Montag, 11. Dezember 2017

Klaus Kreiser, Atatürk. Eine Biographie

AtatürkEin blinder Fleck
Wenn man im Jahr 2009 ein Buch über Atatürk zur Hand nimmt, will man mehr als die Biographie Mustafa Kemals lesen. Denn Atatürk, 1881 als ein x-beliebiger Mustafa in Saloniki geboren, scheint der Schlüssel zum Verständnis der heutigen Türkei. Selbst dem oberflächlichen Besucher wird klar, dass Atatürk das Gesicht, der Stein, die Metapher, das Selbstverständnis, die Moral, der schulische Morgenappell des Landes ist – und das 71 Jahre nach dem Tod des „großen Gazi“. Das Land ist rappelvoll mit steinernen Zeugen seines kurzen Daseins, mit Atatürk-Gebäuden, mit Atatürk-Gedenkveranstaltungen und kleine Dorfschuljungen rezitieren Gedichte zu seinen Ehren. Doch bis heute sind die Archive geschlossen, die Aufschluss geben würden über die nur fünfzehn Jahre, in denen Mustafa Kemal an der Spitze der Türkei stand; bis heute zieht schwere Restriktionen auf sich, wer den Geschichtsunterricht nicht erst 1923 beginnen lässt, dem Gründungsdatum der Türkischen Republik, und bis heute leiden Kurden und Armenier unter der rigorosen Ein-Volk-Politik des Staatsgründers. Die Frage nach dem EU-Beitritt der Türkei hat all das einer irgendwie irritierten Staatengemeinschaft vor Augen geführt, die nun um Zypern ringt, um die Realisierung des GAP-Staudammes mit Hilfe europäischer Gelder, um die Anerkennung des Genozids an den Armeniern und viel redet von den Brücken, die die Türkei als Vorhof Europas in die islamische Welt schlagen könnte.

Der blinde Fleck bei all dem, die No-Go-Zone gewissermaßen, ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Person und der Politik Atatürks, der das Land in einem Tempo und einer Grundsätzlichkeit verändert hat, für die es in der Weltgeschichte wohl nicht viele Beispiele gibt. Es scheint, als würde der Personenkult um Atatürk, die scheinbar ungebrochene Identifizierung der Türkei mit seiner Person, die gespenstische Abwesenheit einer nationalen Diskussion um seine Rolle, auch die EU und ihre Diplomaten einschüchtern, und man tut so, als könne man über sachliche Probleme und Kompromisse diskutieren.

Gerade in so einer Situation wäre eine Biographie Gold wert, die eine solche Mythisierung untersucht. Klaus Kreiser ist kein Türke, er ist emeritierter Professor für Turkologie an der Universität Bamberg und damit fern jeden Verdachts, etwa Propagandaschriften zu produzieren. Das tut er auch nicht. Doch er packt auch das heiße Eisen nicht an, das sein Gegenstand darstellt. Obwohl Atatürks Konterfei auf dem Cover prangt, strahlend unterlegt von der Nationalflagge, obwohl selbst der Klappentext verkündet, dass das „Phänomen Atatürk der entscheidende Schlüssel“ sei, um „die Türkei und ihre inneren Spannungen zu verstehen“, vermeidet es Kreiser peinlich, mit eigenen Theorien oder einer eigenen Darstellungsweise, kurz: mit einer These, ein Verständnis für diese Spannungen zu entwickeln.

Bis zu einem gewissen Punkt kann man ihn hier verstehen: Vermutlich war es von Beginn an seine Intention, auf Basis der ihm zugänglichen Quellen eine grundsolide Biographie zu schreiben, die auf jede Spekulation verzichtet und der Atatürk-Heldenverehrung ausweicht. Das Problem ist, dass man bei Atatürk mit einer grundsoliden Biographie nicht weiterkommt: dieses Leben ist, im Vergleich mit anderen politischen Göttern und Scharlatanen, gradlinig und einfallslos verlaufen und offenbart nichts über den, der es geführt hat. Mustafa Kemal Atatürk hat eine beeindruckende militärische Karriere gemacht, wie sie im Handbuch steht – und mit der daraus bereits erkennbaren Weitsicht und strategischen Intuition erkennt er in den Wirren am Ende des Ersten Weltkriegs seine Chance, die Griechen aus dem Land zu vertreiben, den Sultan abzusetzen und eine eigene Volkspartei ins Leben zu rufen.

