Freitag, 24. November 2017

Anthony McCarten, Hand aufs Herz

handaufsherzWer am längsten die Hand ans Auto hält, gewinnt es. Es gelten strenge Regeln (alle zwei Stunden fünf Minuten Pause, man darf sich nicht ans Auto lehnen, nicht sitzen und nicht schlafen) und es winkt ein Eintrag ins Guinnesbuch der Rekorde. Eine makabre Ausgangssituation. Von den über hundert Teilnahmewilligen werden vierzig ausgelost, gestartet wird an zwei Autos mit je zwanzig Personen. Tom Shrift, einer der Hauptakteure und nach außen hin ein dynamischer, attraktiver und gebildeter Mann im besten Alter, wird von einem der Autohausmitarbeitenden unter der Hand mit einem gültigen Los ausgestattet. Denn natürlich geht es nicht um Wohltätigkeit, sondern um Marketing. Das Autohaus braucht Kunden, um dem Bankrott von der Schippe zu springen. Und so sollen neben den abgerissenen Gestalten auch gutaussehende Gewinnertypen am Wettbewerb teilnehmen. Schließlich will man bei der Öffentlichkeit kein Mitleid, sondern Faszination hervorrufen.

Während des Wettbewerbs müssen sich die Teilnehmenden, ob sie wollen oder nicht, miteinander auseinandersetzen. Das blonde Busenwunder Betsy verliebt sich in den stinkreichen Matt, der nur teilnimmt, weil er einmal im Leben etwas aus eigener Kraft erreichen will, und hat in der Fünf-Minuten-Pause Sex mit ihm hinter den gestapelten alten Autoreifen. Tom, der Unnahbare, ist fasziniert von Jess, der Straßenpolitesse, der er bereits unter anderen Umständen begegnet ist (sie klemmte gerade einen Strafzettel unter die Scheibenwischer seines Autos, als er von einem misslungenen Bewerbungsgespräch zurückkam). «Konkubine des Satans» und «blöde Kuh» betitelte er sie da – und erfährt nun, was es bedeutet, so jemandem unter andern Umständen wieder zu begegnen. «Ich bin froh, dass ich Sie wieder sehe», sagt er zu ihr. «Ich habe da nämlich noch eine Frage, die ich damals nicht gestellt habe. Wie können Sie eine Arbeit tun, bei der Sie von morgens bis abends beschimpft werden? Das begreife ich nicht.» Psychologisch zwar laienhaft, aber effektiv bohrt Tom von nun an so lange in Jess` Gefühlsleben herum, bis die Dämme brechen und die Tortur auf dem Hof des Autohauses zur emotionalen Reinigung führt. Jess fühlt sich schuldig, weil sie immer noch am Leben ist, wohingegen ihr Mann bei einem Autounfall starb und ihre Tochter seitdem von den Schultern abwärts gelähmt ist. Ihr katholischer Glaube mag seinen Teil dazu beigetragen haben, dass sie sich einen Job gesucht hat, in dem sie sich kasteien kann. Den ist sie nun aber sowieso los, weil ihr Chef aus dem Radio mitbekommen hat, warum sie seit Tagen nicht bei der Arbeit erschienen ist. 

Während die immer weniger werdenden Teilnehmenden Stunde um Stunde, Tag um Tag in der Sonnenhitze, im Regen und den kühlen Nächten die immer schwächer werdenden Kräfte mobilisieren und mit einer Hand am Auto ausharren, werden sie zur Schicksalsgemeinschaft, die sich gleichzeitig unterstützt und bekämpft. Sie erzählen aus ihrem Leben, teilen Essen und Trinken, haben Sex, lachen und streiten, laufen Amok und entwickeln ungeahnte Willenskräfte. Und sogar gestorben wird wegen der Ankündigung eines Bluttestes, bei dem keine «Substanzen» nachgewiesen werden dürfen, weswegen einer der Teilnehmer seine Medikamente absetzt. So lächerlich und entwürdigend es scheint, auf solche Art zu Geld kommen zu müssen – die Situation hat meditativen Charakter. Hier stößt jeder an seine Grenzen und wird sich bewusst darüber, was er eigentlich will und zu was er in der Lage ist. An der Grenze zum Wahnsinn durch den nächtelangen Schlafentzug und mit schmerzenden Körpern delirieren sich die wenigen Übriggebliebenen dem Sieg entgegen.

In einem spannenden Showdown endet der Wettbewerb. Doch mit ihm ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Wer so viele Tage und Nächte Zeit hatte, über sein Leben nachzudenken, der kehrt nicht zurück in eine Routine, die ihm nicht gut tut. Es wird nun Farbe bekannt, die Hand aufs Herz gelegt, Gefühlspanzer werden abgestreift und Pläne geschmiedet. Es ist plötzlich möglich, dem Leben eine neue Wendung zu geben. 

Das Buch von Anthony McCarten besticht nicht durch seine Sprache; die ist dem Alltag entnommen und kommt ohne Poesie aus. Es entwickelt aber einen raffinierten Plot und ist bis zum Ende spannend zu lesen. Wenn man das Buch angefangen hat, muss man es in einem Rutsch bis zum Ende durchlesen. Versprochen.

Anthony McCarten, Hand aufs Herz, Diogenes 2009 (Original: «Show of Hands», New York 2009)

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