Montag, 23. Oktober 2017

Auf dem Sofa: August 2009

Das ist eine Vorwegnahme – und weil also eigentlich schon September, kommt sie hier vorneweg (und nicht chronologisch nach den ganzen ZEHs) – ein Fest, eine Feier, ein Rausch: die erste Gesamtübertragung von WALT WHITMANs

  • Walt Whitman

  • (Mal ein WHITMAN-Foto, auf dem WHITMAN nicht wie WHITMAN aussieht, also nicht uralt, mit diesem Schlapphut und von einem brustlangen Bart umwallt – aufgenommen hat das à la russe wirkende Bild der Fotograf Feinberg, und zwar 1854, da war WHITMAN 35 Jahre alt und saß am Satz der Erstausgabe seiner LoG, die ein Jahr später in New York erschien.)

    LEAVES OF GRASS erscheint am 7. September auf Deutsch, in der Übertragung von Jürgen Brôcan, bei Hanser (der ein unglaubliches Herbstprogramm hat (Suhrkamp aber auch!)) – und da heißen sie jetzt GRASBLÄTTER, was keine sich von allen vorangegangenen Übersetzungen absetzen wollende Macke Brôcans ist, sondern eine wohlbegründete und richtige Entscheidung (auch wenn es uns allen schwerfallen wird, das so in unseren Köpfen abzuspeichern und immer gleich parat zu haben). Aber das steht alles zum Nachlesen in den Anmerkungen und soll nicht wiederholt werden.
    Zur Übersetzung ist zu sagen, dass sie manchmal noch schlanker, griffiger sein könnte, diesen bei deutschen Lyrikübersetzern so häufig anzutreffenden Tick, zu poetisieren, vermeidend – warum, zum Teufel, muss „and I do not stop there“ mit „aber ich verweile dort nicht“ wiedergegeben werden? Trotz dieser bisweilen klassizistischen Altbackenheit ist es aber natürlich eine große Leistung, die 500 Seiten hymnischer und berauschender All-what-America-is-and-would-be-Gesänge übersetzt zu haben. Am allerschönsten, allerherrlichsten ist es, die Übersetzung neben die englische Ausgabe zu legen (falls mal was fehlt, kann man dann rüberlinsen) – denn natürlich ist das Original nicht zu erreichen, in keiner Sprache – aber zum Glück ist es ja nicht Chinesisch, sondern Englisch (und sind, das muss hier leider doch wenigstens in Klammern gesagt werden, die englischen Anmerkungen, die auch am Fuß jeder Seite stehen, so dass man nicht immer blättern muss, viel, viel ausführlicher).
    Hier jetzt, zum Vorfreuen, nicht eins der ganz berühmten Gedichte, sondern ein unscheinbareres – das mich aber sehr beglückt hat:

    FUNKEN VOM RAD

    Wo das unablässige Stadtvolk den lieben langen Tag vorbeiläuft,
    Geselle ich mich abseits zu einer Gruppe schauender Kinder und halte bei ihnen inne.

    Am Bordstein vorm Rand des Plattenwegs
    Arbeitet ein Messerschleifer an seinem Rad, er schärft ein großes Messer,
    Hält es vorgebeugt behutsam mit Fuß und Knie gegen den Stein,
    Und dreht rasch mit rhythmischem Tritt, wenn er mit leichter, doch fester Hand andrückt;
    Dann stieben in üppigen goldenen Strahlen
    Funken vom Rad.

    Diese Szene und alles Beiwerk, sie ergreift und berührt mich,
    Der traurige scharfkinnige alte Mann in zerschlissener Kleidung und mit breitem ledernen Schulterriemen,
    Ich selbst, verströmend, flutend, ein seltsam treibendes Phantom, jetzt hier gefesselt und gefangen,
    Die Gruppe, (ein unbeachteter Punkt in einer weiten Umgebung,)
    Die aufmerksamen, stillen Kinder, das laute, stolze, störrische Baßfundament der Straßen,
    Das leise heisere Surren des wirbelnden Rades, die leicht angedrückte Klinge,
    Spritzende, fallende, in kleinen goldenen Schauern seitwärts sprühende
    Funken vom Rad.