Mehr ist, in polemischer Verknappung, auf dem historischen Brett nicht passiert. Umso dringlicher darum die Frage, wie „es“ passieren konnte: wie, um alles in der Welt, hat dieser militärische Funktionär es vermocht, einen jahrhundertealten Vielvölkerstaat in ein Groß-Anatolien umzuwandeln, wie hat er es geschafft, gleichzeitig eine Schrift (Arabisch) abzuschaffen und eine neue einzuführen (Türkisch), wie, in drei Teufels Namen, hat er ein zutiefst religiös geprägtes Land im Lauf von nur einem Jahrzehnt säkularisiert, wie hat er nur die Bevölkerung seines Landes in der gleichen Zeit überzeugen können, sie müssten von nun an auf Fez und Kopftuch verzichten und sich „europäisch“ kleiden.

Auf all diese Fragen, in denen sich selbstredend sachliches Interesse und voyeuristische Lust, etwas von diesem Kult nachzuvollziehen, mischen, gibt Kreisers Biographie keine Antwort. Sie ist eine erztrockene, geradezu statistische Lebenschronik (das englische Wort „account“ mit seiner Nähe zur Buchhalterei wäre noch angebrachter), in der jede Form des Erzählens vermieden wird. Nun ist es ein oft wiederholter und auch wenig konstruktiver Vorwurf, deutsche Historiker könnten im Gegensatz zu ihren angelsächsischen Kollegen nicht schreiben, hier allerdings tritt dieser Mangel tatsächlich schmerzlich zutage – nicht, weil man gern alles ein bisschen rockiger präsentiert hätte, das vielleicht auch, sondern weil durch diese mangelnde Erzählung das notwendige Verständnis für das, was in diesen Jahren in der Türkei passierte, nicht einstellen kann. Kreiser will sich ausschließlich auf Atatürks Person konzentrieren, dadurch allerdings hat man keine Gelegenheit, die fulminante Umwälzung nachzuvollziehen, die in den Jahren vor und während des Ersten Weltkriegs mit dem Osmanischen Reich geschah. Vergleichbar mit dem Zerfall der k.u.k. Monarchie hat der Zerfall des Osmanischen Reiches jedoch weit weniger Nostalgiker und Poeten auf den Plan gerufen; ist das auch Atatürks Verdienst, der mit eiserner Hand durch das Vakuum eines Epochenendes steuerte, das Volk auf westliche Lebensart trimmte und gar keinen Raum ließ für weitergehende politische und kulturelle Fragen? Hätte man nicht vielleicht erst einmal die Situation unter dem letzten Sultan Abdülhamit rekonstruieren müssen, um zu erkennen, in welche Lücke Mustafa Kemal sich hier zu positionieren vermochte?

Solche Fragen mögen der eigenen historischen Unbildung geschuldet sein, nicht allerdings lässt sich erklären, warum denn auch der Gegenstand des Buches selbst so  blass bleibt. Die Hochzeit mit Latife, immerhin ein Ereignis für einen jahrzehntelangen Junggesellen, wird auf Seite 254 rasch nachgetragen, auch wer die Adoptivtöchter waren, denen sich Atatürk offenbar gleich scharenweise angenommen hat, woher sie kamen und warum, wird nicht erklärt. Hier wird die verordnete Sensationslosigkeit des Buches zu einem Ärgernis, weil so selbst der dünne Faden gekappt wird, der einen durch die Totaltransformation eines Landes begleiten soll, die schieren Lebensdaten des Staatengründers.

Seltsamerweise ist, neben einem ausführlichen Register, auch der Apparat des Buches nicht überzeugend: so hätte man sich definitiv mehr und gründlichere Karten gewünscht als die vorhandenen vier, auch erscheinen die Fotos zum Teil etwas willkürlich in den Text eingesetzt. Am meisten erstaunt allerdings der unübersichtliche Fließtext zur verwendeten Literatur – gerade weil Kreiser eine Unmenge von Literatur konsultiert, offensichtlich viele neue Dokumente ausgewertet und sich verdienstvollerweise vor allem türkischsprachigen Materials bedient hat, wären übersichtliche bibliographische Angaben von Titel, Fundorten und Archiven von besonderem Gewinn gewesen.

Ein kreuzbraves, solides, nüchternes Buch – die Biographie Atatürks bleibt jedoch noch zu schreiben.

Klaus Kreiser, Atatürk. Eine Biographie,  C.H. Beck, 2008

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