Montag, 23. Oktober 2017

Massimo Lugli, L’istinto del lupo

Lupo Selbstjustiz  – leicht gemacht
„Gran Torino“ ist ein blöder Film. Er handelt von einem alten weißen Rassisten in einem amerikanischen Vorort, der, allein gelassen von seinen geldgeilen Kindern, seine Tage damit verbringt, den Garten zu mähen und seinen Oldtimer, den Gran Torino, zu putzen und dabei seine chinesische Nachbarsfamilie als „Bambusratten“ zu bezeichnen. Ein unhöflicher, aber nicht allzu gefährlicher Rassist also, und entsprechend schnell lässt er sich vom rührend lieben und entzückend frechen Geschwisterpaar besagter Nachbarsfamilie erweichen – raue Schale überm weichen Kern usw. usf. -  und verteidigt sie fortan gegen die böse chinesische Gang ihres Cousins. Auge um Auge, Zahn um Zahn: als alter Koreakriegsveteran hat er sein Gewehr ständig bei der Hand und viel Text des unterkomplexen Drehbuchs beschränkt sich auf Wenn-du-das-noch-einmal-machst-bist-du-tot-verstanden?-Litaneien.

Als die Gang schließlich das Nachbarsmädchen vergewaltigt hat, glaubt man, es sei so weit: der alte weiße Rassist lässt sich rasieren, kauft sich einen Anzug, sperrt den rasenden Nachbarsjungen im Keller ein, lädt seine Waffen und geht zum Haus der Gang. Showdown. Als Zuschauer fragt man sich, wie der Film jetzt noch die Kurve kriegen will, wenn er kein Propagandafilm für „Selbstjustiz – leicht gemacht“ sein soll. Er kriegt sie, aber mit Mühe: der alte weiße Rassist ist nämlich unbewaffnet, und als er sich in die Jackentasche greift, um sein Feuerzeug herauszuholen, wird er von den Maschinengewehren der Gang zerlöchert. Nun hat die Polizei ihren ersten und letzten Auftritt, in dem sie in flackerndem Sirenenlicht die bösen Chinesen ab- und ins Gefängnis führt, derweil die lieben Chinesen mit steinernen, Tränen überströmten Gesichtern zuschauen.

Nun ja, Clint Eastwood ist trotz alledem großartig anzuschauen und jede Reflexion über diese Schauspielerpersönlichkeit und  –präsenz ist vielleicht dankbarer als eine Analyse des Films, dennoch: diese gerade noch gerettete politisch korrekte Moral des Films gibt zu denken. Das den Film über unverhohlen zelebrierte Heldentum, zuhause seine Knarre im Schrank zu haben, um damit sich selbst und den Nachbarn zu verteidigen, das in den letzten Minuten des Films relativiert werden muss, um das rechtlich legitimierte Gefängnis als die „richtige“ Strafe für die Verbrecher zu zeigen – was aber hinter dem unzureichenden Plot und dem Alibirassismus bleibt, ist der heimliche bittersüße Geschmack der Selbstjustiz.

Dieser Befund gilt auch für das Buch, das Massimo Lugli auf die Kandidatenliste des Premio Strega, des größten italienischen Literaturpreises, gebracht hat: L’istinto del lupo, der Wolfsinstinkt. Was schon der Titel ankündigt, setzt sich im Buch in vermeintlich viriler Härte fort. Lapo, Söhnchen aus wohlhabendem Haus, der, wie es die Gesetze einer solchen Fiktion wollen, natürlich klein und schwach ist und immer in der Schule verprügelt wird, lernt den Straßenstreicher Tamoa kennen, der ihn nach und nach mit seiner philosophischen Weltsicht und den Gesetzen der Straße bekannt macht – und ihm auf sehr vielen Seiten sehr viele Kampftechniken beibringt. Aus Lapo wird Lupo, der Wolf, der bald genauso brutal kämpfen kann wie sein Meister und mit diesem auf der Straße lebt – auch hier also ein in seiner psychologischen Schlichtheit kaum zu übertreffender Plot, doch auch hier manifestiert sich im Lauf der Handlung eine groteske Feier der Selbstjustiz.

Grotesk zum einen insofern, als der Autor sich sichtlich Mühe gibt, die richtig echt krass harte Gewalt zu erzeugen, die „da unten“ vor sich geht – mehrfach bekommt man en detail geschildert, wie ein Gesicht unter Schlägen zu einer Matsche aus Blut und Knochen wird – und zum Teil sind Handlungsabläufe derart vorhersehbar und sprachlich so uninteressant, dass man getrost drei Seiten überschlagen und weiterlesen kann, weil man sich als gutbürgerliche Leserin Silberberg problemlos vorstellen kann, wie sich der gutbürgerliche Autor Lugli den Pathos, die Männerfreundschaft und die Gewalt der Straße vorstellt.

