Montag, 23. Oktober 2017

F. Scott Fitzgerald, Zärtlich ist die Nacht

Fitzgerald_ZärtlichDie niemals Müden
Eine Blüte könnte sich nicht schöner entfalten als dieser Roman. Zuerst fast unscheinbar, wenig preisgebend, mit einer schillernden Haut, die das Innere umschließt, dann sich langsam und leise öffnend und einen leichten Duft verströmend und schließlich in seiner ganzen Farbpracht strahlend, um die Blütenblätter fallen zu lassen und zu vergehen. Die Vergänglichkeit der Schönheit ist nicht nur eins der Themen des Romans, sie spiegelt sich auch im Aufbau wieder und verleiht Fitzgeralds Sprache seine eigentümliche Spann- und Leuchtkraft.

Der Roman, unterteilt in drei Bücher, wartet im ersten Buch mit dem Höhenflug der Divers auf, einem jungen und schönen, gebildeten und wohlhabendem Paar, das sich an der Riviera eine Villa gebaut hat und Gastgeber mondäner Gesellschaften ist. Obwohl ich das ein oder andere Mal damit geliebäugelt habe, das Buch beiseite zu legen, weil sich ein seichtes sprachliches Geplänkel an das andere reiht und nichts geschieht, was den Namen «Handlung» verdient hätte, hatten Geschichte und Sprache mich schon gepackt und zogen mich hinunter in die Unterwasserwelt dieser Lustwandelzeit, in der Geld keine Rolle spielt und nichts mehr verabscheut wird als Langeweile und flache Gefühle. Die Divers, die sich darüber geeinigt haben, «nie für irgendetwas zu müde zu sein» und die ihre Mitteilungen manchmal aus Spaß mit «Dicole» unterzeichnen, wirken nach außen wie das perfekte Paar, das sich nach den Jahren ihrer Ehe, der zwei Kinder entstammen, immer noch wie frisch liebt. Nur manchmal bricht in einem von Fitzgeralds vermeintlich leicht dahingesagten letzten Kapitelsätzen etwas Dunkles durch die helle und scheinende Oberfläche: «Es ist nicht ratsam, sich über das zu äußern, was in diesem Haus vorgeht.» – «Wieder fragte sie sich, was Mrs. McKinsco im Badezimmer gesehen hatte.»

Das Unbekannte, das Geheimnis ist angekündigt und schwimmt von nun an in einiger Tiefe als dunkler Schemen mit, wenn die illustre Gesellschaft mit den Divers als Mittelpunkt in der Bucht des Hôtel des Etrangers schwimmen geht. Mit dieser wunderbar gezeichneten Sommerwelt im frühen Morgenlicht, dem klaren Wasser, dem «Purpur der Bergkette» und dem «strahlend weißen Stück Strand» beginnt der Roman, und die Anfangssätze perlen frisch und glitzernd über das Papier und hinterlassen einen leichten Salzgeschmack auf den Lippen, die man sich garantiert leckt. Jahre später, so am Ende des Buches beschrieben, sitzt Dick wieder an diesem Strand. Doch der Zauber der ersten Jahre, als die Riviera noch ein Geheimtipp und die Strände noch Tummelplätze von Dandys und Traumtänzern, Beaus und Gentlemans waren, ist verpufft. Der Strandurlaub hat sich schon längst von der Sommerfrische zur Erlebniswelt gewandelt. Dick sitzt, ebenfalls seiner faszinierenden Strahlkraft beraubt, also wieder an diesem Strand, diesmal am frühen Morgen schon mit einem Glas Alkohol in der Hand, das er leert, bevor er seine Familie zurücklässt. Der Psychiater Dr. Diver ist nun «frei: Der Fall war abgeschlossen.»

«Der Fall» – das ist Nicole, die er als Patientin in einer psychiatrischen Klinik in Zürich kennenlernt. In diesem zweiten Teil des Romans endlich wird gefühlt, erlebt und gehandelt; kein seichtes Geplänkel mehr, sondern reale Probleme Nicoles (die spiegelbildlich von der Figur Rosemarys, einer jungen und attraktiven Schauspielerin, aufgenommen werden, die mit ihrem Film «Daddys Girl» Bekanntheit erlangt). Nicoles Vater verpflichtet sich, seine Tochter mindestens fünf Jahre lang nicht zu sehen, um ihre Heilung nicht zu gefährden. Dick und Nicole werden ein Paar, was praktisch ist, da Nicole nun immer einen Psychologen um sich hat, der ihre «Schübe» abfangen kann, was Dick auch tut: Er kümmert sich vorbildlich um «die Kranke» – das wird sie für ihn immer bleiben, die Rollen sind festgeschrieben.

Im dritten Buch fühlt sich Nicole «fast wieder heil» und verlässt Dick schließlich wegen einem anderen Mann. Die Rollen werden getauscht; nun ist Dick der Hilflose, dem Alkohol verfallen entzweit er sich von fast allen seinen Freunden und verändert sich zusehends. Er kehrt zurück nach Amerika, von wo ab und an Nachrichten von ihm eintreffen, die immer seltener werden.

Die Handlung wird getragen von der zarten, treffsicheren Sprache Fitzgeralds, mit der er jene verzaubernden Ahnungen und Stimmungen einfängt: das «grünlich cremefarbene Dämmerlicht», die «feuerroten, gasblauen, geistergrünen Leuchtreklamen» oder etwa jene Beschreibung des Wassers, in dem Rosemary schwimmt: «Das Wasser griff nach ihr, zog sie liebevoll aus der Hitze heraus, lief ihr ins Haar und rann in alle Ecken und Winkel ihres Körpers. Genüsslich rollte sie sich darin herum und schloss es in die Arme.» Man möchte sie einfangen, die Bilder dieses Romans, und sich an die Wand hängen; doch wäre das eine Schmetterlingsjagd, bei der man nach den zarten und bunten Wortgeschöpfen hascht, die man dann doch wieder freilässt, damit sie nicht vergehen. Ich las viele Seiten erneut und fand jedes Mal neue Verstrickungen und Verbindungen, und das Rauschen der Sätze und Flattern der Wörter wurde nicht leiser, sondern lauter.

F. Scott Fitzgerald, Zärtlich ist die Nacht, Diogenes 2006 (Original: Tender is the Night, New York 1934)

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