    Der August steht bisher ganz im Zeichen essayistischer und pamphletistischer Bücher, die Belletristik mault aber nicht (sie weiß schon, dass sie bald wieder zu ihrem Recht kommt). Alles begann am 1./2. August mit JULI ZEHs ALLES AUF DEM RASEN. KEIN ROMAN (btb 2008), einer Sammlung von nach Themen (Politik, Gesellschaft, Recht, Schreiben, Reisen) geordneten Beiträgen für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, mehr oder weniger gelungenen Essays, darunter das berühmte „Prinzip Gregor“, die Selbstgenügsamkeitstheorie des Jahrtausendanfangs, die sich aus Verarmungs- und Versagensangst speiste und, wie JULI ZEH auf ihrer Website zugibt, sich längst überholt hat. Überhaupt scheint die Haltbarkeitsdauer der Beiträge eher gering – selbst als Dokumente einer Denk- und Seinsweise eines bestimmten Jahrfünfts (2000–2005) einer bestimmten Generation (der Anfang-bis-Mittsiebziger-Geborenen) sind sie nur noch sehr bedingt lesenswert. Was nicht zuletzt, sondern zuallererst am Stil liegt.
    Wenn man eine Behauptung aufstellt, einen Gedanken formuliert, der doch eine Einsicht vermitteln soll, den Ansatz zu einer Wahrheit oder einem Denk-mal-drüber-nach-lieber-Leser, und ihm dann ein „Sei’s drum“ oder „Egal“ folgen lässt, setzt man sich besser gleich ins Strandcafé und schaut den Wolken nach. Und leider gehen bei ZEH auch die „ichs“, „wirs“ und „mans“ immer so hübsch durcheinander, dass man selten weiß, wer spricht hier zu wem, wer zeigt sich, gibt sich halb zu erkennen, bekennt sich (wozu?, zu einer Meinung?, zu einer Haltung? – das, ja, das wäre etwas!), versteckt sich hinter wem? Der Mut, „ich“ zu sagen, fehlt – und so bekommen die Texte, die doch die subjektive Sicht auf Phänomene der Politik, des Alltags, des Schreibens und Reisens spiegeln, eine Verschwommenheit, die vom Versteckspiel des Absenders herrühren. Geradezu eine Marotte von ZEH ist der fiktive Dialog zwischen „ich“ und einem Freund „F.“ – so geht es natürlich flotter mit den Einwänden, mit dem Beleuchten einer Sache aus verschiedenen Meinungsrichtungen; der Preis dafür ist aber, dass schließlich nur ein Brei bleibt, keine Aussage, mit der der Leser sich auseinandersetzen, an der er sich reiben, eine These, zu der er eine Gegenthese bilden könnte. Das hat dann viel von der Aufgeregtheit und Unverbindlichkeit der Unterhaltungen am Freitagabend in kleiner Runde mit Freunden beim Essen – es wird viel geredet, aber wenig gesagt. Und eine Auswirkung aufs eigene Tun hat es schon gar nicht.
    Auch mit dem zweiten Buch von JULI ZEH, das, da als Doppel geschenkt, in der Lektüre gleich darauf, am 1. und 3. August, folgte – JULI ZEH: DIE STILLE IST EIN GERÄUSCH – EINE FAHRT DURCH BOSNIEN (btb 2003) – wurde ich nicht recht warm.
    Seit ein paar Jahren lese ich über die Balkankriege, verfolge die Entwicklung der ehemaligen Kriegsgegner in der Presse. Seit meiner Reise nach Novi Sad im August 2008 hat sich das Interesse noch mal verstärkt, aber auch der Eindruck, der damals, als die Kriege losbrachen und Verfolgung und Genozid der einen durch die anderen täglich in den Nachrichten zu sehen waren, so stark war, dass man, trotz der vielen Bilder, Interviews, Hintergrundberichte, nicht verstand, was Ursachen und Gründe für diese Kriege waren, die Belagerung von Sarajevo, die Zerstörungen, Srebrenica. Woher dieser Hass kam. Was zugleich heißt: Woher dieser Hass kommt. Die Unterdrückungs- und Auslöschungsphantasien. Das Greifen nach dem Eigentum des anderen, sei es beweglich oder unbeweglich. Das ist ja alles noch da. Nicht nur auf dem Balkan, sondern überall dort, wo Menschen zusammen leben – oder müsste es heißen: verschiedene Gruppen von Menschen? Und bedeutet es nicht dasselbe? Wo Menschen leben, lassen sich immer Unterschiede finden, Grenzen ziehen.
    Bei JULI ZEH finde ich Sätze, die wieder eine neue Farbe ins Aufklärungs- und Verstehensspiel bringen:

    «Die serbische und die kroatische Seite», sagt sie, «wollten das Land unter sich aufteilen. Zwischen Zagreb und Belgrad hat es während des Kriegs immer wieder verdeckte Verhandlungen zu diesem Thema gegeben. Aber stell dir vor, was dann aus den Moslems geworden wäre.»
    «Vielleicht ein eigener Staat?»
    «Gegründet aus einer Handvoll Leute, die noch dazu weit verstreut im Land leben? Ihnen ein Territorium zuweisen, Kroaten und Serben verjagen und darauf warten, dass Moslems aus den anderen Gebieten einwandern oder was?» (Seite 80)

    Mile hat noch gesagt, dass dieser Krieg, den wir im Westen alle nicht begriffen haben, ein Krieg der Bauern gegen die Städter war.

    Die Srebrenica-Episode ist so viel Wasser auf meiner Mühle, dass sie durchdreht davon. Eine Schutzzone einrichten, sich damit in den Medien brüsten, den Flüchtlingen aus der Region sicheren Unterschlupf versprechen. Dann zulassen, dass die Stadt in wenigen Tagen leergeräumt wird. Achttausend Menschen vor den Augen der UNO-Soldaten geschlachtet, Leichen in den Häusern, auf den Straßen, im Wald verteilt. (. . .) Wenigstens eines der internationalen Büros sollte ich aufsuchen. (. . .) Die Consultants und Deputies würden auf Englisch vom Elend berichten und sich ausschweigen über das Gerücht, die Säuberung Srebrenicas sei abgesprochen gewesen zwischen Westmächten und Kriegsführern, weil die Moslemstadt mitten in serbischem Gebiet lag. Sonst wäre der Friedensvertrag nie unterzeichnet worden.

    Und natürlich werfen diese Sätze ein grelles Licht auf die Szenerie, tragen dann aber auch nicht zur Klärung bei. Es ist zu viel (Nach-)Kriegsromantik, schon ZEHs Aufbruch gen Balkan, mit noch mal schnell selbstgekürztem Pony (hat sie dazu einen Türkensäbel benutzt?), dann der Hund, den sie mitnimmt – ein Begleiter, der dafür, dass er ihr nicht reinreden, seine Sicht der Dinge nicht mitteilen, seine Eindrücke nicht schildern und gegen die ihren halten kann, viel zu oft erwähnt wird. Ich verstehe das schon – sie fühlt sich sicherer mit ihm. Der Leser aber nicht, der sähe sie lieber allein herumgehen und -fahren, der Hund verstellt allzu oft den Blick.
    Und am Ende rettet ZEH einen Welpen von der Landstraße und nimmt ihn mit nach Hause. Was, bitte, soll das? Das soll doch nicht etwa heißen: seht her, die Tiere sind die besseren Menschen, sie nehmen keine Drogen, haben keine eigene Meinung, töten sich nicht gegenseitig aus undurchschaubaren Motiven, verminen nicht das Gelände? „Ich werfe meine Jacke auf den Boden, setze mich darauf und decke mich mit Hunden zu.“ Das ist der letzte Satz des Buchs. Eine Volte in romantizistischen Eskapismus. JULI ZEH fährt mit einem Hund nach Bosnien und kommt mit zweien zurück. Das ist die einzige nachhaltige Spur, die ihre Reise in der bosnischen Realität hinterlässt.

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