funktioniert ein solches Rezept, wie du es hier versuchst? Das «Kursbuch» hat vor etwa zehn Jahren einmal eine Untersuchung darüber angestellt, was Kritiker von einem Buch – es ging um Robert Schneiders «Luftgängerin – noch erinnerten, das sie vor einem Jahr rezensiert hatten. Nicht viel. Aber alle konnten sich noch daran erinnern, wie sie es fanden – und an ihre brillianten Verrisse. Irgendwie erscheint mir das symptomatisch für die merkwürdig ambivalente Textform Kritik. Ohne hier mit der Moralkeule herumzuschwingen – es geht mir auch oft so, dass ich «meinen Eindruck» noch ganz präsent habe, derweil sämtlicher Inhalt perdu ist – glaube ich, dass, wie du auch erwähnst, die Literaturkritik häufig in ein Missverhältnis zu dem zu besprechenden Text gerät. Denn sie ist zwar eine eigene Kunstform, dennoch hierarchisch unterlegen, indem sie über einen anderen, den originären, Text schreibt, dem die eigentliche Bühne gebührt. Diesen Spagat bekommen nicht viele hin bzw. dafür von den Zeitungen auch einfach nicht genug Raum – die erste tolle Rezension, die ich über die «Feuchtgebiete» gelesen habe, erstreckte sich über eine ganze Seite, ärgerlicherweise weiss ich nicht mehr, in welcher Zeitung, und nahm sich alle Zeit der Welt, das Buch im Kontext feministischer oder pseudofeministischer einzuordnen, umzuordnen, zu feiern. Differenzieren ist halt anstrengend. Viel lesen auch. Und begründen am alleranstrengendsten. Dennoch wundere ich mich – auch anlässlich Steins und Silberbergs Kritiken –, dass es dennoch ein diffuses Ideal der «richtigen» Kritik zu geben scheint, deren Koordinaten du hier im Ansatz zu versammeln versuchst. Warum sind wir nicht ein bisschen mutiger und versuchen, diese Ordnung mal zu hinterfragen – ich habe nur beim «Autograph Man» mal einen Keinen-Inhalt-erzählen-Versuch gemacht. Oder wollen wir mal so eine richtig fett arrogante, in ihrer Ichbezogenheit aus absolut allen Nähten platzende, das Buch überhaupt nicht mehr erwähnende Rezension schreiben? Wir sind ausgezogen, das Rezensionswesen zu erforschen, dennoch kommt es mir so vor, als wären wir, vielleicht durch die Lektüre tausender Rezensionen, in viel eingefahrenerem Fahrwasser, als wir selber gedacht hätten. Was meinst du?

  2. Stein schreibt am Mittwoch, 15. Juli 2009

    Danke für dein Kommentar, Silberberg! Provokation war durchaus in meinem Sinn. Was ich versucht habe, unter «Das gehört in eine Kritik rein» zu summieren, ist natürlich viel von dem, was man so lesen kann in allen möglichen Zeitungen. Aber obwohl ich dir zustimme (Ja, wir sollten wirklich versuchen, in fremderen Gewässer zu rudern), braucht man eigentlich das Feedback der Leser und Leserinnen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Wirkung eine Kritik oder Buchbesprechung (um mal nicht immer die grosse Kunstform der Kritik zu bemühen – denn eine Kunst ist das Kritisieren, es gibt Lehrstühle zu diesem Fach!) hat. Ich kann nur von mir selbst sprechen, wenn ich sage: Zu kurz ist meistens schlecht, weil der Text dann nicht in die Tiefe geht; zu lang auch, weil ich meistens weder Zeit noch Lust habe, mich auf einen langen Text einzulassen (meistens, nicht immer), ohne auf den Inhalt einzugehen ist schwierig, weil dann keiner weiss, um was es geht, zu sehr auf den Inhalt eingehen ist blödsinnig, weil eine genaue Beschreibung der Handlung noch nichts über die Qualität eines Textes aussagt … Ich will eigentlich keine Kritik schreiben, die anders als alles andere ist, nur damit sie anders ist … Aber was eine Kritik «gut» macht, das finde ich sehr interessant, und ich bin sicher, es gibt Kriterien dafür, denn sonst gäbe es nicht gelungene und weniger gelungene Kritiken. Was meinst du?

  3. Highdraw schreibt am Donnerstag, 16. Juli 2009

    Meine Damen, ich finde dies schreit nach einem Podcast, zumindest nach einem Versuch diese Diskussion auch audiophilen Menschen zugänglich zumachen; auf jeden Fall interessante Gedankengänge hier.

  4. Stein schreibt am Freitag, 17. Juli 2009

    Lieber Highdraw

    Podcast – eigentlich eine gute Idee! Aber wie das bewerkstelligen?

  5. now » Denn wer sich durch brillante Schachtelsätze und... schreibt am Sonntag, 19. Juli 2009

    […] auf oder quält sich mit Minderwertigkeitskomplexen durch den Rest des Tages. — Stein – Eine Literaturkritik schreiben July 19th, 2009 / 0 Comments / […]

  6. Johannes schreibt am Freitag, 4. Februar 2011

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    gerne würde ich eine Kritik für mein Manuskript von ihnen bekommen. Bitte schreiben sie mir eine E-Mail ob dies Möglich wäre und ob dies etwas kostet.

    Mit freundlichen Grüßen Johannes Klaus

  7. Chelsea Wallace schreibt am Donnerstag, 18. Mai 2017

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  11. Ann Weaver schreibt am Montag, 26. Juni 2017

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  12. Ann Weaver schreibt am Samstag, 1. Juli 2017

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  15. Ann Weaver schreibt am Dienstag, 1. August 2017

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