Montag, 23. Oktober 2017

Esther Kinsky, Sommerfrische

cover_kinskyLiebe Silberberg,

ein Stichwort in deinem Brief hat mich heftig nicken lassen. Beim Lesen fiel mir das gar nicht auf, und beim hinterher über das Gelesene Nachdenken auch nicht, aber jetzt, wo du es sagst, weiß ich, was mich am meisten gestört hat: Ich habe kein einziges Mal gelacht beim Lesen dieses Buches. Und auch nicht geschmunzelt. Nicht mal innerlich. Und das ist irgendwie traurig. Aber ich muss, glaube ich, mit meiner Leseerfahrung anfangen, um das diffuse Unwohlsein einzufangen, das dieses Buch mir beschert hat.

Vielleicht, so denke ich, hat dieses Buch eine bessere Leserin als mich verdient.

Eine Leserin, die das Buch in einem geräuschfreien Raum aufschlägt. Die Worte verschwimmen mir im Gehirn, wenn ich in der S-Bahn, in der Straßenbahn oder im Freibad das Buch an der Stelle mit dem Lesezeichen aufschlage. Immer wieder suche ich nach dem Eingang – dem Eingang in die «Geschichte», in Esther Kinskys Sprache –, und diese Suche verschlägt mich nicht selten wieder zum Kapitelanfang, und ich lese Sätze ein zweites und drittes Mal, ohne mich erinnern zu können, sie schon einmal gelesen zu haben.

Es sind schöne Sätze, kunstvoll gebaut, dicht gefügt, in denen Edelsteinwörter glitzern und Tiaren aus Satzgefügen schillern. Esther Kinsky bürstet die Sprache gegen den Strich. Diese Sprache verweigert sich dem schnellen Lesen, dem Vorwärtskommen, dem Hinfliegen über die Sätze, dem Im-Kopf-den-Satz-Vervollständigen, während man schon beim nächsten ist. Jenseits dieser Sprache ist aber nichts; die Worte sind keine Fuhrwerke für eine Handlung, und da geht es mir wie dir: Ich mag Literatur, die erzählt. Ich mag keine Sprache um der Sprache Willen.

Immer wieder versuche ich beim Lesen, einer Handlung auf die Spur zu kommen. Immer wieder muss ich Sätze wieder lesen, weil ich sie beim ersten Lesen nicht verstanden habe. Immer wieder lege ich das Buch seufzend beiseite. 

Esther Kinsky erschafft sich eigene Wörter, und ihre eigenen, neuen Wörter stauen den Textfluss und lassen mein Leserauge stolpern. Anstatt nach vorne zu lesen, stolpere ich also ständig über Esther Kinskys eigene Wörter und denke über diese Wörter nach:

Dürrschüttern, schwarzledern, Waldwülste, Scheinkleid, Dammkronen, Flutwiesen, stumpfschuppig, Unglücksmenge, Streitfetzen, Klackersandalen, Swimmingpull, Ruthfrau, Zwiebelmänner, Schrottsprache, weißgleißend, betonrissig, Zuckhälse, Nichtsding, Daseinslaut, Extrawurstbrot, Brotschwämmchen, scheinzahm, schlagflüssig, Blitzwitzkiste, Streichelbörse, dummschnäblig.

Und während ich über diese Wortschöpfungen nachdenke, verfestigt sich in mir das Gefühl von kritischer Distanz zu einem handfesten Gedanken: Esther Kinskys Sprache (abgesehen von den Figuren, die, wie du zu Recht schreibst, anders sprechen) passt nicht zu den von ihr beschriebenen Figuren. Beispielsweise die Mutter von Miklós, Alkoholikerin, die der Sohn morgens mit dem Kopf auf dem Küchentisch schlafend vorfindet; die einen weiteren Knopf der Bluse aufknöpft und eine Zigarette raucht, wenn sie männlichen Besuch ins Haus lässt. Diese Figur, so scharf und treffend sie skizziert ist, wird unter der Feder Esther Kinskys zur Kunstfigur. Die lyrische Sprache hebt die Figurenrealität auf eine Kunstebene, und dann wird es künstlich.

Ich lege das Buch am Ende beiseite mit dem Gefühl eines Zuviel: zuviel des Guten. Ich habe in diesem Buch das ganz Besondere dargeboten bekommen, und nun habe ich Sehnsucht nach dem ganz Alltäglichen. Nach einer Tankstelle, die eine Tankstelle ist, und einem Flussmatschloch, das ein Flussmatschloch ist. Ich mag Flussmatschlöcher, und ich mag eine Literatur, in der ein Flussmatschloch matschig ist.

Stein

Esther Kinsky, Sommerfrische, Berlin 2009

Kommentare

Eine Anmerkung to “Esther Kinsky, Sommerfrische”

  1. Silberberg schreibt am Freitag, 17. Juli 2009

    Sehr schön, Stein. Siehst du, das ist vorsichtige und angemessene Literaturkritik, indem man einem Buch eine Qualität zuspricht, die man vielleicht nur nicht mit den eigenen Lesebedürfnissen vereinbaren kann. Alles, was du hier über Kinskys Roman schreibst, wären für mich Indikatoren für ein gutes Buch: eine eigene Sprache, ein aus dieser Sprache selbst kommender Imperativ, langsam zu lesen, ein Sichsperren des Buches, zu schnell geschluckt zu werden, Charakterisierungen, die eine Figur aus dem Alltäglichen herausheben und zur Kunstfigur machen – das alles würde mir Lust machen, das Buch zu lesen, wenn ich es nicht schon getan hätte. Ein Buch also, das nach Ruhe verlangt, das Sätze enthält, die sich nicht gleich wiedererkennen lassen, die bei jedem Lesen ein neues Kleid zu tragen scheinen und der gleiche Text also jedesmal anders wirkt – boah. Du gibst dabei zwar eine Bewertung ab, die nicht günstig ausfällt, arbeitest aber gleichzeitig die potentiellen Qualitäten des Buches heraus, die eine anders gestimmte Leserin als solche erkennen könnte. Chapeau.
    Diese Sensibilität habe ich vermissen lassen, habe aber versucht, diese Sprache – gerade weil sie alles tragen muss – zumindest im Detail genauer anzusehen, mit dem ernüchternden Ergebnis, das dort eben nicht alles Gold ist, was glänzt (die von dir zitierten Wortschöpfungen hingegen finde ich wieder gut, und auch ich habe mich hier häufig nicht erinnert, das schon gelesen zu haben!). Die falschen Bilder, der symbolisierende Plural, die vielen schönfärberischen Adjektive; hier vermeinte ich den Schlüssel gefunden zu haben zu diesem Buch, das hinter einer poetischen Pappfassade nichts enthält. Aber, wie du schreibst: vielleicht braucht es hier bessere Leserinnen als uns beide!

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