Montag, 11. Dezember 2017

Esther Kinsky, Sommerfrische

cover_kinsky Liebe Stein,

wenn ich ein Buch verschlinge, wenn ich meinen Zimmerwänden, Kopfkissenbezügen oder Balkonnachbarn in kleinen Juchzern mein Lesebehagen zum Ausdruck bringe, wenn ich tief einatme und denke so! ja, genau so!, wenn ich das Buch nicht aus der Hand legen will oder wenn, dann nur mit einem kleinen Streicheln, dann schließe ich sogleich vom Kleinen aufs Ganze: große Literatur! Ich erzähle es in der Welt herum und finde Gründe massenweise, warum dieses und vor allem dieses Buch hirnkammernlüftend, weltverbessernd ist und von allen umgehend gelesen werden muss. Bleibt dieses Lesevergnügen hingegen aus, setzt ein anderer Mechanismus ein und ich rufe mich – ganz so als würde ich vor dem Essen Messer, Gabel, Löffel auf die ihnen zugedachten Plätze legen –  beim Lesen zur Ordnung: es ist alles eine Frage des Geschmacks! Allerdings hat man es, da wirst du mir zustimmen, wenn man zu solchen Ordnungsrufen gezwungen ist, wenn man sich selbst diszipliniert und die Kontingenz und Irrelevanz des eigenen Urteils vor Augen zu halten gezwungen ist, meist mit unerfreulicher Lektüre zu tun.

So ging es mir ab Seite 1 mit der „Sommerfrische“. Oder eher ab Seite 3 oder 4, denn ich war vor Beginn der Lektüre so fest davon überzeugt, ein gutes Buch in der Hand zu haben, dass ich es nicht gleich gemerkt habe, in was für einen pseudopoetischen, kitschverklebten Sumpf ich da – es ist alles eine Frage des Geschmacks! Aber ich mochte nicht stillsitzen. Ich mochte mich nicht in diese Wo-sich-im-Rhythmus-der-Jahreszeiten-alles-ändert-und-doch-gleichbleibt-Resignation hineinziehen lassen. Ich mochte die Welt nicht, die da so überreich beschrieben wird, diese ungarische Feriensiedlung am Fluss, das „üdülö“, ein Wort, was augenscheinlich selbst schon klagend über die umliegenden Sätze strahlen soll, so seufzend oft wird  – alles eine Frage des Geschmacks. Ich wollte sie nicht leiden, die große Hitze, für die immer neue Adjektive herangewalzt werden, die arme Natur, die mit Metaphorik und Geheimnis nur so zugeschüttet werden muss, weil im Roman sonst nichts passiert und man nichts hat außer den stehenden Bildern ungarischer Sommertristesse – dagegen wehrte sich schließlich mein ganzer Lesekörper.

Wenn du das nun alles nicht genau so siehst wie ich, habe ich schlechte Karten, denn wie gut geht mir die Polemik von der Hand, und wie schwer ist es doch, es genauer zu machen. Alles eine Frage des Geschmacks! Doch wandelt sich dieses Diktum sogleich und wird zum Vorwurf, wenn man ein Adjektiv draus macht: das Buch ist geschmäcklerisch. Es verlässt sich auf seine Sprache, die man im besten Fall poetisch, im schlechtesten Fall gewollt-poetisch nennen kann und die in ihrer Überstrapaziertheit zu falschen Bildern führt:

„Katica putzte die Abendfenster an der Tankstelle auf der Ecke, nur einen Sprung über die Gasse zum Garagenland, da war schon das Mäuerchen mit den Schönen, und Katica putzte, dass es quietschte zwischen Tuch und Glas, es roch nach Benzin und Chlor und Ammoniak in Katicas kleiner Putzwelt, die Autos kamen, gingen, bebten wartend vor den Zapfsäulen, behütet von den starken bildchenbunten Armen ihrer Lenker, die dann auf den gestellten Kehlen ihrer Fahrzeuge tiefer in den Abend segelten“.

Sieht man hier nicht exemplarisch die Hilflosigkeit eines Textes, der keinen Plot und keine Idee hat, sondern alles über Sprachtonleiter regelt, was, wenn sie schief sind, zwangsläufig zur Qual wird? Die zusammengesetzten Substantive, eine der großartigsten Eigenschaften der deutschen Sprache, machen hier nur Bemühtheit deutlich, das „Mäuerchen mit den Schönen“ transponiert die Prostituiertenrealität der Autobahnperipherie vorsichtshalber auch noch in poetisch höher stehende Sphären – und ganz falsch werden dann die vor Zapfsäulen bebend wartenden und dann auch noch in den Abend segelnden Kehlen.

Wirfst du mir nun Korinthenkackerei vor? Aber, entgegne ich gleich, fordert das Buch diese nicht selbst heraus, indem man mit solchen Lianensätzen zu ringen gezwungen ist, deren Wurzel man während des Kampfes unwillkürlich begreifen will: was ist es, was hier so mühsam ist?

„Die drei Frauen saßen in einer Kneipe, Sonne im Rücken, zwischen fernen Pappeln stak der ferne Schornstein in den mittagsgrauen Himmel, sie tranken langsam, eine Hand abwesend um Besen und Eimer gelegt, die Instrumente ihrer verblühten Tätigkeit.“

Instrumente ihrer verblühten Tätigkeit? Besen und Eimer! Eine Frage des Geschmacks! – und doch: was für eine Stilblüte. Neben solchen Bildern, über die immer mehr und noch mehr Adjektive ausgegossen werden, damit alles alles noch und noch poetischer werde, habe ich mich auch über die „Pluralisierungen“ geärgert. die „Kozakjungs“, die Männer mit den Goldkettchen, die Männer von der Agrocompany, die Frauen „dick und weiß“, die „Zwiebelmänner“ usw. usf. Wieder ein Mittel, das Geschehen in ein diffuses Allgemeines, Unwirkliches, Symbolisches zu verrücken. Namen und Personen gibt es zwar auch, und Erholung vom auktorialen Poetisierungsblick hat man nur, wenn in einzelnen Kapiteln diese Figuren zum Reden kommen und ihre Geschichten erzählen. Sie bleiben zwar austauschbar und humorlos wie der Rest, doch haben sie wenigstens eine Stimme, die spricht und erzählt und nicht alles mit Kitsch zukleistert.

Ja, Stein, ich bin übellaunig, und ein ebenfalls übellauniger Leser könnte an meinen Negationen nun herausfinden, was es denn nun die von Silberberg geschätzte Literatur alles können muss: Figuren entwerfen, sich einen Plot zutrauen, Humor haben und sprachlich genau sein, erzählen, erzählen, erzählen. Eine Frage des Geschmacks! Die dennoch verhandelbar bleiben muss, findest du nicht? Und ich bin gespannt, ob du den Plot nachliefern kannst, den nun auch mein Geschreibe vermissen lässt….. .
Silberberg

Esther Kinsky, Sommerfrische, Berlin 2009

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