Überraschender, jedoch nicht weniger grotesk ist dabei, wie der immer wieder betonten Gleichgültigkeit Lupos gegenüber gesellschaftlichen und politischen Geschehnissen ein Gesetz der Straße gegenüber gestellt wird, das seine hässliche Fratze erst gegen Ende des Buches enthüllt. Während Lupos Schulkameraden sich links engagieren, will er in Ruhe gelassen werden und von Tamoa das richtige Leben lernen. In dieser vermeintlichen Abkehr von gesellschaftlichen Normen, der vermeintlichen Losgelöstheit von allen Regeln, zeigt sich jedoch gleichzeitig das reaktionäre, auf Klischees und Diskriminierung beruhende Bild, das Lupos Autor von dieser Realität hat. Eine Verkaufsverhandlung mit Zigeunern kommt nicht ohne die Beschreibung sämtlicher Zigeunerklischees aus, die Prostituierten, für die Lupo eine Zeitlang Botendienste ausführt, erscheinen entweder als mütterlich oder eigentlich immer geile Fotzen, gleichzeitig kommt männliche Prostitution, die sowohl Tamoa als auch Lupo angeboten wird, trotz aller Not selbstverständlich nicht in Frage. Sie sind zwar kriminell, doch Heroinhändler werden von Tamoa ebenso selbstverständlich zu Brei geschlagen – denn Heroin ist dreckig.

Damit ist es nicht nur ein schlechtes Buch, sondern vor allem ein feiges Buch, das vorgibt, krasse Straßenrealität abzubilden, ohne dabei aber die Schmerzgrenze seines Protagonisten anzutasten. Auch hier regiert Auge und Auge, Zahn um Zahn; eine Selbstjustiz, die jedoch am Schluss gleichfalls auf atemberaubende Art und Weise relativiert wird. Tamoa ist auf brutalste Art und Weise ermordet worden, allerdings weiß Lupo nicht, wer es getan hat, bis ihm Tamoas Schwester Parvati von ihrer und Tamoas Vergangenheit erzählt. Diese Erzählung von Blut, Schweiß und Tränen, Bandenkriegen, Weltreisen, Straßenstreicherromantik und Treueschwüren ist in ihrer Geschmacklosigkeit und Übertreibung selbst innerhalb dieses Buches ein Meisterwerk der Verlogenheit, die auch die vermeintliche politische Gleichgültigkeit ad absurdum führt: Tamoa gehörte nämlich einer Bande an, die wiederum mit einer anderen Bande, „die drei großen C“, Drogengeschäfte machen wollte. Das Wort „Mafia“ fällt kein einziges Mal, dafür schwört Tamoa seine Bande darauf ein, selbst niemals Drogen zu nehmen. Sein bester Freund Gege hält sich nicht dran und Tamoa tut in seinem Schmerz über den Verrat das allerschlimmste: er verrät ihn seinerseits an die Polizei, die hier ebenfalls einen einzigen Auftritt hat. Gege hat nun Rache genommen, allerdings männlich und ehrenhaft, indem er Tamoa erst erdrosselt und dann gefoltert hat – wie Lupo erfährt, nachdem er seinerseits Gege entführt hat und nun Rache nehmen will.

Vorhang auf für die Selbstjustiz. Doch ähnlich wie bei „Gran Torino“ gibt es nun eine Wende, denn, wiederum den Gesetzen schlechter Fiktion folgend, hat Lupo natürlich noch einen Brief von Tamoa gefunden, indem dieser ihn beschwört, sein Leben zu leben und von Mord und Totschlag Abstand zu nehmen. Nun stellt sich die Frage, wie er einerseits dem Gesetz der Straße gehorchen und andererseits seinem Meister Genüge tun soll. Zudem mit einem Opfer, das so männlich und verständnisvoll über Lupos schwierige Lage vor ihm sitzt, dass ein schlichter Mord unmöglich wird. Was tun? Lupo zieht sein Messer hervor, löst die Fessel und – Gege stürzt sich selbst hinein, nicht ohne mit einem ehrenvollen „Merci“ sein Leben auszuhauchen.

Die Polemik, das entnervte Schnaufen beim Lesen hat bei diesem schlimmen Schluss ein Ende: es gibt keine eilig herbei gezerrte Staatsgewalt mehr wie bei Clint Eastwood, der in der Pose des Gekreuzigten auf dem Asphalt aufschlägt, mit sich selbst in Frieden aufgrund des doch noch politisch korrekten Endes. Auch hier wird die Selbstjustiz unnötig, jedoch nicht, indem Lupo verzichtet oder aber die Polizei eingreift, sondern in der gänzlich ironiefreien Ehrbezeugung zwischen Männern, die selbst zu leben und zu sterben wissen. Und das ist Omertà – die Ehre der Mafia.

Massimo Lugli, L’istinto del lupo, Newton Compton editori 2008

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